Endzeit-Gedanken sind keineswegs ein Privileg der Maya – etwa die Azteken, viele Indianervölker und auch die Germanen pflegten dazu eigene Vorstellungen, der Mystiker Nostradamus (1503-66) hatte das Weltende für 1999 angekündigt. „Wenn ich wüsste, dass morgen der Jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen,“ soll Martin Luther über Endzeit-Prophezeiungen gesagt haben. Doch immer wieder sprossen Weltuntergangsszenarien aus dem Nährboden von Philosophie und Religion.
Das trifft auch für die Maya-Hochkultur zu, deren Stadtstaaten zwischen 250 und 900 nach Christus Zentralamerika beherrschten. Mit jeweils mehr als zehntausend Einwohnern waren einige dieser Städte damals größer als jede Stadt Mitteleuropas zur gleichen Zeit. Auf der heute zu Mexiko, Guatemala und Belize gehörenden Halbinsel Yucatan waren die Maya mit einem Existenzproblem konfrontiert: „Die Region ist recht trocken“, erklärt Wolfgang Lucht, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Zusammenhänge zwischen Klimaänderungen und der Vegetation untersucht.
Um ihre Ernährung durch Maisanbau sicherstellen zu können, speicherten die Maya Regenwasser in Zisternen, holten Grundwasser aus Karsthöhlen und leiteten das Nass über ein Bewässerungssystem auf ihre Felder. Ohne Kalender, nach dem man Trocken- und Regenzeiten abschätzen kann, ist Landwirtschaft schwierig. „Die Maya haben ganz tolle Kalender entwickelt“, betont Lucht. In Europa und in anderen Teilen der Welt verwendet man heute einen Kalender, der neben den leicht zu zählenden Tagen auch größere Einheiten enthält. Da die Erde für einen Umlauf um die Sonne 365,2425 Tage braucht, vergeht bis zu einem bestimmten Sonnenstand – wie zum Beispiel zur Sonnwende – keine gerade Zahl von Tagen. Damit sich die Jahreszeiten nicht verschieben, fügt der westliche Kalender daher alle vier Jahre (wie auch 2012 wieder) mit dem 29. Februar einen Schalttag ein. Dieser Extratag fällt im hundertsten Jahr aus, findet aber in jedem 400. Jahr dennoch statt. Nur mit diesen komplizierten Regelungen kann unser System dem Sonnenlauf folgen.
Die Maya hatten einen ähnlich guten, ebenfalls recht komplizierten Kalender. Statt Zyklen von einem, vier, 100 und 400 Jahren hatte ihr Kalender einen Rhythmus, der religiöse Zeremonien in Tzolkin-Jahren von 260 Tagen zählte. Die besten Zeiten für die Saat und die Ernte ermittelten sie dagegen mit dem 365 Tage zählenden „Haab“-Kalender für das zivile Leben. Jeder Haab hatte 18 Monate mit jeweils 20 Tagen, zusätzlich gab es fünf weitere Tage. Und bei Bedarf wurde ein Schalttag eingelegt.
52 dieser Haabjahre lang konnte jeder einzelne der insgesamt 18980 Tage mit Hilfe der Kombination aus Tzolkin- und Haab-Einheiten eindeutig bestimmt werden. „Danach wurde der Kalender wieder auf null gestellt und von vorne gezählt“, erklärt Wolfgang Lucht. Das Ende einer „Kalenderrunde“ nach 52 Jahren wurde unter Leitung der religiösen Führer ausgiebig gefeiert. Überall im Land wurden die Feuer gelöscht, um das Ende der Epoche zu symbolisieren. Danach wurde die Welt neu geboren, eine neue Zeitrechnung begann. Das Ganze ähnelt dem Jahreswechsel am Ende eines Jahrhunderts, etwa dem vergangenen Millenniums-Spektakel.
Die Maya-Hochkultur existierte länger als 52 Jahre. Daher entwickelten ihre Priester und Wissenschaftler einen weiteren Kalender, mit dem sich jedes Datum im Zeitraum von 5125 Jahren feststellen lässt. Der Beginn dieses Kalenders fiel auf den 11. August 3114 vor Christus – sein Ende auf den 21. Dezember 2012. Dann wird die Zeitrechnung der Maya wieder neu beginnen, deren Hochkultur allerdings bereits im zehnten Jahrhundert nach Christus unterging. Die Welt wird vermutlich auch bei diesem Kalenderwechsel nicht untergehen.
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