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Polizei-Hubschrauber „Ibis“: Das fliegende Auge der Fahnder

Er hilft auch bei der Suche nach Vermissten – Gemarkungsgrenzen interessieren nicht

Der Himmel über Südhessen gehört zum Einsatzgebiet von Polizeihauptkommissar Alexander Schild und seinen Kollegen von der Fliegerstaffel in Egelsbach, die hessenweit nach Vermissten suchen, Unfälle dokumentieren oder bei der Aufklärung von Straftaten helfen. Für Pilot Schild ist das Fliegen mit dem Eurocopter nach zehn Jahren nichts Besonderes mehr. Es sei denn, die Sonne geht gerade auf. Oder im Frühling, wenn die Bäume frischgrüne Blätter tragen. Das sei von oben noch viel schöner, verrät er.   Foto: Karl-Heinz Bärtl
Der Himmel über Südhessen gehört zum Einsatzgebiet von Polizeihauptkommissar Alexander Schild und seinen Kollegen von der Fliegerstaffel in Egelsbach, die hessenweit nach Vermissten suchen, Unfälle dokumentieren oder bei der Aufklärung von Straftaten helfen. Für Pilot Schild ist das Fliegen mit dem Eurocopter nach zehn Jahren nichts Besonderes mehr. Es sei denn, die Sonne geht gerade auf. Oder im Frühling, wenn die Bäume frischgrüne Blätter tragen. Das sei von oben noch viel schöner, verrät er. Foto: Karl-Heinz Bärtl
Anschleichen ist nicht. Lautes, tiefes Brummen, bei Nacht ein Scheinwerfer, der auf die Erde strahlt: Wenn Pilot Alexander Schild und seine Kollegen mit dem Polizeihubschrauber im Einsatz sind, sorgen sie für Aufsehen. Regelmäßig schwebt er auch über dem Landkreis.
DARMSTADT-DIEBURG.

Vermisste Personen, abgehauene Jugendliche oder flüchtige Einbrecher: Die Crew im Eurocopter hilft den Polizeikollegen unter anderem auf dem Boden beim Durchforsten von Feld und Flur oder Wald. Bei der Suche nach Personen behalten die Männer und Frauen von oben den besseren Überblick. 378 Mal hat eine „Ibis“-Crew 2012 in Hessen nach Vermissten gesucht.

Auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Hier wurde 2010 nach 454 Menschen gefahndet, 2012 waren es 316. In diesem Jahr suchte die Polizei bis zum 30. September nach 254 Personen. Erst vor Kurzem gab es wieder Vermisstenfälle, bei denen die Polizisten der Egelsbacher Fliegerstaffel zur Unterstützung dabei – hörbar und sichtbar.

Von unten ist sie nur zu erkennen, wenn der Hubschrauber tief fliegt: die dicke schwarze Kugel an der rechten Kufe. Darin steckt teure Technik: eine mehr als eine Million teure Wärmebildkamera.

„Der Hubschrauber ist das Auge der Kollegen auf dem Boden in der Luft“, sagt Andrea Löb, Sprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen, das für Darmstadt-Dieburg zuständig ist. „Gerade im ländlichen Gebiet, wo es Wiesen, Felder gibt, sei die Technik eine gute Ergänzung. „In manchen Gebieten wäre die Bereitschaftspolizei am Boden vielleicht tagelang im Einsatz.“ Der Hubschrauber überfliegt das Gebiet in einem Bruchteil der Zeit.

So war es auch bei der Suche nach einer 61 Jahre alten Modautalerin, die im August mehrere Tage lang verschwand. Gefunden wurde die verwirrte Dame von einem Jogger unter einem Baum hockend. „Aber durch den Hubschrauber konnten wir vieles ausschließen, etwa Gärten, in die die Kollegen am Boden nicht einfach reingehen können“, beschreibt Löb.

Die Zahl der vermissten Senioren nimmt laut Polizei zu. In der Statistik wird dies zwar nicht als solches ausgewiesen, aber diesen Eindruck teile auch die Polizei, sagt Sprecherin Löb. In der Regel ist die Hubschrauberstaffel außerhalb von Ortschaften im Einsatz. Dichtes Stadtgebiet ist nicht gerade das bevorzugte Terrain des Spähers. Dort wird der Blick aus dem Cockpit zum Wimmelbild: Haus an Haus, Mensch neben Mensch. „In Städten suchen wir auch, aber eher an ausgewählten Punkten“, erklärt Pilot Alexander Schild. In Darmstadt etwa am Woog.

Fast alle Vermissten tauchen laut Polizei wieder auf. Im Landkreis sei derzeit eine Fahndung offen, erläutert Sylvia Resch, Kriminaloberkommissarin und seit 1984 bei der Kripo im Polizeipräsidium Südhessen.

Karl Kalliwoda verschwand samt Rad

Im September 2011 verschwand der 89 Jahre alte Karl Kalliwoda aus Münster. Er war auf seinem Fahrrad unterwegs und ist seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Mehrmals suchte der Helikopter nach ihm – ohne Erfolg.

Auch das Verschwinden eines 56 Jahre alten Mannes aus Polen, der im Juli bei Verwandten in Groß-Zimmern zu Gast war, nach Gundernhausen ging und nicht mehr zurückkam, löste die Alarmkette aus. Der Eurocopter kreiste über Gundernhausen. Keine Spur von Marek K. Vier Tage später fand man seine Leiche, zufällig, im Straßengraben sitzend. Marek K. war auf seinem Spaziergang verstorben. Warum hatte ihn der Hubschrauber nicht entdeckt?

