Dass das Zusammenleben besser funktioniert, wenn man Artgenossen am Gesicht identifizieren kann, haben Wahrnehmungsphysiologen an Säugetieren schon lange festgestellt. Die Identifizierung klappt jedoch nur in manchen Situationen – obwohl es bei derart stark sozial lebenden Wesen wie dem Menschen extrem wichtig ist, sofort zu wissen, ob man es etwa mit dem Chef oder einem Freund zu tun hat.
Am Telefon jedenfalls verwechseln Menschen den Gesprächspartner leicht. Deshalb nennt man zu Beginn eines Telefonats meist auch dann seinen Namen, wenn man den anderen gut kennt. Steht man sich jedoch gegenüber, identifiziert man Nachbarn oder Arbeitskollegen aus der Abteilung drei Stockwerke tiefer sofort am Gesicht – auch wenn einem vielleicht der Name entfallen ist. Auch die Gesichter von Schauspielern erkennen wir im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand zuverlässig.
Das geht vielen anderen Säugetieren wie Affen oder Schafen genauso, wie Untersuchungen gezeigt haben: Sie erkennen Artgenossen am Gesicht. Das klappt aber nur innerhalb einer Art: Menschen erkennen Politiker meist auf dem Fernsehbildschirm sofort – die Schafe einer Herde können sie aber kaum auseinander halten.
Beim Blick auf das Gesicht des Tischnachbarn laufen im Gehirn andere Prozesse ab als beim Betrachten jedes anderen Lebewesens oder Gegenstandes. Diese Vorgänge können sich bei Schafen und Menschen im Lauf der Evolution auf den gleichen Grundlagen entwickelt haben, weil die Gehirne dieser Säugetiere sehr ähnlich aufgebaut sind. Das Denkorgan eines Insekts aber unterscheidet sich wie seine Augen sehr stark von denen des Menschen, Löwen oder der Maus. Da liegt die Frage nahe, ob Insekten überhaupt Gesichter identifizieren können.Um sie zu beantworten, haben Michael Sheehan und Elizabeth Tibbetts von der University of Michigan ein Mini-Labyrinth konstruiert, in dem Wespen in zwei kurze Gänge fliegen können. Landen können die Insekten nur an einer Stelle, ohne einen elektrischen Schlag zu bekommen. In diese sichere Zone projizierten die Forscher dann ein Bild, im anderen Gang sahen die Wespen ein anderes. Jede Wespe startete 40-mal in das Labyrinth, in dem die sichere Zone bei jedem Versuch zufällig entweder im gleichen oder im anderen Arm wie beim vorherigen Test sein konnte. Das gezeigte Bild aber wanderte mit der Sicherheitszone. In einer Versuchsreihe wies das Bild einer Raupe auf die sichere Zone hin, während im anderen Gang das Foto eines anderen Raupen-Individuums zu sehen war. Obwohl die Raupen zur Leibspeise der Feldwespe Polistes metricus gehören, dauerte es etliche Versuche, bis die Wespen gelernt hatten, welche Raupe eine sichere Landung verhieß.
Viel schneller ging es auch nicht, wenn die Wespen die Bilder zweier verschiedener Insekten der gleichen Art Polistes metricus sahen. Das hatten die Wissenschaftler auch erwartet, schließlich lebt diese Art in kleinen Staaten mit einer einzigen Königin.
Polistes-fuscatus-Staaten hingegen werden von mehreren Königinnen regiert, die miteinander konkurrieren– da muss man Artgenossen auseinander halten können. Das schafft diese Art auch. Zwar brauchten auch diese Wespen zum Finden der sicheren Zone etliche Versuche, wenn sie zwischen zwei Raupengesichtern wählen mussten. Standen dagegen zwei Polistes fuscatus-Gesichter zur Auswahl, fanden sie den sicheren Landeplatz bereits nach viel weniger Versuchen. Das klappte nur, wenn die Forscher auf den Bildern nicht die Antennen am Kopf der Wespen entfernt hatten. Bei antennenlosen Wespen dagegen war auch die sozial lebende Art recht ratlos.
Anders geht es Menschen auch nicht: Taucht jemand, den man mit langen blonden Haaren kennt, eines Tages mit feuerroter Igelfrisur auf, muss man erst einige Male hinschauen.
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