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Vor sechzig Jahren: Die Ruine des 1944 zerstörten Ludwigsbahnhofs, von der Bismarckstraße (Vordergrund) aus gesehen. Links im Hintergrund das bereits um zwei Etagen aufgestockte Gebäude der ehemaligen Bank für Handel und Industrie, das heute noch steht. Repro: Claus Völker
DARMSTADT.
Was muss das einst für ein Erlebnis gewesen sein für die Bessunger Buben, als die berühmtesten Fernzüge sozusagen in Kirschkernspuckweite vorbeidonnerten! Damals, als die Gleise der Main-Neckar-Bahn die Stadt ebenerdig von Nord nach Süd durchschnitten, auf der Trasse des jetzigen Donnersbergrings. 1912 war damit Schluss, weit draußen im Weichbild wurde der neue Hauptbahnhof eröffnet, und die Bahn machte fortan einen Bogen um Darmstadt.
Was aber wurde aus dem Ort, an man bis dahin ankam und abfuhr, Darmstadts Tor zur Welt? Dieser Frage geht eine Ausstellung nach, die am Mittwoch (8.) im Landessozialgericht - das Gebäude beherbergt auch Sozialgericht und Arbeitsgericht - eröffnet wird. Warum dort? Nun, weil das imposante Gerichtsgebäude, 1986-88 nach Plänen von Ernst Friedrich Krieger und Lothar Greulich erbaut, eben den Platz der alten Bahnhöfe eingenommen hat.
Die Ausstellung
Die Ausstellung »Steubenplatz - Standorte - Standpunkte« wird am Mittwoch (8.) um 17 Uhr im Foyer des Sozialgerichtsgebäudes eröffnet und ist dann montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr sowie freitags von 9 bis 14.30 Uhr zu besichtigen.
Zwei waren es, denn bis zur Verstaatlichung führten zwei private Bahngesellschaften ihre Züge nach Darmstadt: die Main-Neckar-Bahn (Frankfurt-Heidelberg, ab 1846) und die Ludwigsbahn (Mainz-Ascha
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burg, ab 1858). Nach 1912 kamen in den beiden Empfangsgebäuden, Behörden unter; die Bahnsteigdächer wurden andernorts wiederverwendet. Die eigenwillige Situation von Kopf- und Durchgangsbahnhof, die im rechten Winkel zueinander standen, ist heute noch an der Form des Steubenplatzes ablesbar.
Steubenplatz 14 lautet die Adresse des heutigen Gerichtsgebäudes. Die Adressen der alten Bahnhöfe lassen sich schwerer benennen - anfangs verlief dort die Kasernenstraße, die über die Rheinstraße hinweg zu den großen Militärliegenschaften im Westen Bessungens führte. Später war es die Landgraf-Philipps-Anlage, die auch den Bahnhofsvorplatz (damals übrigens Standort des Liebigdenkmals) einschloss. Zum Steubenplatz wurde die Fläche erst Anfang der dreißiger Jahre, als auch der Washingtonplatz am Spessartring seinen Namen erhielt. Die Landgraf-Philipps-Anlage freilich gibt es noch immer: südlich der Rheinstraße.
Arrangiert wurde die Ausstellung von Jutta Mauer und Angela Legde, jene Sprecherin, diese Verwaltungsleiterin des Landessozialgerichts, sowie Dietrich Flach, dem Direktor des Sozialgerichts. Das Team hat mit großem Fleiß, erheblicher Neugier und wachsender Freude Exponate zusammengetragen - in erster Linie natürlich Fotos aus hundert Jahren, dann Dokumente vieler Art, Akten, Zeitungsartikel, aber auch eine Preziose wie den Grundriss des Ludwigsbahnhofs, aus einem Skizzenbuch des »Mittelrheinischen Architecten- und Ingenieurvereins«.
Nicht die geringsten Beiträge stammen von ECHO-Lesern, etwa ein wundervoller Leporello, dessen Bilder die überschwenglich gefeierte Ankunft von Großherzog Ernst Ludwig und Großherzogin Victoria Melita am 20. April 1894 zeigen; das Paar hatte am Vortag auf Schloss Ehrenburg bei Coburg geheiratet - kein besonders glücklicher Einfall; nach fünf Jahren wurde die Ehe geschieden. Das Faltalbum hat der unermüdliche Darmstadtia-Sammler Horst Anacker zur Verfügung gestellt.
»Eine große Hilfe war uns das Stadtarchiv«, betont Jutta Mauer. Auch der Eisenbahnhistoriker Karl Assmann unterstützte die Ausstellung mit Tipps und Bildern. Die Fotos wurden übrigens kunstvoll auf Leinwand reproduziert, so dass sie auch für eine Dauerausstellung taugen würden.
Von den eingangs erwähnten Bessunger Buben, die noch die alte Main-Neckar-Bahn gekannt hatten, lebt heute keiner mehr. Wohl aber gibt es Darmstädter, die sich der Zeit danach entsinnen - wie Margot Preisher, deren Erinnerungen wir im Frühjahr veröffentlicht haben.
Die 1920 geborene Darmstädterin hat im Ludwigsbahnhof ihre frühen Kinderjahre verbracht, »die schönsten meines Lebens«. Preishers Vater Ludwig Schrauth leitete das städtischen Wohlfahrtsamt, das im Ludwigsbahnhof untergebracht war, und hatte dort auch die Dienstwohnung. Die damals hinter dem Bahnhof noch vorhandenen Gleisreste waren ein herrliches Spielgelände.
Zeitzeugenberichte hat das Ausstellungsteam zwischen Zeitungsstöcke gespannt, so dass sie bequem studiert werden können. Wenige Zeugnisse gibt es dagegen aus der zweiten Nachkriegszeit. Einige Trümmerbilder belegen immerhin, wie lang die Ruinen noch standen - und welch wüstes Brachland sich um sie herum bildete.
Das vielleicht berührendste Kapitel aus der Geschichte des Ortes ist zugleich das kürzeste: Kaum zwei Jahre lang, 1947 und 1948, hatte im weniger zerstörten Main-Neckar-Bahnhof die Jüdische Berufsfachschule ihre Unterkunft. Unter der Leitung von Samuel Milek Batalion bereitete sie Entwurzelte - »Displaced Persons«, aus den Lagern entlassene jüdische Waisen - auf die Übersiedlung nach Palästina vor. Von einigen der jungen Schüler haben sich sogar noch Karteikarten gefunden.
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