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Gutachter lehnt Befragung der Tochter ab

Doppelmord Babenhausen: Am Landgericht geht es um die Aussagen der behinderten Frau

7. Juni 2009: Eine Krankenschwester schiebt eine 36 Jahre alte Frau im Rollstuhl durch den Garten des Frankfurter Nordwestkrankenhaus. Eineinhalb Monate zuvor waren die Eltern der ...
DARMSTADT/BABENHAUSEN.


7. Juni 2009: Eine Krankenschwester schiebt eine 36 Jahre alte Frau im Rollstuhl durch den Garten des Frankfurter Nordwestkrankenhaus. Eineinhalb Monate zuvor waren die Eltern der Frau in Babenhausen erschossen und sie schwer verletzt worden. „Da ist ein böser Mann gekommen“, sagt die Frau im Rollstuhl, „der Papa hatte immer Ärger mit ihm gehabt.“ Soweit die Erinnerung der Krankenschwester, die nun im Landgericht Darmstadt aussagte. Am 13. Verhandlungstag um den Doppelmord von Babenhausen stand die überlebende, aber nicht anwesende Tochter und ihre mögliche Zeugenvernehmung im Mittelpunkt. Sie hat das Asperger-Syndrom, eine Behinderung, die als eine milde Autismus-Variante erscheint. Der 62 Jahre alte Vater und ihre 58 Jahre alte Mutter waren laut Anklage am 17. April 2009 gegen vier Uhr morgens erschossen worden.
Angeklagt ist der Nachbar, ein 41 Jahre alter Familienvater. Er soll den Makler und seine Frau wegen andauernder Lärmbelästigung erschossen haben. Allerdings gibt es keine Zeugen, DNA-Spuren oder Fingerabdrücke des Angeklagten am Tatort, die Anklage baut auf Indizien auf. Der Angeklagte bestreitet die Tat.

Die Aussage der Tochter im Krankenhaus kann unterschiedlich gedeutet werden. Verteidiger Christoph Lang erinnerte an einen Bekannten der Tochter aus ihrer Behindertenwerkstatt. Der über 60 Jahre alte Mann mit Amnesie habe eines Tages vor dem Haus der Familie gestanden, aber der Vater habe weitere Kontakte verboten.
Der Psychologin Hilke Kaukers hatte die Tochter im März 2009 gesagt, sie habe eine Stimme und einen Schuss gehört. „Beim Schuss würde ich ein Fragezeichen machen“, wertete sie die Aussage, das könne bei ihr auch von der polizeilichen Befragung kommen. „Später sagte sie, sie habe einen hellen Blitz gesehen.“ Lang und sein Kollege Bernd Hintze erinnerten daran, dass die Tochter gegenüber der Polizei einmal von zwei Tätern gesprochen habe. Rechtsanwalt Hintze ist Nachfolger von Veikko Bartels, den der Angeklagte von der Vereidigung entbunden hat.
Eine Sozialpädagogin, die die Tochter in der Behindertenwerkstatt betreut hatte, schilderte sie als „sehr akribisch und genau“. Sie habe autistische Tendenzen und brauche einen roten Faden im Leben. „Sie kann lesen, rechnen, sich Sachen merken, in der Gruppe arbeiten und wurde auch einkaufen geschickt“, zählte die Betreuerin auf. Dass ihre Eltern tot sind, habe sie ihr am 17. Mai 2009 gesagt.

„Was passiert, wenn die Tochter hier aussagt?“, fragte der Vorsitzende Richter Volker Wagner Psychologin Kaukers. „Sie würde die Gerichtssituation nicht verstehen“, antwortete sie. „Und welche Folgen könnte das haben?“, hakte Wagner nach. „Nicht absehbar“, sagte Kaukers. Als „schon mal besser“ bewertete sie eine Befragung in einem separaten Raum, aus dem das Gespräch mit dem Vorsitzenden übertragen werde.
Der psychologische Gutachter Hartmut Berger, ärztlicher Direktor des Philippshospitals in Riedstadt, hatte die Tochter auf ihre Aussagefähigkeit untersucht. Wegen des Asperger-Syndroms könne sie Gedachtes und Gefühltes nicht zusammenbringen, sagte Berger. Innerhalb ihres Lebenskreises bewege sie sich sehr souverän“, aber wenn es um den Tod der Eltern gehe, „bricht sie in sich zusammen“. Berger sieht darin eine starke Traumatisierung. Betroffene sollten möglichst lange nicht mit dem auslösenden Ereignis konfrontiert werden, so Berger. Man riskiere, dass die Tochter im Trauma „wie in einer Endlosschleife“ hängenbleibe. Auch eine Befragung in einem Extra-Raum lehnte er deswegen ab.
Der Prozess wird am Mittwoch (18.) fortgesetzt.

 

Artikel Text Laenge: 3726

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  • 13. Mai 2011
  • Von mawi
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