Diese Frage beschäftigt die Beamten der Fliegerstaffel, wann immer so etwas geschieht. „Wir verfolgen natürlich, wie eine Geschichte ausgeht“, sagt Polizist Schild. Vor allem aus fachlicher Sicht. „Wir müssen alles analysieren, um noch besser zu werden.“ Bei Marek K. half der Blick von oben nicht, weil er unter dicht bewachsenen Ästen saß. Keine Chance für das menschliche oder technische Auge.

Den Landkreis aus der Luft zu sehen, ist für Polizeihauptkommissar Schild nichts Besonderes. Seit 2003 ist der 34-Jährige in Egelsbach stationiert. Gut 1600 Flugstunden hat er absolviert: „Fliegen ist für mich wie Autofahren.“ Neben ihm als Pilot sitzt der Co-Pilot, zuständig für die Polizeitaktik. Außerdem ist ein Flugbetriebtsassistent an Bord, der die Kamera bedient.

Wie seine Kollegen sieht Schild den Landkreis mit dem Auge des fliegenden Ermittlers. Wohin könnte eine demente Rentnerin sich verlaufen haben? An welcher Stelle könnte sich ein flüchtiger Einbrecher verstecken? Welchen Ort könnte ein Suizid-Gefährdeter wählen?

Er orientiere sich an Koordinaten und der individuellen Einsatzlage, erzählt Schild. Wo unter dem Fluggerät die Grenze zu Nachbarkreisen oder der nächsten Kommune verläuft, ist für die Piloten nicht wichtig. „Für die Vermissten ja auch nicht“, argumentiert er.

Einsatz nach Schreien am Frankenstein

Es sind markante Punkte, die der Pilot mit dem Landkreis verbindet: Der Sendemast zwischen Messel und Dieburg sei eine solche Landmarke für ihn, die Bundesstraßen 26 und 45, der Kaiserturm auf der Neunkircher Höhe vielleicht noch, die Bergstraße mit dem Frankenstein natürlich.

Dort war Schild mehrfach im Einsatz. Zuletzt suchte die Polizei den Ort ab, nachdem Anwohner vermeintliche Schreie gehört hatten. Wenige Wochen später passierte Ähnliches am Lufthansa-Trainingszentrum in Seeheim.

Eine bewaldete Hanglage wie am Frankenstein – das ist nicht nur für die Polizisten am Boden eine Herausforderung, auch für Piloten, verrät Schild. „Ich muss das Flugprofil der Topografie anpassen, fliege dann eher die Waldkante entlang und schaffe mich hoch.“

Am liebsten – jedenfalls dienstlich – hat Schild die Natur, wie sie in den kommenden Monaten ist. Wenn im Wald kein Laub den Blick versperrt und es draußen kalt ist, so dass körperwarme Lebewesen kontrastreich als weiße Punkte oder Gestalten auf dem Monitor im Cockpit zu sehen sind. Dann kann die Wärmebildkamera jede Maus auf dem Boden erkennen, erklärt Schild. „Für uns beginnt jetzt, wo die Blätter fallen, die noch erfolgreichere Jahreszeit. “

 

Artikel Text Laenge: 5640

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KOMMENTARE
| Von: troll2013 | 23.10.2013, 09:33 Uhr
Hubschraubereinsatz wegen vermeintlich gehörter Schreie?

Also bitte! Man fragt sich, ob die Suchergebnisse die Kosten und die manchmal stundenlange Lärmbelästigung rechtfertigen. Es kommt einem so vor, als ob der Hubschrauber eingesetzt wird, weil er nun mal da ist. Wieviele Verbrecher und Vermisste wurden bei wievielen Einsätzen zu welchen Kosten gefunden?

| Antworten |
| Von: mumpitz115 | 23.10.2013, 12:42 Uhr
nicht nur Vermisste und Verbrecher

Es sind ja nicht nur die Vermissten und Verbrecher zu denen der Ibis eingesetzt wird. Gerade in den Sommermonaten wurden im Landkreis DaDi schon mehrere große Waldbrände verhindert, da man diese zufällig oder rechtzeitig vom Hubschrauber aus entdeckt hat.

Und zur Lärmbelastung: Da frage ich mich manchmal wirklich ob die Menschheit immer beschränkter wird, wenn ich höre / lese, dass Leute nachts bei der Polizei anrufen, weil da ein Hubschrauber fliegt. Wie war es denn vor einigen Jahren, als rund um DA die Amerikaner stationiert waren. Da hat sich keiner beschwert, wenn tagsüber oder nachts die Hubschrauberstaffel mal wieder im Tiefflug über das Land gezogen ist oder man die Schießübungen in den Sommernächten gehört hat.

| Antworten |
| Von: Dibboijer | 23.10.2013, 11:41 Uhr
Kosten-Nutzenabwägung

Wie viel Euro und Lärm wäre ihnen z.B. ihr dementer Vater wert, wenn er droht zu erfrieren oder mangels Medikamenten zu sterben?

| Antworten |
 
  • 22. Oktober 2013
  • Von Petra Lochmann-Wilhelm
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