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02. August 2011 Von Volker Mrasek

DNA: Der Schlüssel zum Stammbaum des Urmenschen

Im Labor der Uni Mainz extrahieren Paläogenetiker Erbmaterial aus prähistorischen Skeletten

| Vergrößern | Die DNA längst Verstorbener zu entschlüsseln ist eine leichte Aufgabe für Paläogenetiker, wie sie an der Uni Mainz forschen. Das würde beispielsweise auch für den über 5000 Jahre alten „Ötzi“ gelten, dessen Leiche hier in einer Nahaufnahme im Archäologischen Museum in Bozen (Südtirol) zu sehen ist. Archivfoto: DPA


Ganzkörper-Schutzanzug nebst Atemschutz. Zum Schluss drei Schichten Latex-Handschuhe. Wenn endlich der letzte Flecken Haut unter Folie verschwindet, öffnen sich die Sicherheitsschleusen zum „Spurenlabor“ an der Universität Mainz. Ginge jemand einfach so hinein, würde er jedes Mal „einige tausend Moleküle aus Haaren und Mund verstreuen“, was sich Joachim Burger gar nicht ausmalen will. Seine Laborproben würden kontaminiert. Und dann, so der Professor für Anthropologie, „analysieren wir den Journalisten, der uns besucht, und nicht den prähistorischen Europäer“.
Burgers Team arbeitet mit aDNA, einer besonderen Form von Desoxyribonukleinsäure, dem Träger genetischer Information in lebenden Zellen (die englische Schreibweise mit „acid“ statt Säure ist in der Abkürzung DNA auch in Deutschland weitgehend etabliert). Das „a“ davor steht für „alt“. Manche sprechen auch von „fossiler DNA“, was die Sache schon eher auf den Punkt bringt. Es handelt sich um Spuren von Erbmaterial, die Paläogenetiker aus prähistorischen Skeletten isolieren. „Wer von wem abstammt und wie die Migrationen waren in Raum und Zeit“ – das sind die Fragen, die Burger und seine Kollegen umtreiben. Die aDNA-Analyse hilft ihnen, sie zu beantworten. Sie erlaubt es, genetische Stammbäume aufzustellen, das Erbgut von Populationen miteinander zu vergleichen und so die Geschichte unserer Zivilisation nachzuzeichnen.

Hörfunk-Tipp

Einen Beitrag hierzu sendet der Deutschlandfunk am 3. August
um 16.35 Uhr.


Nach dem Tod eines Organismus überdauern die typischen korkenzieherförmigen Lebensmoleküle besonders lange in Knochen und Zähnen. Dort gibt es Burger zufolge „Kalziumphosphat, das alte DNA an sich bindet, stabilisiert und so über Jahrtausende erhält“. Die Forscher haben Wege gefunden, sie wieder heil aus dem Kalkgerüst herauszulösen, in Pufferlösungen zu reinigen und am Ende zu lesen. Dabei wird die Abfolge der vier Bausteine Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin bestimmt, aus denen das Riesenmolekül DNA besteht.
„Hier im Haus haben wir einen ausgestorbenen Höhlenlöwen sequenziert, der 47 000 Jahre alt war“, erzählt Burger. Es gebe aber Grenzen der Haltbarkeit, bei rund 500 000 Jahren sei Schluss: „Dann ist die DNA zu kleingehackt, um sie noch analysieren zu können“. So viel zu Jurassic Park! Intaktes Saurier-Erbgut wird heute niemand mehr aufstöbern.
Manchmal hält aDNA faustdicke Überraschungen zur menschlichen Evolution bereit. Kamen unsere Urahnen womöglich gar nicht direkt aus Afrika? „Wir glauben, dass Europa vor etwa 8000 Jahren noch einmal in einer zweiten Welle neu besiedelt wurde“, sagt Anthropologe Burger. Die Immigranten könnten aus Anatolien eingewandert sein und sich dann mit der alten Bevölkerung gemischt haben. Das werde gerade untersucht. „Ohne aDNA“, so der Mainzer Chef-Paläogenetiker, „wäre das überhaupt nicht möglich“. Durch die weitere Analyse fossiler Lebensmoleküle erwartet Burger „in den nächsten Jahren noch entscheidende Fortschritte in der Menschheitsgeschichte“.

 
 


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