Der Frühnebel hat sich gerade verzogen, die ersten Sonnenstrahlen kommen durch. Es ist noch kühl an diesem Morgen. Auf der großen Weide in unmittelbarer Nähe des Spießfelds am Dieburger Stadtrand rupfen Schafe friedlich Gras, blinzeln in die Sonne, blöken – und mampfen weiter. Winzige Lämmchen springen quirlig um ihre Mütter herum, saugen an den Zitzen. Das idyllische Bild wird auch nicht gestört, als Schäfer Jo Jung aus Ober-Klingen die Magerrasen-Weide betritt, um wie jeden Morgen und Abend nach dem Rechten zu schauen. „Die kennen mich, die blöken schon von Weitem, wenn ich ab und zu mit dem Traktor Futtersilage ankarre“, erzählt der Schäfer schmunzelnd. Rund 800 Schafe zählt seine Herde.
Aber es sind nur wenige, die direkt auf ihn zukommen, wenn er die Weide betritt: Vor allem Paula, Camilla, Blanka und Torro sind handzahm, hören auf ihn und begrüßen „ihren“ Schäfer, indem sie ihn dicht umringen, anstupsen und sich streicheln lassen. „Das ist ein richtiger Kindergarten“, freut sich der Schafzüchter.
Nur einige Schafe tragen einen eigenen Namen. „Sie konnten aus unterschiedlichen Gründen nicht von ihren Müttern gesäugt werden und ich musste sie mit Flasche aufziehen“, erklärt der sechsundfünfzigjährige Landwirt, der zusammen mit seiner Frau den Biolandhof am Hasselbach im Otzberger Ortsteil Ober-Klingen betreibt.
Flaschenaufzuchten, die der Schäfer mit Bio-Kuhmilch mehrfach täglich füttern muss, haben einen entscheidenden Vorteil für ihn: „Diese Tiere kommen, wenn ich rufe und laufen mir auch nach“. So kann er sie als „Leitschafe“ einsetzen und diese Fähigkeit dieser Tiere vor allem bei Standortwechseln nutzen. „Da Schafe Herdentiere sind, folgen die Leitschafe mir und der Rest der Herde läuft wiederum hinter den Leitschafen her.“
Das tun sie auch an diesem Morgen, als eines der Leitschafe an und um die Wasserstelle trappelt – und die ganze Herde ihm völlig planlos mehrfach im Kreis folgt. „Wenn eins läuft, laufen alle – da weiß man dann, woher der Spruch „dummes Schaf‘ kommt“, sagt Jung und lacht. Aber ganz so dumm scheinen seine Tiere auch wieder nicht zu sein, denn „wenn es mal ein Loch im Zaun gibt, dann finden sie das mit Sicherheit und büchsen im Trupp gemeinsam aus.“
Die genaue Zahl seiner Herde – die meisten davon gehören der Rasse Suffolk an – kann Jung nicht nennen, denn sie verändert sich vor allem im Frühjahr nahezu stündlich, wenn neue Jungtiere geboren werden. Auch an diesem Morgen steht ein trächtiges Schaf etwas unruhig abseits der Herde am Rande der Weide. Die Fruchtblase ist bereits geplatzt, das Tier scharrt mit den Hufen und legt sich nieder. „Das dauert nicht mehr lange“, erkennt der Schafexperte, der ab und zu auch als Geburtshelfer tätig werden muss. Bei Zwillingsgeburten beispielsweise. Zwillingsgeburten kommen bei Schafen sehr häufig vor, Jung spricht von etwa 50 Prozent. „Wir hatten auch schon Drillinge und Vierlinge“, erinnert er sich. Da die Muttertiere aber nur zwei Zitzen haben, seien Mehrlingsgeburten oft problematisch und endeten häufig in Handaufzuchten. In diesem Frühling gibt es noch ungewöhnlich wenig „Flaschenkinder“, genau gesagt nur eins.
Damit die Lämmchen im Frühjahr geboren werden, lässt der Schäfer seine vier Böcke ab Oktober zu den Schafen, die alle drei Wochen „bockig“, also empfängnisbereit sind. Die Tragzeit der Schafe liegt bei fünf Monaten, so dass Mitte, Ende März dann 200 bis 250 Lämmer auf die Welt kommen. Derzeit ist das helle Blöken der Schäfchen überall auf der Weide zu hören. Die Kleinen rufen – wenn sie außer Reichweite sind – ihre Mütter und umgekehrt. Die Muttertiere beachten die Jungen hauptsächlich, wenn eines in der Herde seine Mutter nicht mehr wiederfindet. Und das Mutterschaf erkennt am Ruf seines Lammes wo der eigene Nachwuchs gerade steckt.
Sind die Jungtiere denn die Osterlämmer, die auf dem Speiseplan für die Festtage so beliebt sind? „Nein, zumindest nicht bei uns“, bekräftigt Jung. Solange sie gesäugt werden, also fünf bis sechs Monate lang, schlachte er nicht. Zum einen, weil es noch Babys seien, zum anderen, weil das Euter der Mutter sich entzünden könnte. Die jüngsten Tiere seiner Herde, die an den Feiertagen als Braten auf manchem gedeckten Tisch landen werden, seien etwas unter einem Jahr alt. „Bis zu diesem Alter bezeichnet man sie als Lämmer, danach als Schafe“, erläutert er.
Und was kommt bei Jo Jung und seiner Familie an Ostern auf den Tisch? Er überlegt kurz und sagt dann bestimmt: „Jedenfalls kein Lamm, das essen wir das ganze Jahr über zur Genüge.“
„Das ist ein richtiger Kindergarten“
Lämmer und Ostern – Verkauft werden nicht die Lämmchen, sondern die Tiere, die kurz vor ihrem ersten Geburtstag stehen




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