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08. Juni 2010 Von Sabine Schiner

ECHO-Interview mit der Mikrobiologin Antje Boëtius: Katastrophe ohne Notfallplan

Ölpest: Leck eines Bohrlochs im Golf von Mexiko bedroht das Leben an Küsten und in der Tiefsee - ,,Wenn das Öl auf den Meeresboden absinkt, verändert sich dort alles"

 
| Vergrößern | Ölklumpen am Strand von Dauphin Island im US-Bundesstaat Alabama. Foto: EPA


Die in Darmstadt aufgewachsene Antje Boëtius geht oft auf Tauchstation. Das gehört zu ihrem Job: Sie ist Tiefseeforscherin und Professorin am Max-Planck-Institut in Bremen und untersucht das Leben von Mikroorganismen auf dem Meeresgrund. Im Gespräch mit dem ECHO erzählt sie, welche Folgen die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko auf das Leben in der Tiefsee hat.
Ölpest in Kürze

Die vom Ölkonzern BP betriebene Bohrinsel ,,Deepwater Horizon" war am 22. April nach einer Explosion gesunken. Seitdem sind nach Experten-Schätzungen bis zu 174 Millionen Liter Öl ausgelaufen. Die US-Regierung schickte BP eine erste Rechnung über 57 Millionen Euro für die Reinigung der verschmutzen Strände.

ECHO: Frau Boëtius, jeden Tag strömen bis zu 3,8 Millionen Liter Öl aus dem Bohrloch im Golf von Mexiko. Wie geht es Ihnen dabei? Die Tiefsee ist schließlich Ihr Arbeitsplatz?

Antje Boëtius: Ich bin genauso betroffen und bestürzt wie jeder andere auch. Schockiert hat mich, dass die Tiefseebohrungen im Golf ohne Risikoabschätzung und Katastrophenabsicherung gemacht wurden. Das ist unglaublich. Man kann nicht einfach die Technologie aus dem Flachwasserbereich auf die Tiefsee übertragen. Es gab ja auch bereits die Idee, in den arktischen Gewässern, etwa vor Alaska, Öl zu bohren - und wahrscheinlich gibt es dafür bisher ebenfalls keinen Notfallplan.

ECHO: Die Folgen des Ölbohrunfalls sind an den Küsten deutlich sichtbar: Verendete Meeressäuger und Seevögel, verschmutzte und nach Öl stinkende Strände. Was richtet das Öl unterhalb der Meeresoberfläche an?

Boëtius: Wenn sich das Öl im Wasser verteilt, wird es von Bakterien als Energiequelle genutzt solange Sauerstoff zum Atmen und Nährstoffe zum Wachsen vorhanden sind. Das kann bei großen Mengen Öl aber auch zum ökologischen Problem werden. Wenn die Zehrungsraten zu einem Sauerstoffmangel führen, werden Fische und Meeressäuger samt ihrer Nahrungsgrundlagen - dazu gehören Würmer und Krebse - vertrieben. Wenn Öl auf den Meeresgrund absinkt, verändert sich auch dort alles Leben. Es siedeln sich in erster Linie Lebewesen an, die mit Hilfe von Mikroorganismen Öl als Energiequelle nutzen können.

ECHO: Wie weit wird sich das Öl denn noch verteilen? Finden wir in einigen Monaten Ölklumpen im Wattenmeer?

Boëtius: Im Golf zirkuliert die Strömung in einer Schleife, in der das Öl erstmal gefangen ist. Nun beginnt aber die Hurrikan-Zeit, die den Transport von Öl im Wasser stark verändern kann. Die Meeresströmungen könnten einen Teil des Öls in den Floridastrom transportieren und langfristig sogar in den Golfstrom. Die Frage ist, ob das in der Wassersäule treibende Öl dabei weiter absinkt oder aufsteigt. In der Tiefe sind die Meeresströmungen langsam. An der Oberfläche bewegt sich der Golfstrom mit zwei bis drei Knoten, das sind umgerechnet drei bis fünf Kilometer pro Stunde. Im schlimmsten Fall könnte das Öl sogar durch den Atlantik bis nach Irland, England oder Norwegen transportiert werden. Wie weit das Öl sich verbreitet, hängt dabei auch von den Mengen ab, die noch aus dem Bohrloch austreten werden.
ECHO: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass BP es schafft, das Leck abzudichten?

