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14. Dezember 2010 e

Das Ich - nur Simulation

Bewusstseinsethik: Das Selbstverständnis des Menschen als Projektion virtueller Realität

Bezugshinweis

Thomas Metzinger: »Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst«, 11/2010 erschienen im Berliner Taschenbuchverlag. Für 11,95 Euro im Buchhandel. Die gebundene Ausgabe ist 2009 im Berlin-Verlag erschienen, für 26 Euro im Buchhandel.

Dass das menschliche »Selbst« ein Konstrukt des Gehirns ist, legt der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger dar in seinem Buch »Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst«, das Anfang November als Taschenbuch erschienen ist. Metzinger lehrt als Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Theoretische Philosophie, leitet den Arbeitsbereich Neuroethik. Von 2005 bis 2007 stand er der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft vor, seit 2009 ist er Präsident der Association for the Scientific Study of Consciousness. Unter anderem hat er sich mit den Gemeinsamkeiten von Sprache, Denken und Bewegung befasst.

Das Selbstbewusstsein ist laut Metzinger »eine Simulation von Neuronen«, wie die Hirn- und Bewusstseinsforschung bewiesen habe. Damit formuliert er die Hypothese, dass das Bewusstsein ausschließlich über Hirnfunktionen zu erklären ist - was unter anderem die Frage nach der Existenz der Seele aufwirft.

Metzinger liefert viele Beobachtungen aus den Neuro- und Kognitionswissenschaften, um seine These zu untermauern. So zeigt er das Phänomen auf, dass manche Menschen, denen von Geburt an ein Arm oder ein Bein fehlt, auch diese nicht vorhandenen Gliedmaßen empfinden. Mit moderner Technik sei es sogar möglich, das elementare Ichgefühl in ein computergeneriertes dreidimensionales Bild des eigenen Körpers im Cyberspace hineinzuversetzen und »out-of-body experiences« (vom Körper losgelöste, fachlich: extrakorporale Erfahrungen) zu erleben.

Wenn sich die subjektive Wirklichkeit scheinbar so einfach und schnell manipulieren lässt, wirft das verschiedenste ethische, kulturelle und technologische Fragen auf wie: Gibt es überhaupt so etwas wie eine Seele und einen freien Willen? Werden auch Roboter künftig Selbstbewusstsein besitzen? In seinem Buch beschäftigt sich der Mainzer Philosoph insbesondere mit den ethischen Folgen des Bewusstseinsproblems, die sich aus der Erkenntnis ergeben, dass die in der Literatur viel beschriebene Seele des Menschen rein wissenschaftlich - neuromedizinisch und psychologisch - erklärt werden kann. »Unser ,Selbst' existiert gar nicht. Das bewusst erlebte Ich wird lediglich von unserem Gehirn erzeugt, und das, was wir wahrnehmen, ist nichts als ,ein virtuelles Selbst in einer virtuellen Realität'«, so Metzinger. »Es ist wichtig, dass wir alle zusammen über die möglichen Veränderungen und Konsequenzen dieser naturalistischen Wende im Menschenbild nachdenken.«

Metzinger fordert, sich schon jetzt ganz intensiv mit den Folgen medizinischer Neuerungen und Errungenschaften im Feld der Bewusstseinsforschung zu beschäftigen und eine »Bewusstseinsethik« zu etablieren, die gute von schlechten Bewusstseinszuständen unterscheidet.


 
 


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