Als Alfred Wegener am Dreikönigstag vor genau 100 Jahren im Großen Saal der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft seine Theorie der Plattentektonik verkündete, erntete der 1880 in Berlin geborene Forscher bei den versammelten Wissenschaftlern überwiegend Häme. Man muss sich das in etwa so vorstellen, als verlautbarte heute zum Beispiel der als Extrembergsteiger weltweit bekannte Reinhold Messner, der Yeti existiere und sei eine parallele Entwicklungsform des Homo sapiens.
Wegener war zwar damals schon Honorarprofessor für Meteorologie, Astronomie und kosmische Physik in Marburg (und ab 1921 in Hamburg, 1924 erhielt er einen Lehrstuhl in Graz). Er hatte 1906 mit seinem Bruder Kurt einen Langstrecken-Weltrekord im Ballonfahren aufgestellt. Aber seine am 6. Januar 1915 verkündete Theorie, dass die Kontinente der Welt (samt zugehörigen unterseeischen Partien) auf dem Erdinneren einhertreiben – sehr langsam, aber ansonsten etwa wie Eisschollen auf dem Ozean – war damals für die meisten Geologen, Geographen, Geophysiker gleichermaßen unvorstellbar. Nur einige erkannten bereits damals die tiefe Logik von Wegeners Theorie. Nach Wegeners Modell sind die heutigen Kontinente Bruchstücke eines einzigen Ur-Kontinents.
Es vergingen 60 Jahre, bis sich die „Plattentektonik“ etablierte – und dabei vielen wissenschaftlichen Disziplinen an der Stelle Brücken baute, wo deren Wissen 1915 noch vor einem schier unüberwindlichen Graben stand. Wegener, offenbar stets Optimist, hatte mit nur zehn Jahren bis zur Anerkennung gerechnet. Inzwischen beweisen hochpräzise Satellitenmessungen, dass der Atlantik breiter wird, dass Berge unter dem Druck der Kontinentalplatten wachsen, sich andere Gebiete senken. Vulkanismus und Erdbeben sind nur einige der Folgen.
Als Motor der gewaltigen Kräfte hinter der Bewegung vermutet man heute die Thermokonvektion im glutflüssigen Erdkern, die durch ungleichmäßige Abkühlung manche Massen absinken, andere aufsteigen lässt. Ob Wegener selbst für den von ihm postulierten Ur-Kontinent den Begriff „Pangaea“ (auch Pangaia, Pan-Gäa, griechisch für: Alles-Erde) prägte, wie unter anderem die Dokumentation im Senckenberg-Museum und englischsprachige Internetbeiträge darlegen, wird wie andere Details von Bearbeitern des deutschen Wikipedia-Eintrags zu dem Forscher bestritten. 100 Jahre später versammelte sich nun an fast derselben Stelle ein Symposium aus Wissenschaftlern dieser Disziplinen, die alle ohne die von Wegener angestoßene Theorie der Plattentektonik nicht mehr auskommen.
Bis sich diese durchsetzte, war man von einer starren Position der Kontinente und von dazwischen abgesunkenen Landbrücken ausgegangen. Wegener war kein Theoretiker, sondern ein rastloser Pioniergeist, und das langwierige Debattieren über Theorien lag ihm nicht. Über jene, die sein Denkmodell minutiös zu zerzupfen, anhand der damals noch unbeweisbaren Details lächerlich zu machen suchten, sagte er: „Hier draußen gibt es viel Arbeit, die des Mannes wert ist, hier gewinnt das Leben Inhalt. Mögen Schwächlinge daheim bleiben und alle Theorien der Welt auswendig lernen…hier draußen der Natur Auge in Augen gegenüberstehen und seinen Scharfsinn an ihren Rätseln erproben, das gibt dem Leben einen ganz ungeahnten Inhalt.“
1906 bis 1908 hatte er an der Grönland-Expedition des bei dieser umgekommenen Dänen Ludvig Mylius-Erichsen teilgenommen, ihm oblag die fotografische Dokumentierung und Gewinnung meteorologischer Daten. 1915 unternahm er mit Johann Peter Koch eine Grönlandexpedition per Pferdeschlitten. Die vier Teilnehmer verloren alle 16 Pferde. Dennoch erreichte diese Expedition 1913 eines ihrer Ziele, nämlich die eisbedeckte Insel zu durchqueren – immerhin auf einer doppelt so langen Route, wie sie Fridtjof Nansen 1888 am Südzipfel Grönlands durchmessen hatte.
Wegener war nicht auf bloßer Rekordjagd: als erster nahm der Meteorologe klimatografische Eisbohrungen auf einem Arktis-Gletscher vor. Im Ersten Weltkrieg wurde Wegner verwundet, danach zum Heeres-Wetterdienst abgeordnet. Währenddessen arbeitete er an seinem Hauptwerk „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“ (erschienen 1915 im Gothaer Verlag Justus Perthes). Es gelang ihm, Aspekte seiner Theorie durch Messungen zu untermauern. Auch mit weiteren Theorien war Wegener seiner Zeit weit voraus: Nachdem er Spuren eines Meteoriten untersucht hatte, der am 3. April 1916 bei Schwalmstadt einschlug, schrieb er eine Abhandlung, in der er die Mondkrater auf Meteoriteneinschläge zurückführte.
Er erklärte Geo-Anomalien und das Zustandekommen der Fata Morgana. 1930 unternahm Wegener eine erste eigene Grönlandexpedition, um Propellerschlitten zu testen und vor allem um bemannte Stationen zur Wetterbeobachtung zu errichten: Je eine an der Ost- und Westküste sowie die zentrale Basis „Eismitte“. Er starb auf der Expedition, vermutlich an Herzversagen. Sein Grab wurde 1931 entdeckt, sein Begleiter Rasmus Villemsen, der ihn wahrscheinlich bestattet hat, blieb verschollen, ebenso wie Wegeners letztes Tagebuch. Das erhaltene Tagebuch seiner Mylius-Expedition soll 2012 ungekürzt publiziert werden.
Der Entdecker und Naturforscher Alfred Wegener
Forscherschicksal – Vor 100 Jahren wurde Alfred Wegener für sein Modell der Plattentektonik verhöhnt, erst 60 Jahre später rehabilitiert
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