Die Nanotechnologie gilt als eine der spannendsten Zukunftstechnologien. Sie beschäftigt sich mit Teilchen, die bis zu 50 000 Mal kleiner sind als der Durchmesser eines Haares. Schon heute schützen winzige Partikel Hauswände vor Graffiti, Autolack vor Kratzern und die Haut vor Sonnenbrand.
Es gibt jedoch viele Einsatzgebiete, in denen die Langzeitfolgen der Nanotechnologie noch nicht einzuschätzen sind. Eines davon ist die Leistungssteigerung des Menschen, etwa mit Hilfe der Neurowissenschaften. Mit solchen ethischen Herausforderungen der Nanotechnologie beschäftigt sich die Konferenz „Size Matters“ am 21. und 22. September in Saarbrücken.
Beispiele aus den Einsatzfeldern der Neurowissenschaften verdeutlichen die Dimensionen: Schon heute ist eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer möglich. Das geschieht, indem am Kopf angebrachte Elektroden Signale aus dem Gehirn analysieren, interpretieren und in Handlungsanweisungen für Maschinen umsetzen. So kann ein Querschnittsgelähmter seinen Rollstuhl steuern. Oder jemand, der seine Sprechfähigkeit einbüßte, bedient ein Schreibprogramm, indem er lediglich an bestimmte Buchstaben denkt.
Derzeit wird an Tieren erprobt, Nanodrähte direkt ins Gehirn wachsen zu lassen, berichtet der Medizinethiker Jens Clausen vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Tübingen. Daneben gibt es aber auch die Möglichkeit, eine Elektrode ins Gehirn einzupflanzen. Bei Parkinson-Patienten mit schwersten Bewegungseinschränkungen könne man laut Clausen mit der Tiefen-Hirnstimulation große Erfolge erzielen.
In Tierexperimenten hätten Affen sogar gelernt, per Minicomputer eine Prothese wie ihren eigenen Arm zu steuern. Allerdings sei derzeit noch kaum eine Gehirn-Computer-Schnittstelle vollständig fehlerfrei, warnt der Privatdozent. Ein Eingriff ins Gehirn könne Depressionen und Manien auslösen. Die Grenzen zwischen Natur und Technik verschwimmen immer mehr, sagt Clausen. Zwar sieht er die Chance, dass Menschen verloren gegangene Fähigkeiten durch Möglichkeiten der Nanotechnologie zurückgewinnen. Aber für ihn bleiben viele ethische Fragen offen: Wird die Technik ein Teil des Menschen, sobald sie in das Gehirn implantiert ist und funktioniert? Bestimmen die Menschen noch über sich selbst, wenn kleinste Maschinen im Körper das Leben verändern? Welche Bedeutung hat dies für unser Verständnis von moralischem Handeln, Zurechnungsfähigkeit, Verantwortung und Selbstbestimmung?
Längst geht es in der Wissenschaft nicht mehr allein um die Rückgewinnung verlorenen gegangener Körperfunktionen. Es geht um den „verbesserten Menschen“, dessen natürliche Fähigkeiten sich durch Nanotechnologie optimieren lassen, der schneller laufen, nachts sehen, rascher denken kann.
Noch gibt es genau definierte Grenzen: „Wenn heute ein Neurochirurg einem Gesunden eine Elektrode ins Gehirn pflanzt, nur um dessen Wohlbefinden zu steigern, verliert er seine Approbation“, sagt Clausen. Bei der Saarbrücker Konferenz, deren Veranstalter den Einsatz von Nanotechnologie fördern wollen, soll im Mittelpunkt stehen, welches Maß an menschlicher Veränderung die Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist und ob Grenzen neu gezogen werden müssen. Clausen glaubt: „Es wird darauf hinauslaufen, dass jeder für sich eine Entscheidung treffen muss.“
Nanotechnologie: Die optimierte Mensch-Maschine
Mikroskopische Maschinen könnten künftig Prothesen steuern oder uns im Dunkeln sehen lassen
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