Boëtius: BP hat schon viele verschiedenen Methoden versucht, um den Ölaustritt zu stoppen. Niemand weiß genau, wie hoch der Druck des Reservoirs ist und wie viel Öl noch austreten kann. BP hat vorgeschlagen, eine zweite Bohrung zu machen, um an einer anderen Stelle gezielt Öl zu entnehmen. Dadurch würde der Gesamtdruck abfallen. Eine solche Operation ist vielleicht die schnellste Lösung, sie kann allerdings frühestens im August oder September starten. Das Risiko ist hoch: Wenn wieder etwas schiefgeht, gibt es zwei Löcher, aus denen Öl unkontrolliert austritt.

ECHO: BP setzt Lösungsmittel ein, um die Katastrophe einzudämmen. Was halten Sie davon?

Boëtius: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um große Ölteppiche auf dem Meer einzudämmen. Man kann versuchen, das Öl mit Sauggeräten einzusammeln, was sehr mühsam ist und lange dauert, oder man kann es abfackeln - letzteres ist der schnellste Weg. Allerdings gelangen beim Verbrennen auch große Mengen Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre. Die dritte Möglichkeit ist, Lösungsmittel einzusetzen. Diese Methode ist jetzt zum ersten Mal auch in tieferen Zonen eingesetzt worden - aus reiner Not. Das Problem ist aber, dass das Öl damit nicht einfach verschwindet, sonder nur in Tröpfchen zerlegt und fein im Wasser verteilt wird. Dort wird es von Bakterien mit Hilfe großer Mengen von Sauerstoff abgebaut. Ein Tröpfchen Öl verbraucht den Sauerstoff von einem Liter Seewasser. Gibt es keinen regen Wasseraustausch, sinkt der Sauerstoffgehalt im Meer. Für Fische und viele andere Lebewesen ist das tödlich.

ECHO: Gibt es denn auch Organismen am Meeresboden, die an Erdöl gefallen finden, es fressen, verdauen und unschädlich machen?

Boëtius: Die gibt es. Solche Mikroorganismen leben in allen Meeresböden, besonders auch in der Tiefsee. Sie sind in der Lage, Kohlenwasserstoffe in Kohlendioxid und Wasser aufzuspalten oder auch in Methan. Ich selbst habe schon im Golf von Mexiko in bis zu 3000 Metern Tiefe natürliche Ölquellen untersucht. Das sind Stellen im Meeresboden, wo Öl ganz langsam austritt. Mit der Zeit bilden sich Asphalt und Teer. und wenn die Natur ganz viel Zeit hat, siedeln dort am Ende sogar wieder Tiefseekorallen, Schwämme und Seegurken. Dennoch wird ein von Öl bedeckter Meeresboden für viele Generationen hinweg verändert sein. Nur weil die Tiefsee so weit weg von der Zivilisation ist, bedeutet das nicht, dass nicht auch dort Arten verloren gehen und Ökosysteme sich durch menschliches Handeln für immer verändern.

ECHO: Haben Sie als Mikrobiologin Hoffnung, dass sich die Natur von dieser Ölpest wieder erholt?

Boëtius: Für die Küsten von Louisiana - und mit viel Pech auch für Florida - wird die Ölpest langfristig katastrophale Wirkungen haben. Das Öl zerstört beispielsweise die Brutgebiete von Fischen, und die Fischerei wird so lange verboten bleiben, so lange Öl vor der Küste treibt - eine Katastrophe auch für die Bevölkerung. Hoffentlich wird aus diesem Unfall gelernt, dass die Erschließung der Tiefsee einer sehr vorsichtigen Risikoabschätzung und Katastrophenplanung zur Sicherheit von Mensch und Umwelt bedarf.
| Vergrößern |
Antje Boëtius Foto: privat


 
 


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