Otzberg ist die friedlichste Kommune im Landkreis. Dieser Schluss liegt zumindest nahe beim Betrachten einer Statistik der Polizei für das Jahr 2008. Die sogenannte Häufigkeitszahl, die Anzahl der angezeigten Delikte hochgerechnet auf 100 000 Einwohner, ist in Otzberg am niedrigsten. Doch für plakative Erkenntnisse auf den ersten Blick taugt das Zahlenwerk nicht, betont Helmut Biegi, Leiter der Polizeidirektion Darmstadt-Dieburg.
Die Häufigkeitszahl etwa unterscheidet nicht nach Art des Delikts, sie rechnet Drogendelikte, Betrug, Sachbeschädigung, Diebstahl und Rohheitsdelikte ein - von Körperverletzung bis Mord.
Die Zahlen der Sicherheitsanalyse sollen Diskussionsgrundlage für die Polizei und die einzelnen Kommunen in Sachen Prävention sein. So hat sich etwa Reinheim jüngst mit den Daten in Zusammenhang mit dem freiwilligen Polizeidienst beschäftigt. Reinheim liegt im deliktärmeren Drittel der Auflistung. Wer in der Pauschalansicht besser oder schlechter abschneidet, sei von vielen Faktoren abhängig, sagt Biegi.
Maßgeblich ist die Zahl der Einwohner. Verkürzt: wo viel los ist, macht Gelegenheit Diebe. Diesmal wurden in Dieburg die meisten Delikte pro Einwohner gezählt. Auf den folgenden Plätzen rangieren mehrere Kommunen westlich von Darmstadt.
Denn ein weiterer wichtiger Faktor seien die Transitwege, wie die A 5. In Weiterstadt wurden der Polizei 2008 bei gut 24 000 Einwohnern 576 Diebstähle gemeldet, in Griesheim 448 Diebstähle bei knapp 26 000 Einwohnern - in Fischbachtal 17 Diebstähle bei etwas mehr als 2600 Einwohnern.
,,Autobahn, S-Bahn, überhaupt ÖPNV-Wege spielen eine Rolle", sagt Biegi. Alsbach-Hähnlein ist ein Beispiel dafür. Dort wurden 2008 367 Straftaten verübt. Damit rutscht die Kommune im Vergleich über den kreisweiten Durchschnitt. Auffällig ist, dass 56 Fälle von Sachbeschädigung angezeigt wurden. 2007 waren es nur 18 gewesen. Biegi erläutert: ,,Das hängt zusammen mit der Haltestelle Beuneweg, dort gab es Vandalismus. So gibt es immer wieder kleinere Brennpunkte, die sich in der Statistik niederschlagen."
Auswirkungen hat auch die Struktur der Kommune. Roßdorf etwa gehört zu den Orten mit den wenigsten Delikten pro Einwohner. Biegi erklärt dies mit dem Status Roßdorfs als Mittelzentrum. ,,Für viele Jugendliche ist der Anziehungspunkt Darmstadt." Vandalismus oder manche andere Delikte verlagerten sich.
Andere Delikte beeinflussen die Statistik, aber haben kaum Bedeutung für die Nachbarschaft. Modautal etwa bildete 2007 das idyllische Schlusslicht in der Häufigkeitenliste. Doch verschlechterte es sich 2008 um elf Plätze. Die Ursache liegt im Kleingedruckten der Statistik. Die Zahl der Betrugsfälle ist um 64 gestiegen. Zwischen Neunkirchen und Ernsthofen lebt es sich allerdings nicht wirklich unsicherer: ,,Das war ein Täter, der von dort aus beim Internetauktionshaus Ebay aktiv war", erzählt Biegi.
Auch Einkaufsmöglichkeiten in der realen Welt beeinflussen die Statistik. Ein großes Angebot lockt nicht nur Kunden, sondern auch Kriminelle an. Beispiel Weiterstadt oder Groß-Zimmern. ,,Einkaufsmärkte - die Tatgelegenheiten sind ganz andere", erläutert Biegi. Stellen Marktbetreiber Ladendetektive ein, um Diebstählen zu begegnen, erreichen sie statistisch mitunter das Gegenteil: ,,Dann ändert sich die Zahl möglicherweise nach oben, weil einfach mehr angezeigt wird, obwohl nicht mehr passiert als vorher", sagt Biegi.
Die Statistik berge mehr als nur die Rangfolge. ,,Man muss das als Gesamtes sehen." Der Landkreis gehöre angesichts der dichten Bevölkerungsstruktur zu den sichersten in Hessen, die Statistik sei keine positive oder negative Entscheidungshilfe beim Umzug. Otzberg kann nicht jedermanns Ziel sein, Idylle ist relativ. ,,Egal wo, jeder ist aber auch mitverantwortlich für seine Umgebung, mit Zivilcourage und Engagement."
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