Wissenschaft & Technik: Versuche, Mammuts zu rekonstruieren
Synthetische Biologie: Genforscher werten ihre Arbeit als einen Versuch, dem Artenschwund entgegenzuwirken
Herden von Wollhaarmammuts bevölkerten die Steppen Eurasiens, bis sie gegen Ende der Eiszeit verschwanden, vor etwa 10 000 Jahren. Nun könnte das Mammut schon bald zurückkehren. ,,Vor drei Jahren habe ich das für absolut unmöglich gehalten" erklärt Stephan Schuster, Molekularbiologe an der Penn State University in den USA: ,,Aber in vielen Bereichen der Forschung findet ein derart revolutionärer Fortschritt statt, dass es heute denkbar scheint, ein Mammut neu zu erschaffen." Schuster selbst hat dafür wichtige Vorarbeiten geleistet. Mit seinem Team in den USA hat er gut erhaltenes Erbmaterial aus Mammutfell isoliert und die Reihenfolge der Buchstaben im Erbgut rekonstruiert. Mit etwa drei bis vier Milliarden Bausteinen und 20 000 Genen erwies sich das Erbgut des Mammuts als etwa so groß wie das des Menschen. 2008 waren 70 Prozent der Erbinformation bekannt, 2010 könnten 90 Prozent vorliegen. Dann müsste man den Bauplan nur noch in Biochemie übersetzen. Die Methoden dazu gibt es schon, aber sie sind noch langsam und teuer.Doch nun tut sich ein anderer Weg zum künstlichen Mammut auf: eine Art Abkürzung. Alexei Tikhonov vom Zoologischen Museum in Sankt Petersburg schlägt vor, einen Elefanten als Vorlage zu nehmen und ihn genetisch so umzubauen, dass daraus ein Wollhaarmammut entsteht. Stephan Schuster hält diesen Plan für realisierbar: ,,Zunächst müssen wir herausfinden, was den Elefanten vom Mammut unterscheidet. Was dann kommt", schmunzelt er, ,,wäre eine so genannte Mammutifizierung." Nach heutigem Wissensstand seien mindestens 400 000 Änderungen im Erbgut nötig, um aus einem Elefanten ein Mammut zu machen, so Stephan Schuster. Mit den Methoden der heute üblichen Gentechnik, lassen sich so viele Änderungen nicht durchführen. Aber in einigen Labors werden derzeit neue Methoden entwickelt. Der Erbgut-Forscher George Church von der Harvard Medical School in Boston hat kürzlich im Fachblatt Nature ein Verfahren vorgestellt, mit dem er mehrere hundert Gene des Bakteriums Escherichia coli gleichzeitig veränderte. ,,Das gleiche könnten wir auch mit einer Elefantenstammzelle machen," spekuliert er. In einer Serie von Experimenten würde die DNA nach und nach immer mammutähnlicher. Der Gentechnik-Automat, der das möglich machen soll, ist nicht größer als ein Laser-Drucker und steht auf einer Laborbank hinter Churchs Büro. Mehrere Dutzend Schläuche verbinden verschiedene Reaktionsgefäße. Nichts bewegt sich, nur manchmal leuchtet ein weißes oder rotes Signal. Angeschlossen an den Automaten ist ein gewöhnliches Notebook, mit dem sich der Wunderkasten steuern lässt. George Church träumt davon, damit schon bald Erbmoleküle so gezielt und selbstverständlich zu verändern, wie man einzelne Buchstaben in der Textverarbeitung austauscht. Obwohl er bisher nur mit Bakterien arbeitet, sieht er das Mammut bereits vor der Tür: ,,Vielleicht machen wir zuerst einen Testlauf. Wie wäre es mit einem Elefanten mit längeren Stoßzähnen und ein wenig Haarwuchs? So könnten sich die Menschen an die neuen Möglichkeiten gewöhnen." Die gentechnische Herstellung eines Mammuts bedeutet jedoch noch lange nicht die Rückkehr einer Art. Mindestens zwei Tiere wären notwendig. Besser mehr. ,,Der Elefant ist ein hoch soziales, intelligentes Tier", erklärt der Elefantenexperte Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin: ,,Damit ein Mammut nicht mental erkrankt, bräuchten wir mindestens drei oder vier Jungtiere." Nach Hildebrandts Meinung wäre die Genetik wahrscheinlich noch nicht einmal die größte Hürde. Künstliche Befruchtung, das Einsetzen des Embryos in die Gebärmutter und auch die Geburt des Mammuts dürften weitere Probleme aufwerfen. Dennoch plädiert George Church dafür, das ,,Mammutprojekt" ernsthaft anzugehen: ,,Unsere Ökosysteme brauchen so viel Vielfalt wie möglich. Und deshalb sollten wir lernen, alte Arten zurückzuholen oder neue zu kreieren." Der Berliner Hildebrandt setzt andere Prioritäten: ,,Zuerst möchte ich einmal sehen, dass etwas mehr dafür getan wird, dass der Afrikanische und der Asiatische Elefant nicht aussterben. Dann sind wir nicht darauf angewiesen, auch diese Tiere in zehntausend Jahren wieder neu zu erschaffen."
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