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10. November 2009 Von Dirk Henninger

Kommt der Weltuntergang am 21. Dezember 2012?

Esoterik kontra Wissenschaft: Aus Maya-Kalenderdaten und astronomischen Konstellationen konstruieren Apokalyptiker krude Voraussagen

 
| Vergrößern | Die indianische Hochkultur der Maya zeigt sich nicht nur in Bauwerken wie diesem gewaltigen Stufengebäude, sondern auch im höchstentwickelten Schriftsystem Altamerikas und in Kalendersystemen, die jetzt in Roland Emmerichs Endzeit-Film „2012“ thematisiert werden. Foto: Helmuth Wegmann/pixelio


Droht am 21. Dezember 2012 der Weltuntergang? Im Katastrophenfilm „2012“ von Roland Emmerich passiert genau das. Der am Donnerstag startende Actionreißer spielt auf ein Datum an, das angeblich den Endpunkt des Maya-Kalenders beschreibt. Priester des mittelamerikanischen Urvolks sollen in diesem Zusammenhang das Ende der Welt prophezeit haben, das mit einer seltenen Planetenkonstellation einhergeht und etwas mit einem Schwarzen Loch im Zentrum der Galaxie zu tun hat. Dies soll auf der Erde einen Polsprung auslösen, der zu extremen Erdmantel-Verschiebungen mit katastrophalen Erdbeben und Überschwemmungen führen würde. Was ist davon zu halten?

Die Existenz des Schwarzen Lochs bestätigt Rainer Kresken, Mitarbeiter des Europäischen Raumfahrtkontrollzentrums in Darmstadt (Esoc) und Astronom auf der Starkenburg-Sternwarte in Heppenheim: „Ein extrem massives Objekt, dessen Schwerkraft sich auf die Himmelskörper in der Nähe auswirkt“, erklärt er auf ECHO-Anfrage.

Die Erde sei allerdings zu weit davon entfernt, um in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Die Planetenkonstellation, bei der die Erde exakt auf einer Linie mit der Sonne und dem Zentrum der Milchstraße liegt, hat laut Kresken keinen Seltenheitswert: „Das kommt jedes Jahr vor.“ Allerdings falle das Phänomen 2012 mit dem Ende des Präzessionszyklus der Erde zusammen, was nur zirka alle 25 800 Jahre passiere: „Eine Folge davon, dass die Erdachse kreiselt“, so Kresken. Weil die Erde keine perfekte Kugelform hat, bewirken die Anziehungskräfte von Sonne und Mond den Kreiseleffekt der Erdachse.

Apokalyptiker befürchten dadurch eine Feldeffekt-Umkehrung, die den magnetischen Fluss der Erde in die Gegenrichtung dreht, die Ausrichtung des Nord- und Südpols ändert sowie dadurch extreme Erdmantelbewegungen auslöst. „Ein Massensterben auf der Erde hat es deswegen aber noch nie gegeben“, beschwichtigt der Wissenschaftler.

Auch Stephan Kempe, Professor für Allgemeine Geologie am Institut für Angewandte Geowissenschaften der Technischen Universität Darmstadt (TU), gibt Entwarnung: „Ungefähr 174 000 Mal hätte die Erde bisher untergehen können. Bekanntermaßen ist dies aber nicht passiert.“ Zwar sei vor 25 800 Jahren der Höhepunkt der Eiszeit gewesen, „allerdings war die Eiszeit einige tausend Jahre lang, also nicht durch die galaktische Konstellation verursacht“, so Kempe dem ECHO gegenüber. „Auch eine Umpolung der Erde wird es 2012 nicht geben, die jüngste erfolgte vor zirka 600 000 Jahren. Solche Ereignisse, die sich 23 Mal seit der Kreidezeit ereignet haben, haben auch keine Neuorientierung des Mantels verursacht.“ Dies lasse sich damit beweisen, dass man den Zusammenhang zwischen dem Drift der Kontinente und dem Magnetfeld kontinuierlich in die Vergangenheit zurückverfolgen könne, stellt der TU-Mitarbeiter klar.

Emmerich lässt es in seinem Film zusätzlich noch in allen vulkanisch aktiven Gegenden zu riesigen Lava-Ausbrüchen kommen. Als Auslöser fungiert eine sehr große Eruption der Sonne (Protuberanz), die die ins All geschleuderten Neutrino-Teilchen dazu bringt, das Erdinnere wie mit Mikrowellen zu erhitzen. Dazu Kempe: „Neutrinos rasen zu Aber-Trillionen durch die Erde, ohne eine Wechselwirkung. Also werden ein paar Protuberanzen da nichts ausmachen, zumal die Neutrinos aus dem Inneren der Sonne stammen, während die Protuberanzen Vorgänge nahe an der Oberfläche sind.“ Das sieht Esoc-Fachmann Kresken genauso: „Die Sonnen-Neutrinos gehen ungefiltert durch und sind physikalisch extrem schwer nachweisbar.“

Bleibt die Frage nach den Maya-Prophezeiungen und dem angeblichen Ende ihres Kalenders am 21. Dezember 2012. Die indianische Vökergruppe der Maya bildeten ab zirka 3000 vor Christus in Mittelamerika eine Hochkultur, deren Nachkommen heute auf der Yucatán-Halbinsel in Mexiko sowie in Belize, Guatemala und Honduras leben. Berühmt sind die Maya für ihre Mathematik und ihren in Hieroglyphen geschriebenen Kalender. Die mittlerweile weitgehend entzifferte Schrift war bis zur Ankunft der spanischen Conquistadoren im Jahr 1511 das höchstentwickelte Schriftmedium in Altamerika. Der aus miteinander verzahnten lunaren, solaren und planetaren Zyklen bestehende Maya-Kalender ist präziser als der gregorianische Kalender und kündigt unter anderem Sonnenfinsternisse 1000 Jahre in der Zukunft an.

