Tausende Zuschauer haben am Karfreitag die Passionsspiele in Eppertshausen verfolgt. Bei kühlen Temperaturen erlebten sie den Opfergang Jesu, nachgespielt von 250 Laienschauspielern.
Das Schauspiel kann beginnen. Thomas Kraus hält seinen Fotoapparat mit einem imposanten Teleobjektiv in der linken Hand und schaut durchs geöffnete Fenster aus der Wohnung im ersten Stock. Unter ihm ist der Franz-Gruber-Platz in Eppertshausen, prall gefüllt mit Zuschauern, die auf Bänken sitzen oder in den hinteren Reihen auch stehen. Schaut er nach rechts, sieht er das Rathaus, davor eine Bühne, auf der später das Todesurteil Jesu gefällt wird. Links daneben ist ein Zelt aufgebaut, Schauplatz für das letzte Abendmahl mit den Jüngern. Darüber grauer Himmel.
Der Siebenundvierzigjährige drückt zum ersten Mal den Auslöser und strahlt. Hier oben, in der Wohnung eines Freundes, ist er nicht allein. Verwandte und Freunde aus Nieder-Roden und Offenbach hat der Eppertshäuser mitgebracht. Die Passionsspiele in Eppertshausen, nun zum dritten Mal und im Turnus von drei Jahren aufgeführt, sind auch außerhalb der Gemeinde ein Begriff. Bei Thomas Kraus ist die ganze Familie in die Aufführung eingebunden. „Meine Kinder spielen mit, meine Schwester ist beim Jugendchor, die Mutter im Kirchenchor, und meine Schwiegereltern bewirtschaften das Zelt“, sagt er. Und für die Erinnerungsfotos ist er zuständig.
Im Begleitheft zu der Aufführung mahnt der katholische Pfarrer von Eppertshausen, Harald Christian Röper, die Passionsspiele nicht als „Event“, sondern als Verkündigung zu verstehen – „aber nicht in dem Sinne, dass spielerisch vorgeführt wird, was einmal geschehen ist vor 2000 Jahren, sondern wo uns vor Augen geführt wird, was damals wie heute geschieht“. Mit welcher Person in der Ostergeschichte identifizieren sich die Leute? Thomas Kraus muss nicht lange nachdenken. Bei ihm ist der Vorname Programm. „Ich wäre der ungläubige Thomas, der erst die Auferstehung glaubt, als er sich die Wundmale zeigen lässt.“
Derweil nimmt das Schauspiel unter der Regie von Gisela Belzer seinen Lauf. Petrus (Anton von Gotstedter) sinkt auf den Boden vor der staunenden Menge: „Was habe ich getan?“ Er breitet die Arme aus, will retten, was nicht mehr zu retten ist. „Ich habe ihn verraten.“ Erst schwor er dem Herrn bedingungslose Treue, doch bis zum Morgengrauen hat er Jesus dreimal verleugnet.
Stumm sitzen Johannes und Moritz, beide zwölf Jahre alt, wenige Meter entfernt auf Strohballen, sichtlich ergriffen von der Szene. Sie haben bei der Szene mitgespielt, als Jesus zum letzten Abendmahl ruft. „Die ganze Geschichte ist hier lebendig, das kann man ja sonst nie so sehen“, sagt Moritz beim Anblick der prächtigen und farbenfrohen Gewänder. „Ganz viele Beteiligte sind auch von meiner Familie“, meint sein Cousin Johannes. Und fügt selbstbewusst an: „Den Johannes will ich vielleicht in drei Jahren bei der nächsten Aufführung spielen.“
Auf die Gefangennahme folgen die Verhöre und die Verurteilung Jesu. Zur Untermalung des Geschehens singen vier Eppertshäuser Chöre und spielt das Mandolinenorchester des Odenwaldklubs. Plötzlich werden die Zuschauer Teil des Stückes. Jesus trägt das Kreuz auf seiner Schulter quer über den Franz-Gruber-Platz, die Menschenmenge umkreist ihn und folgt schließlich seinem Kreuzweg über die Waldstraße bis zum Spielplatz in der Friedhofstraße, wo er ans Kreuz genagelt wird.
Tausende verfolgen Leidensweg Jesu
Passionsspiele – Der Franz-Gruber-Platz in Eppertshausen wandelt sich am Karfreitag zur Freiluftbühne




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