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Mehr Farbe im Gefängnis

Justizvollzug: Sanierung in Dieburg kostet Millionen – Fassaden, Flure und Zellen der 260 Inhaftierten neu gestaltet

Gut 40 Jahre waren die beiden Gefängnistrakte im Herzen Dieburgs alt, als im Jahr 2006 die gründliche Sanierung begann. Nun, im Jahr 2011, geht die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, ...
DIEBURG.
Pastelltöne in Rot prägen die Flure der frisch renovierten Gebäudetrakte des Gefängnisses in Dieburg. Fotos: Karl-Heinz Bärtl
Pastelltöne in Rot prägen die Flure der frisch renovierten Gebäudetrakte des Gefängnisses in Dieburg. Fotos: Karl-Heinz Bärtl



JVA Dieburg

260 Insassen, quasi Vollbelegung bis auf fünf/sechs Zellen, darunter 109 Ausländer, vor allem aus Türkei, Nordafrika und Jugoslawien. Elf Russlanddeutsche, statistisch als Deutsche zählend, bilden eine streng hierarchische Einheit und unterhalten sich in ihrer Sprache, die das JVA-Personal nicht versteht. Sie gelten als Problemgruppe, da es den Verdacht gibt, dass immer wieder aus der Haft heraus Straftaten draußen oder Schmuggel nach drinnen organisiert werden.


Gut 40 Jahre waren die beiden Gefängnistrakte im Herzen Dieburgs alt, als im Jahr 2006 die gründliche Sanierung begann. Nun, im Jahr 2011, geht die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Inge Growe-Zenz, mit einem zufriedenen Lächeln durch die wohnlicheren Flure, in denen bunte Bilder zudem immer wieder erfrischende Abwechslung fürs Auge bieten. Denn Abwechslung ist im fremdbestimmten Gefängnistrott ein hoher Wert.
Die Sanierung gilt als abgeschlossen. Für mehrere Millionen Euro hat das Land Hessen das Gefängnis auf den Resten einer 300 Jahre alten Klosteranlage auf Vordermann bringen lassen: Wasser, Abwasser, Elektrizität, Flure, Fußböden, Fenster, Fassaden, Sicherheitstechnik. Neue Stahltüren riegeln nun Flure und Zellen ab. „Die alten Gittertüren in den Fluren hatten den Vorteil, dass durch sie im Sommer gut die Luft zirkulieren und so gelüftet werden konnte. Aber der Brandschutz verlangte den Austausch“, erläutert die JVA-Chefin.
Blick in die Zelle: Fernseher und DVD-Player ja, Computer nein.  Der schräge Schrank verhindert, dass oben etwas abgelegt wird.
Blick in die Zelle: Fernseher und DVD-Player ja, Computer nein. Der schräge Schrank verhindert, dass oben etwas abgelegt wird.
Wenn erst mal gebaut wird, schauen sich die Baubehörden die Örtlichkeiten mit prüfendem Blick an, müssen aktuelle Auflagen eingehalten werden. Denen ist dann auch prompt die bislang eigene Küche zum Opfer gefallen. Das Essen kommt nun aus der JVA Weiterstadt. „Bislang konnten wir auf Essenswünsche der Häftlinge selbst reagieren, das geht nun nicht mehr“, sagt Inge Growe-Zenz beim Rundgang mit dem ECHO durch die modernisierte Haftanstalt.
Auch deren Insassenstruktur hat sich jüngst geändert. „Seit einem Jahr haben wir auch gut 100 Ersatzfreiheitsstrafler.“ Das sind Menschen, die wegen geringer Vergehen (Ladendiebstahl, Schwarzfahren) zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, diese aber nicht begleichen und auch die dann geforderte gemeinnützige Arbeit nicht ableisten. In der Folge müssen sie für einige Tage in Haft.
Das kann eine undankbare Aufgabe sein, wie Schilderungen der JVA-Leiterin verdeutlichen. Zum einen, weil der hohe Verwaltungsaufwand zur Aufnahme eines Häftlings auch für eine kurze Haftzeit erfolgt. Zum anderen, weil dann, wenn sich die schweren Türen hinter diesen neuen Inhaftierten schließen, nicht selten doch die Bereitschaft und das Geld da sind, um den ausstehenden Betrag zu begleichen. „30 000 Euro im Monat kommen da zusammen, und die Häftlinge können nach der Zahlung sofort wieder heraus“, schildert die JVA-Chefin.
Finanziell ergeben diese Ersatzfreiheitsstrafen ohnehin eine Schieflage: Die vom Gericht festgelegten Tagessätze, die vom Verurteilten zu bezahlen wären, belaufen sich oft auf nur acht oder zehn Euro. Ein Hafttag jedoch kostet den Steuerzahler 100 Euro.

Derlei Ungereimtheiten finden sich freilich viele im Strafvollzug. So habe wohl mehr als die Hälfte der Insassen in der JVA Dieburg vor der Haft Drogen konsumiert, doch eine Entziehungskur machen die wenigsten. „Dafür fehlen die Plätze, genauso wie für die vielen Verhaltensauffälligen“, sagt Inge Growe-Zenz. Deren Anteil schätzt sie auf zwanzig Prozent. „Man müsste zahlreiche geschlossene Psychiatrien bauen, um alle psychisch auffälligen Strafgefangenen dort unterzubringen.“
Dem Drogenkonsum auch im Knast ist das Land Hessen jüngst mit einem verschärften Strafvollzugsgesetz zu Leibe gerückt. Dadurch ist seit diesem Jahr unter anderem der Paketempfang untersagt. Inge Growe-Zenz: „Das Emotionale mit der Lieblingsschokolade im Päckchen ist jetzt weg, erlaubt ist nur noch Geld zu schicken, mit dem man hier zweimal im Jahr manches kaufen kann. Aber für Geschäftemacher und Drogenschmuggel ist dieser Faden zumindest jetzt abgeschnitten.“ Dennoch würden weiterhin Drogen hinter die Gefängnismauern geschmuggelt, oft durch Angehörige und andere Besucher, trotz aller Körperkontrollen.
Haftbedingungen wie in etlichen Gefängnissen in den USA, geprägt von Drill, absoluter Hygiene, schweren Verschärfungen bei kleinsten Zuwiderhandlungen und Kontakt zu Besuchern nur durch Trennscheiben, seien mit gutem Grund hierzulande nicht üblich.
Vielmehr setzt die Chefin in Dieburg auf positive Anregungen, sei es mit Kunstdrucken, pastellenen Rot-Tönen in den Gängen oder mit ihrem Lieblingsprojekt, einer beachtlichen Bücherei, aus Spenden finanziert. Was wird dort am meisten ausgeliehen? „Krimis, wie überall“, sagt die JVA-Leiterin, und fügt lächelnd an: „Nein, es wird bei der Krimiauswahl nicht darauf geachtet, dass der Täter immer gefasst wird.“

 

Artikel Text Laenge: 4956

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  • 20. September 2011
  • Von Reinhard Jörs
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