Die Maya benutzten gleich drei Kalenderzyklen: einen Weissagungskalender zu 260 Tagen, einen Zyklus des Sonnenjahres mit 18 Monaten zu je 20 Tagen (plus fünf zusätzliche ungezählte Tage), und einen Zyklus von 52 Jahren zu jeweils 365 Tagen, die Kalenderrunde. Im Jahre 1887 wurde außerdem noch das Prinzip der Langen Zählung entdeckt: Eine ununterbrochene Reihung von 1 872 000 aufeinander folgenden Tagen seit dem Kalenderrunden-Datum „4 Ahau 8 Cumku“, dem Nulldatum.

Die Schwierigkeit besteht darin, die Summe der Tage, die damit seit dem Nulldatum vergangen sind, mit dem christlichen Kalender in Bezug zu setzen. Da die Maya zum Zeitpunkt des Eintreffens der Spanier bereits nicht mehr in der Langen Reihe zählten, sondern nur noch in einer zyklischen Kurzen Zählung, die alle 256 Jahre aufs Neue beginnt, hatte man dazu lange keine verlässliche Methode zur Hand.

Erst vergangene Woche hat Andreas Fuls, Wissenschaftler des Instituts für Geodäsie und Geo informationswissenschaft der Technischen Universität Berlin, mit Hilfe eines neu entwickelten Computerprogramms herausgefunden, dass die Zeitrechnung der Maya in Korrelation zur christlichen auch 208 Jahre später als bisher angenommen sein könnte. Bislang folgten die meisten Historiker der „Goodman-Martínez-Thompson-Korrelation“, nach der am 21. Dezember 2012 der Zyklus der Langen Zählung endet, der einst mit dem Nulldatum begonnen wurde, das mit dem 13. August 3114 vor Christus beziffert wird.

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Kein Weltuntergang: Auch für den 1. Januar 2013 gibt es noch eine Entsprechung im Maya-Kalender, die hier mit Hilfe eines von Thilo Alt entwickelten Algorithmus dargestellt wird. Die Website mit dieser Funktion kann unsere gregorianische Zeit in die Maya-Zeit umrechnen und die entsprechenden Kalender-Glyphen der Maya anzeigen. Foto: Thilo Alt / art3W


Schön veranschaulicht hat den Maya-Kalender der Kölner Web-Künstler Thilo Alt, der im Jahr 2000 einen Algorithmus entwickelte, mit der sich gregorianische Daten in Maya-Zeit umrechnen und die entsprechenden Maya-Kalenderglyphen grafisch anzeigen lassen. Die überarbeitete Version davon verwendet bereits einen neuen Algorithmus, der es ermöglicht, simultan in der Maya- und der gregorianischen Zeit zu rechnen. Das kann man im Internet unter www.art3w.de/37-0-Mayakalender-2009.html ausprobieren. Voreingestellt ist immer das aktuelle Datum. Wer über den 21. Dezember 2012 hinausklickt, wird feststellen, dass der Kalender nicht endet.

Dies deckt sich mit den Aussagen von Nikolai Grube, der als Professor für Altamerikanistik und Ethnologie an der Universität Bonn lehrt: „Tatsächlich gehen die Spekulationen über das Datum 2012 auf die Tatsache zurück, dass in der gängigen Kalenderkorrelation in diesem Jahr der 13. Bak’tun-Zyklus des Maya-Kalenders enden wird. Das aber heißt weder Weltuntergang noch Ende des Kalenders, sondern ganz einfach das Ende eines Kalenderzyklus und der Beginn des nächsten.“

Der Maya-Experte, der an seiner Hochschule auch ein Hauptseminar zum Thema 2012 anbietet, antwortet auf die ECHO-Anfrage, dass die ganze Diskussion eine Erfindung sei, die mit den Maya so gut wie nichts zu tun habe: „Es gibt überhaupt keine Prophezeiungen dieser Art von den Maya, weder in den vorspanischen Hieroglyphen-Inschriften noch in den Schriftquellen aus der Kolonialzeit und auch nicht in den mündlichen Traditionen der modernen Maya. Der Bezug zu einem Schwarzen Loch ist ebenfalls eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts, und die Maya haben auch nie eine Konstellation von Erde, Sonne und Galaxie-Zentrum vorausgesagt.“

Auch Esoc-Mitarbeiter Rainer Kresken bemängelt hinsichtlich der Weltuntergangsszenarien „falsch zusammengerührte Soßen aus umherschwirrenden Fakten“ und hat für die Datenweissagungen ein ernüchterndes Gegenbeispiel parat: „In China wird ein Sack Reis umfallen.“ TU-Professor Stephan Kempe kanzelt die Apokalyptiker ebenfalls ab: „Es gibt weitaus wichtigere Katastrophen, um die wir uns kümmern müssen – Klimawandel, Abschalten der Nordatlantikströmung, Erosion, Stürme, Überbevölkerung, Entwaldung, Meerespiegelanstieg, Wassermangel in vielen Erdgebieten, und und und. Man muss nicht noch welche erfinden.“

Einen Erklärungsansatz formuliert Grube in seiner Seminar-Ankündigung für die Uni Bonn. Es gehe darum, zu „untersuchen, inwieweit sich in diesen zeitgenössischen Endzeitvisionen Zivilisationsängste und transzendentale Bedürfnisse manifestieren, die Ethnologen vielleicht als moderne Formen von Heilserwartungsbewegungen deuten würden. Ganz offensichtlich eignen sich wenig bekannte und exotische Völker wie die Maya ganz besonders gut als Projektionsfläche für die Wünsche und Ängste von Menschen aus der kapitalistischen Welt.“
 
 


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