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06. März 2012  | dpa/e

Ein Prinz stellte dem Eberstädter Bücherdieb eine Falle

 
Dutzende Kisten mit historischen Büchern lagern noch unangetastet bei der Polizei in Korbach, die sich mit dem spektakulären Bücherklau eines Darmstädter Politikers beschäftigt. Es wird noch Wochen dauern, bis die betroffenen Bibliotheken ihre Bestände wieder zurückbekommen können. Foto: Polizei Korbach
| Vergrößern | Dutzende Kisten mit historischen Büchern lagern noch unangetastet bei der Polizei in Korbach, die sich mit dem spektakulären Bücherklau eines Darmstädter Politikers beschäftigt. Es wird noch Wochen dauern, bis die betroffenen Bibliotheken ihre Bestände wieder zurückbekommen können. Foto: Polizei Korbach
KORBACH/BERLIN/DARMSTADT. 

Latein kommt in der Polizei-Ausbildung ein bisschen kurz. Das rächt sich jetzt, scherzen die Beamten in Nordhessen. Sie haben dieser Tage mit Diebesgut der etwas anderen Art zu tun: Bücher – alte, wertvolle, seltene Bücher. Rund 24 000 Bände, die der Darmstädter SPD-Politiker Torsten Roßmann gestohlen haben soll (wir haben berichtet). Das älteste Buch, das bisher im Diebesgut entdeckt wurde, stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und ist auf Latein geschrieben. Die meisten Bände stammen aus dem 18. Jahrhundert.
Inhaltlich geht es meist um Naturwissenschaften, Schwerpunkt Geologie. „Millionenwerte“, sagt Dirk Virnich von der Polizeidirektion im nordhessischen Korbach. In dem Einfamilienhaus des Familienvaters in Darmstadt gab es kaum eine Stelle, an dem keine Bücher lagen, berichten Augenzeugen, die Regale waren schon lange voll. „Von sachgerechter Lagerung kann keine Rede sein.“
Dass Roßmann überführt wurde, ist Wittekind Prinz zu Waldeck und Pyrmont zu verdanken. Der 75-Jährige ist ein Verwandter von Königin Beatrix der Niederlande und als Erbe der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek in Bad Arolsen Herr über 35 000 historische Bücher. Dort wurde der Bücherdieb am 21. Februar auf frischer Tat ertappt, als er mit 53 Bänden das Schloss verlassen wollte. Man hatte ihn im Auge, nachdem immer wieder Werke über Mineralogie, Geophysik und Naturlehre verschwunden waren.

Bad Arolsen und seine Bibliothek

Bad Arolsen im nordhessischen Kreis Waldeck-Frankenberg war von 1655 bis 1918 Residenz der Familie von Waldeck-Pyrmont. Das barocke Residenzschloss wurde von 1710 bis 1810 nach dem Vorbild von Versailles als dreiflügelige Schlossanlage gebaut. Heute ist das Schloss ein Museum und wird weiter von den Nachfahren der Fürstenfamilie bewohnt. Die Fürstlich Waldecksche Hofbibliothek besitzt an die 35 000 Bände, die auf fünf Räume verteilt sind. Daneben gibt es tausende Landkarten und Stiche. Eigentümer der Hofbibliothek ist eine Stiftung. Seit 1840 wird die Bibliothek nur noch sporadisch erweitert. Die Schwerpunkte liegen auf den Fächern Geografie, Geschichte, Literatur und Militaria. Die Keimzelle der Bibliothek waren 400 Bücher, Handschriften und Drucke, die 1576 bei der Auflösung des nahe Arolsen gelegenen Klosters Volkhardinghausen an den Waldeckschen Hof kamen.

„Der machte einen hervorragenden Eindruck“, erinnert sich der Prinz an den Besucher, „ein hochintelligenter Kerl“. Der promovierte Geowissenschaftler und Diplomgeologe Roßmann war Mitarbeiter des hessischen Wissenschaftsministeriums, davor hatte er das Biotechnik-Zentrum der Technischen Universität Darmstadt geleitet. Als Kommunalpolitiker war der verheiratete Vater zweier Kinder für die SPD aktiv.
Jeden Tag dringen neue Details dieser Art an die Öffentlichkeit und stets werden sie von den entsprechenden Quellen bestätigt. Das Ministerium hat den 45-Jährigen inzwischen suspendiert, sein Mandat in der Stadtverordnetenversammlung legte er freiwillig nieder. Den Büchernarren erwartet jetzt eine Anklage wegen schweren Diebstahls, darauf stehen drei Monate bis zehn Jahre Haft.
Die Polizei im beschaulichen Korbach kam – wegen des Orts der Festnahme – zu dem Fall wie die Jungfrau zum Kind. Seit der Fall publik wurde, rufen ständig Bibliotheken an, die glauben, zu den Geschädigten zu gehören. Nach heutigem Stand der Ermittlungen wurde die illegale Privatsammlung aus mindestens 40 deutschen und 10 ausländischen Häusern zusammengeklaut. Auch viele große sind darunter wie die Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität. Sie alle werden sich gedulden müssen, bis sie ihre Bestände zurück bekommen. „Die Kollegen sind immer noch beim Kistenauspacken“, berichten Mitarbeiter der Arbeitsgruppe der Polizei. „Wir müssen jedes Buch in die Hand nehmen.“
Was den Darmstädter Roßmann zu dem Diebstahl im großen Stil trieb, ist nicht bekannt. Als die Polizei ihn vernahm, schwieg der Beschuldigte. Um finanzielle Bereicherung scheint es ihm nicht gegangen zu sein. Im Gegensatz zu vergleichbaren Fällen hat er offenbar nie versucht, eines der Bücher über das Internet, bei einem Antiquariat oder einer Auktion zu Geld zu machen. Der Prinz glaubt an eine Art Krankheit: „Bibliomanie.“ Im Kurzinterview erklärt er, wie genau er den Dieb stellen konnte:

 


Wie ist es Ihnen gelungen, den Dieb zu stellen?

Wittekind Prinz zu Waldeck und Pyrmont: Wir haben im vergangenen August bemerkt, dass ein bestimmtes Buch fehlte. Bei einer Inventur des entsprechenden Regals fiel auf, dass auch weitere Bücher weg waren - und alle betrafen das Gebiet, mit dem sich dieser Mann speziell beschäftigte. Wir waren elektrisiert: Das konnte nur er sein. Also riefen wir die Polizei.
Die hat ihn dann in flagranti überführt. Wie genau lief das ab?

Wittekind zu Waldeck: Er meldete sich ja immer an, bevor er kam. Beim nächsten Besuch baute die Polizei Videokameras auf und legte sich im ersten Stock auf die Lauer. Die Beamten haben dann gesehen und gefilmt, wie er 53 Bücher hinaustrug - im Mantel, in Jutetaschen, in der Laptoptasche...

Welchen Eindruck hatten Sie zuvor von diesem Besucher?
Wittekind zu Waldeck: Der machte einen hervorragenden Eindruck! Das erste Mal kam er 2010, er stellte sich vor als Fachmann vom Wissenschaftsministerium, der zuständig ist für Bibliotheken, aber auch privat forscht. Er kam immer mit Dienstwagen, kannte sich hervorragend aus. Das war ein hochintelligenter Kerl.

 
 


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