Der Prediger benutzt beide Hände lebhaft, unterstreicht fast jeden Halbsatz mit Gesten. „Ihr habt sicherlich gehört, was uns vorgeworfen wird“, sagt Pierre Vogel. Und dann ganz langsam: „Angeblich Mordauftrag – was natürlich völliger Schwachsinn ist. Mehr als zu sagen, dass es eine Lüge ist, werden wir auch jetzt nicht machen, okay? Völliger Oberschwachsinn, aber egal. Aber das zeigt uns etwas. Es zeigt, dass Feinde Allahs vor keiner Lüge zurückschrecken.“
Mit der Ansprache an seine Gefolgschaft in einem Internet-Video reagiert der einflussreiche salafistische Prediger Vogel auf einen ECHO-Bericht vom Juli, der von der Kölner „Bild“-Zeitung zusammenfassend wiedergegeben worden war – der zum Islam konvertierte ehemalige Boxmeister lebt in Frechen bei Köln. Salafisten verlangen strengste Einhaltung der islamischen Verhaltensregeln. Die „Bild“-Überschrift, gewohnt zugespitzt: „Wollten Hass-Prediger einen Killer anheuern?“
Diese Frage stellte sich nach der Aussage des islamischen Aktivisten Stefan Salim Nagi gegenüber dem ECHO. Nagi war im Juni öffentlich in Erscheinung getreten, als er vor dem Darmstädter Landgericht gegen ein islamkritisches Buch des Rodgauer Autors Zahid Khan prozessierte. Er verlor den Prozess, auch die von ihm gewünschte breite islamische Protestbewegung kam nicht zustande.
Das lag aus Nagis Sicht daran, dass sich die prominenten salafistischen Prediger Vogel und Ibrahim Abou-Nagie einer Mitwirkung verweigert hätten. Beide hätten ihm im Gespräch gesagt, sie würden gern nach Darmstadt kommen und Anhänger mitbringen, „die das Schwein Khan umbringen“, erklärte Nagi gegenüber dem ECHO. Allerdings solle er zunächst 30 000 Euro bezahlen.Als Nagi sich weigerte, hätten die Prediger angekündigt, alle Muslime von einer Kundgebungs-Teilnahme abzuhalten. Tatsächlich erschienen am Prozesstermin im Juni nur wenige islamische Demonstranten vor dem Darmstädter Gerichtsgebäude am Mathildenplatz.
Für die Äußerungen von Vogel und Abu-Nagie gebe es außer ihm noch vier weitere Zeugen, erklärte Nagi nun. Deren Namen habe er der Darmstädter Staatsanwaltschaft vorige Woche bei einer dreistündigen Vernehmung genannt. Alle seien bereit auszusagen. Bei dem Gespräch sei auch ein Vertreter des Landeskriminalamts zugegen gewesen.
„Brüder, mir sind Lügen über mich zu Ohren gekommen“, so fährt Pierre Vogel in seinem Internet-Video fort, „von Leuten, die mit der Dawa (Verbreitung des Islams – die Redaktion) zu tun haben – Brüder, ich war kurz davor, ins Auto zu steigen und hinzufahren und draufzuschlagen. Ich sage es euch ganz ehrlich, weil es einfach zu viel ist. Es ist etwas, das einem wirklich wehtut.“ Der Prediger geht dann auf die umstrittene Koran-Verteilaktion seines Kölner Mitstreiters Abou-Nagie ein, wobei Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden prominenten Salafisten angedeutet werden.
„Wenn du siehst, dass Leute Sachen behaupten und Dinge verbreiten, und diese Leute wirken glaubwürdig – das ist etwas, das einen sehr wütend macht“, erklärt Vogel.
Nagi deutet die Video-Passage als kaum verschlüsselten Aufruf an Vogels Anhänger zur Gewaltanwendung. Dies wird unterstrichen durch einen Text, der auf der salafistischen Internetseite bei dem Video steht.
Titel: „Der seltsame Fall des Stefan Salim Nagi“.
„Unabhängig davon, dass sich das schlicht und einfach erlogen anhört“, heißt es darin über Nagis Aussage gegenüber dem ECHO, „können wir Stefan Salim Nagi und seinen Zeugen raten, keinen Muslim vor dem Gericht zu belasten. Dies ist Apostasie aufgrund Beihilfe der Ungläubigen gegen die Muslime.“ Apostasie ist der Abfall vom islamischen Glauben – darauf steht nach fundamentalistischer Lesart der Tod. Dies wird aus Aussprüchen des Propheten Mohammed („Hadithen“) abgeleitet.
Weiter heißt es in dem Text: „Wir sind gespannt, was Stefan Salim Nagi für die Zukunft vorbereitet hat. Und zu ihm sagen wir: Fürchte Allah und sag dich los von den Gesetzen der Jahiliyya (vorislamische Gesellschaft – die Redaktion) und von den Utopien der Demokratie. Überdenke genau was du vor hast, bevor du Geschwister mittels falschen Anschuldigungen belastest.“
In den vergangenen Tagen habe er mehrere anonyme Anrufe erhalten, berichtet Nagi. Er sei aufgefordert worden, seine Anschuldigungen zurückzunehmen und öffentlich Reue zu äußern. Als er dies ablehnte, sei er bedroht worden. Ein Anrufer habe gesagt: „Du bist zuerst dran, dann der Khan.“
Sowohl Buchautor Khan als auch der Marburger Aktivist Nagi stehen mittlerweile unter Polizeischutz. Während sich Nagi betont unerschrocken zeigt, leidet Khans Familie – der Rodgauer hat Frau und vier Kinder – unter Einschränkungen sowie Anfeindungen in der Schule.
Khans Frau, eine Rechtsanwältin, hat in dem Ermittlungsverfahren gegen Pierre Vogel Akteneinsicht beantragt. Sie will in einem möglichen Prozess gegen den salafistischen Prediger als Nebenklägerin auftreten.
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