Das igluartige Gebilde im zweiten Obergeschoss des Senckenberg-Museums verströmt Styrolgeruch – wie ein neues Kunststoffboot. Es stellt die Kuppel jenes ins Eis gehauenen Unterstandes dar, den der Naturforscher Alfred Wegener 1930 in Zentral-Grönland eingerichtet hatte – „Eismitte“ genannt. In der Kuppelwand sind vier Sitzmulden eingeformt – von dort aus kann man bequem auf einem kleinen Bildschirm Schwarzweiß-Stummfilme anschauen, welche bei der Expedition gedreht worden waren: Naturforscher bei der Arbeit, Schlittenhunde und Ponys auf dem Weg durchs Eis. Diese Forschungsarbeit illustrieren ein Dutzend Ausrüstungsgegenstände: Ein quadratisches Stück aufgespanntes Segeltuch etwa, das auf einer Briefwaage gewogen wurde – die „Tauwaage“ registrierte gefallenen Niederschlag. Improvisationsgeschick der Forscher verdeutlicht auch eine Öllampe aus einer Blechdose, deren Docht nachzustellen war mit einem jener Blechschlüsselchen, mit denen man Konservendosen öffnen soll. Ein knielanger Mantel aus Schaffell mit nach innen gekehrter Wolle zeigt, wie hausbacken und im Vergleich zu heute für ähnliche Expeditionen verfügbaren Thermo-Anzügen unzulänglich das Team Wegeners ausgestattet war – und wie kühn ihr Unterfangen einzuschätzen ist. In Nähe dieser Expeditions-Realstücke steht ein geflochtener Ballonkorb von der Art, in der Wegener seine Rekordfahrt unternahm. Auch sein Arbeitszimmer hat man nachgestellt.
Diese Leihgaben aus dem Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven werden in Frankfurt ein halbes Jahr zu sehen sein. Andere Exponate, die Leben und Werk Wegeners zeigen, fügen sich in die Dauerstellungen des Naturkundemuseums ein. Die Bedeutung der Kontinentaldrift für die Geologie und die Lehre von der Entwicklung der Arten ist durch Tafeln sinnfällig dargestellt zwischen den Hallen, in denen das Senckenberg-Museum mit rund 5000 präparierten Stücken und Plastiken nur einen winzigen Teil der Artenvielfalt zeigen kann – wie Museumsleiter Bernd Herkner erläutert, umfasst das Archiv der Gesellschaft als Datenbank des Lebens auf der Welt rund 35 Millionen Objekte.
Auch in die Geologie wird Wegeners Theorie eingebunden: die Vielfalt der Gesteine auf der Erde ist nicht statisch, wie etwa auf dem Mond, sondern wird im Verlauf der Jahrmillionen noch zunehmen, da durch die Plattensubduktion an den Kanten der Kontinentalplatten immer wieder neues Material eingeschmolzen wird, das irgendwann in neuer Durchmischung der Elemente, als neue Mineralvariante auftauchen kann.
Wegeners Leben ist nachgestellt in der Saurierhalle, anhand eines Zeitstrahls mit markanten Punkten seiner Karriere. Dort, wie auch in der Mitte des Exponats in eine Landkarte, lassen sich Täfelchen zu diesen Stationen hin- und hertragen und dank Lochkennung einpassen – so können Kinder im Spiel erfahren, welche Bedeutung Frankfurt, Marburg und Aschaffenburg in der Vita des Entdeckers haben. Die von ihm formulierte Bewegungstheorie verdeutlicht eine Bildschirmdarstellung der Welt, auf der sich die Konstellation der Kontinente zu beliebigen Zeitpunkten in der Vergangenheit und Zukunft darstellen lässt – die Zeit kann man dazu an einem metergroßen Steuerrad vor- oder zurückdrehen. So kann man zusehen, wie der Ur-Kontinent Pangaea zerbricht, seine Fragmente auseinanderdriften, auch miteinander kollidieren – und irgendwann wieder zusammenstreben werden. Museumsleiter Herkner hofft, dass diese nur zweidimensionale Darstellung irgendwann durch eine realitätsnähere, räumliche Projektion abgelöst wird. Dass aber auch bereits das bestehende Modell wie auch vergleichsweise unaufwendigen Zeittäfelchen zum Leben Wegeners bei Kindern großen Interesses erfreuen, ließ sich schon am Eröffnungstag der Ausstellung beobachten.
Erdplattendrift, leichtfasslich dargestellt
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