Über 150 Millionen Kunstwerke gibt es auf der Welt – viele davon zu schön, zu wichtig, um sie vor der Öffentlichkeit wegzuschließen. Dennoch zögern manche Besitzer, ihre Schätze auf Ausstellungen zu zeigen. Ein Überwachungssystem soll künftig ihre Entscheidung dafür erleichtern.
Wer etwa im Sommer 1999 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt die weltweit beachtete Sonderausstellung „Sitting Bull“ besucht hat, mochte beklagt haben, dass die Organisatoren der Schau einen Großteil der Ausstellungsstücke aus dem Besitz oder wenigstens aus der Zeit des berühmten Medizinmannes der Lakota in schummriges Dunkel hüllten.
Dies geschah jedoch nicht, um der Ausstellung eine düstere oder gar magische Aura zu verleihen: Der Grund waren strikte Auflagen, welche die Leihgeber in den USA und Kanada zur Bedingung für die zeitweise Überlassung der Artefakte gemacht hatten. In noch stärkerer Dunkelheit gehalten werden etwa Kult- und Kunstgegenstände der Westküsten-Ureinwohner im Royal Museum in Victoria, Hauptstadt der kanadischen Pazifik-Provinz British Columbia – zum Leidwesen der Besucher, die obendrein auch kein Blitzlicht zum Fotografieren einsetzen dürfen.
Dabei ist Licht (das viele Materialien ausbleichen lässt) nur ein Teil der Strapazen, denen Kunstwerke ausgesetzt sind. Oft ist die Temperatur ungünstig, vielerorts ist die Feuchtigkeit zu hoch. Andererseits kann es weder im Sinne des Künstlers noch der Museen oder Sammler sein, Kunstschätze in klimatisierten Tresoren wegzuschließen, um sie bestmöglich vor schädlichen Einflüssen zu schützen – Kunst braucht Öffentlichkeit.
Um die auf unwiederbringliche Zeitzeugnisse schädlichen Einflüsse zumindest gut im Blick haben zu können, haben Forscher an drei deutschen Fraunhofer-Instituten zusammen „Artguardian“ entwickelt – ein vollautomatisches, „intelligentes“ Überwachungssystem. Es wird vom 6. bis 10. März auf der Messe Cebit in Hannover vorgestellt (Halle 9, Stand E02).
„Artguardian besteht aus vier Sensortypen, die unsichtbar angebracht sind und Temperatur und Feuchtigkeit am Kunstwerk ebenso aufzeichnen wie Lichtverhältnisse, Stöße und Bewegungen“, erklärt Stephan Guttowski vom Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM in Berlin. „In regelmäßigen Abständen meldet es die Daten per Funk an eine Basisstation in der Nähe des Objekts.“
Diese ist mit einer IT-Plattform verbunden, auf die der Eigentümer per Smartphone jederzeit Zugriff hat. So kann er überwachen, welchen Umweltbedingungen das Kunstwerk ausgesetzt ist. Werden vorgegebene Grenzwerte überschritten, schlägt das System Alarm.
Ist gerade keine Basisstation in der Nähe, etwa auf dem Transport, zeichnet der Sensor die Werte auf, sodass sie später ausgelesen werden können. Da man nicht mitten auf einem Kunstwerk Lichtsensoren anbringen kann, haben Forscher vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP eine mit Polymeren beschichtete Glasscheibe entwickelt, die davor angebracht wird. Diese lenkt einen Teil des Lichts nach außen zum Rahmen, unter dem Sensoren versteckt sind. Über eine Lichtmatrix werden Rückschlüsse auf das Gesamtlicht möglich.
Die Crux: „Jedes Kunstwerk kann etwas andere Bedingungen erfordern, die nicht zuletzt von Zustand und Alter des Objekts sowie den Materialien abhängig sind“, weiß Ralf Kilian vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Holzkirchen. Artguardian enthält deshalb ein detailliertes Regelwerk zur präventiven Konservierung der Kunstwerke. Es basiert auf Daten, die ein Restauratorenteam des IBP zusammengetragen hat.
Volker Zurwehn, stellvertretender Leiter des Dortmunder Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST, hofft, dass Artguardian hilft, die Zurückhaltung gegenüber Anfragen nach Leihgaben abzubauen. „Die IT-Plattform könnte dem Eigentümer über die Überwachung hinaus sogar über eine Verbindung zur Hausleittechnik die Möglichkeit geben, das Raumklima nachzujustieren.“ Namhafte Museen haben bereits Interesse angemeldet.
Merken
|









