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31. Januar 2012 e

Neue Spinnenarten reisen per Bus ein

Das Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt weist in Deutschland neu eingewanderte Arten nach

 
| Vergrößern | Weibchen der Zitterspinnenart Holocnemus pluchei mit Jungtieren. Foto: Forschungsinstitut senckenberg
FRANKFURT. 

In Deutschland sind rund eintausend Spinnenarten bekannt, unter Spinnen-Spezialisten – Arachnologen genannt – gilt das Land als eines der in Bezug auf seine Spinnen-Population am besten untersuchten Gebiete weltweit.
Dies sei eine gute Voraussetzung, um Veränderungen der heimischen Tierwelt festzustellen, berichtet der promovierte Biologe Peter Jäger, der als Arachnologe am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt arbeitet. Denn Wissenschaftler stoßen immer wieder auf neue, eingewanderte oder eingeschleppte Arten – Neozoen (Neu-Wesen) genannt. Jäger machte 1995 die Zitterspinnenart Holocnemus pluchei hierzulande erstmalig in einem Kölner Parkhaus unter einem Euro-Busbahnhof aus.
„Hier kommen Busse direkt aus Mittelmeerländern an, Gepäck wird ausgeladen, blinde Passagiere finden in dem ,frostfreien Habitat Parkhaus ‘ eine erste Bleibe“, erklärt Jäger seinen Fund und ergänzt: „Die Population wurde von uns stichprobenhaft in den folgenden Jahren bis 1999 unter anderem in Mannheim und Mainz nachgewiesen“.
Anfang dieses Jahres dokumentierte Jäger im Parkhaus am Mainzer Theater eine weitere Zitterspinnen-Population, die vor allem an Leuchtstoffröhren unter der Parkhausdecke Netze spannt. Die Lichtquelle lockt potenzielle Beutetiere für die Spinnen an und ermöglicht ihnen das Leben in diesem kargen Lebensraum.
Angst braucht man vor dieser eingewanderten Art nicht zu haben: Die Spinne ist für Menschen ungefährlich, vertilgt Insekten, unter anderem Lästlinge wie Schaben und Stechmücken. Auch im ökologischen Sinne wird die Zitterspinne wohl keinen Schaden anrichten. Im schlimmsten Fall wird eine eingewanderte Art durch eine neue ersetzt – denn auch die in Gebäuden vorkommende „heimische“ Zitterspinne Pholcus phalangioides ist mit großer Wahrscheinlichkeit früher zugewandert. Von ihr unterscheidet sich die neue Art Holocnemus pluchei durch ein dunkles Längsband an der Bauchseite und lebhafte Rückenzeichnung. Sie scheint unempfindlicher gegen Licht und Trockenheit zu sein, so dass sich die Spinnenarten wahrscheinlich – ökologisch gesehen – aus dem Weg gehen werden.
Darüber hinaus konnte eine weitere eingeschleppte Art in Gebäuden in Frankfurt am Main, Mainz, Mannheim, Heidelberg, Heilbronn, Metzingen, Freiburg sowie Bonn, Köln, Düsseldorf und Bremen nachgewiesen werden. Die Spinne Zoropsis spinimana (Kräuseljagdspinne) hat eine Körperlänge – diese wird bei den Tieren ohne die Beine gemessen – von bis zu zwei Zentimetern und erinnert an die heimischen Wolfsspinnen. Die gedrungenen Tiere jagen nachts frei in Gebäuden und werden daher sensiblen Wohnungsinhabern eher auffallen, als die eingangs erwähnte schlanke und langbeinige Zitterspinne, die häufig mit Weberknechten verwechselt wird.

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Für Menschen ungefährlich: seit 2006 lebt die Kräuseljagdspinne Zoropsis spinimana in Deutschland. Foto: Forschungsinstitut senckenberg
Doch auch von diesen Tieren geht keine Gefahr aus. Die Wissenschaftler Ambros Hänggi und Angelo Bolzern vom Naturhistorischen Museum Basel, die 2006 diese Art zum ersten Mal in Deutschland nachwiesen, haben mit diesen Spinnen Selbstversuche zur Giftigkeit durchgeführt. Die beiden Forscher haben danach einen Biss der Kräuseljagdspinne als „nicht nennenswert“ bezeichnet. „Ich habe es noch nicht mal geschafft, die großen Weibchen der Art so zu reizen, dass sie mich überhaupt beißen,“ sucht Jäger Empfindsame zu beruhigen. Andere, kleinere Spinnenarten, wie die nur anderthalb bis zwei Millimeter messende Mermessus trilobatus, ein Vertreter der Familie der Baldachinspinnen, sind ebenfalls als Zuwanderer in Deutschland bekannt. Sie sind jedoch so klein und unscheinbar, dass sie von der Öffentlichkeit meist überhaupt nicht wahrgenommen werden.
In Nachbarländern sind schon zahlreichere fremde Arten angekommen und stehen sozusagen vor der deutschen Haustür: In Belgien verzeichnet man beispielsweise vier neue Spinnenarten, darunter die in allen tropischen Gebieten vorkommende Zitterspinne Crossopriza lyoni, die an ihrem dreieckigem Hinterleibs-Umriss zu erkennen ist.
Sind die aktuellen Funde noch überwiegend von Interesse für Biologen und Ökologen, könnte das Auftauchen von Giftspinnen die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit nach sich ziehen. Funde der giftigen Schwarzen Witwen– meist Latrodectus mactans – werden aus Belgien, vereinzelt auch aus Deutschland gemeldet. Bisher sind hier allerdings keine Populationen bekannt, die sich fortpflanzen. Die Frankfurter Forscher werden ein Auge darauf haben.

 
 


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