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Darmstädter Tafel: Andrang der Armut

Tafel verzeichnet steigende Zahl von Menschen, die bei ihr essen – Noch genügend Helfer und Spender

Service: Ursula Summer (rechts) und Maria Weiland tragen im Gastraum der Darmstädter Tafel in der Bismarckstraße das Essen auf.  Foto: André Hirtz
Service: Ursula Summer (rechts) und Maria Weiland tragen im Gastraum der Darmstädter Tafel in der Bismarckstraße das Essen auf.  Foto: André Hirtz
Trotz guter Konjunktur wächst die Kundschaft bei der Darmstädter Tafel. Während es noch genügend Spenden und Helfer für die Tafel gibt, wird der Raum in der Bismarckstraße knapp.
DARMSTADT.

Dienstags gibt's Eintopf. Eine Kürbissuppe, ein Würstchen, Salat und ein Stück Kuchen stehen zudem auf dem Speiseplan der Darmstädter Tafel. Mehr als 30 Leute sitzen kurz nach Mittag im Speiseraum. Bis zu 80 Menschen kommen werktags zum Mittagstisch. „Seit Jahren werden es stetig mehr“, sagt Hans Wegel vom Vorstand des Vereins Darmstädter Tafel. Der bundesweite Trend spiegelt sich in der Bismarckstraße 100 wider.

„Früher kamen 20 Leute zum Essen“, erinnert sich Wirtschaftsleiterin Ursula Summer an die Anfänge in der Pallaswiesenstraße. Seit zwölf Jahren arbeitet sie bei der Tafel, sie ist die einzige hauptamtlich Beschäftigte.

Die Darmstädter Tafel selbst gibt es seit 1995. Seither gibt es nicht nur deutlich mehr Mittagesser. Auch die Zahl der derjenigen, die bei der Tafel Lebensmittel zum Eigenbedarf erhalten, ist gestiegen. Kamen zu Beginn 40 Darmstädter an einem Ausgabetag, sind es jetzt montags, mittwochs und freitags jeweils 120. Während jeder ein Mittagessen bekommt, muss für die Lebensmittelausgabe ein Berechtigungsschein vorgelegt werden, der Beleg, dass der Kunde Hartz IV oder Grundsicherung erhält. Dann kann er ein Mal pro Woche Lebensmittel bekommen. „Die Zahl ist geradezu explodiert“, sagt Ursula Summer.

Altersarmut und mehr Hartz-IV-Empfänger

Woher kommt dieser Anstieg? Trotz guter Konjunktur ist die Zahl der Darmstädter, die auf Hartz IV angewiesen sind, seit 2010 von 12 510 auf 12 842 gestiegen. „Hinzu kommt Altersarmut“, nennt Wegel einen weiteren Grund. Ein Blick in die Statistik bestätigt dies. Die Zahl der über Fünfundsechzigjährigen in Darmstadt, die Grundsicherung bekommen, ist von 1022 im Jahr 2008 auf 1369 im vergangenen Jahr gestiegen. Hinzu kommt nach Ansicht des Vereinsvorsitzenden Gert Wentrup, dass die Scheu, zur Tafel zu gehen, nicht mehr so groß ist, wie vor Jahren. Auch Asylbewerber kommen in die Bismarckstraße.

Dort ist die räumliche Kapazität begrenzt, obwohl die Tafel erst vor fünf Jahren von der Pallaswiesenstraße in die größeren Räume umgezogen ist. „Wir geraten damit ans Ende der Fahnenstange“, sagt Gert Wentrup.

Die große Resonanz stellt den Verein auch vor finanzielle Herausforderungen. Die größeren Räume kosten mehr als die städtische Immobilie in der Pallaswiesenstraße, Kühlgeräte und -raum für verderbliche Ware verbrauchen viel Energie. Unter anderem deshalb müssen die Kunden inzwischen einen kleinen Obolus bezahlen. Das Essen kostet einen Euro, die Lebensmittel zwei Euro pauschal. Der Verein hat damit Einnahmen. Aber nicht nur das. „Die Menschen haben dadurch auch das gute Gefühl, dass es keine Almosen sind“, sagt Gert Wentrup.

„Der eine Euro ist schon in Ordnung. Dafür bekomme ich ein komplettes Essen“, sagt eine 42 Jahre alte Frau. Seit sechs Jahren kommt die Alleinerziehende zur Tafel. Wegen ihres Kindes und der kranken Eltern kann sie nicht in ihrem Beruf als Altenpflegerin arbeiten. Das Geld ist knapp. „Was ich hierdurch beim Essen spare, kann ich meinem Kind geben“, ist ihre Rechnung. Auch die Neunundsiebzigjährige zwei Tische weiter muss jeden Cent zwei Mal umdrehen. Montags bis freitags kommt sie zum Mittagstisch.

Im Gegensatz zu manch anderer Tafel in Deutschland kommt die Darmstädter Tafel mit der steigenden Kundenzahl noch klar. Andernorts werden bereits Lebensmittel und Helfer knapp.

„Mit beidem haben wir kein Problem“, sagt Wentrup. Es gibt rund 50 Sponsoren. Manche spenden Geld, von dem Miete und die Unterhaltung der beiden Tafel-Fahrzeuge mitbezahlt werden. Andere geben Lebensmittel ab. Auf der Liste stehen Darmstädter Bäckereien wie Bormuth und Breithaupt aber auch Filialen großer Ketten. Mit Rewe und Lidl hat der Bundesverband Verträge abgeschlossen.

Jeden Tag sind Helfer der Tafel mit den beiden Transportern unterwegs, fahren die Geschäfte an, die Lebensmittel abgeben. Weil sie nicht mehr so ansehnlich sind oder das Haltbarkeitsdatum bald abläuft. An diesem Dienstag werden 180 grüne Steigen mit dem Lastenaufzug in den Keller und das Gemüsehaus gebracht und in die Regale einsortiert.

Jede Menge Arbeit für ehrenamtliche Helfer

Auch an Helfern mangelt es nicht. Neben vier Ein-Euro-Jobbern und sieben Bufdis gibt es 45 ehrenamtliche Helfer. Sie kochen, spülen, geben die Ware aus, räumen ein. Bei der Tafel gibt es jede Menge Arbeit. „Helfer gibt es immer wieder“, sagt Vorstandsmitglied Hans Wegel. Ihm ist nicht bange, dass Sponsoren und Verein den Kundenzuwachs meistern: „Das bürgerschaftliche Engagement ist groß.“

 

Artikel Text Laenge: 4476

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  • 07. Januar 2014
  • Von wog
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