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13. November 2010 Von Norbert Bartnik

Rum, der karibische Zaubertrank

In den Mount Gay Distilleries auf Barbados wird die Geschichte der ältesten noch existierenden Rummarke der Welt erzählt - In den über 1200 Rum-Shops der Insel treffen sich Einheimische und Gäste

 
| Vergrößern | Edle Sorten: Rhea Holder führt Besucher durch die „Mount Gay Distilleries“ in Bridgetown. Fotos: Norbert Bartnik


Einige Teilnehmer der Besuchergruppe in der berühmtesten Rumfabrik von Barbados können die Zeremonie gar nicht abwarten. Kaum dass Bartender Allan Cummings die Gläser mit der bräunlich schimmernden Köstlichkeit gefüllt hat, haben sie sie auch schon geleert. »Ich kann Ihre Begeisterung verstehen«, sagt Cummings und füllt mit ironischem Lächeln noch einmal nach. Dann legt er aber doch Wert darauf, dass vor dem Genuss das übliche Tasting-Ritual gewahrt wird.

Am Anfang steht die Optik. Die Gläser werden leicht schräg gegen das Licht gehalten, um den gol denen Schimmer auf sich wirken zu lassen. Dann folgt die Geruchsprobe. »Schwenken Sie das Glass unter ihrer Nase entlang und inhalieren Sie tief«, sagt Cummings, um dann endlich die Auflassung zum Leeren der Gläser zu geben. Und ähnlich wie bei einer Weinprobe verweist er auf die vielen Aromen, die man dabei mit etwas Fantasie herausschmecken kann: »Da gibt es einen Hauch von Vanille und Mandel und eine leichte Note von Kaffee, Kakao und reifen Bananen.«

Eine Führung durch die Mount Gay Distilleries zählt für viele Besucher der Karibikinsel zum Standardprogramm. Höhepunkt ist dabei die Rumprobe an der eigens eingerichteten Bar, in der mehrere Sorten ausgeschenkt werden. »Der 'Mount Gay Rum Extra Old' ist der Mercedes Benz unter den Rums«, erzählt Cummings. Aber mit dem 2009 auf den Markt gebrachten » 1703 - Old Cask Selection« gibt es noch eine Steigerung. Als »Rolls Royce unter den Rums« bezeichnet der Bartender die zehn bis dreißig Jahre in Eichenfässern gelagerte Spezialität. Die wird beim Tasting nicht ausgeschenkt - etwas Exklusivität muss sein. Immerhin kostet die 0,75-Liter-Flasche über 100 Dollar.

Mit der Jahreszahl wird auf ein Dokument verwiesen, aus dem hervorgeht, dass schon 1703 im Norden von Barbados eine Destillerie existierte. Mount Gay kann sich also rühmen, die älteste noch existierende Rummarke der Welt zu sein.

Auf vielen Inseln der Karibik erzählt man den Besuchern, dass genau hier der Rum erfunden wurde - auf Kuba natürlich, auf Jamaika und auch auf Barbados. Tatsächlich haben schon die Araber rumähnliche Getränke hergestellt. Aber die Massenproduktion des zunächst vorwiegend bei Seemännern beliebten Schnapses begann erst, als das Zuckerrohr in der Neuen Welt eingeführt wurde.
Davon erzählt Tourguide Rhea Holder bei einem Rundgang durch die Produktionsstätte.
| Vergrößern |
Das Leben genießen: „Buffy’s Bar“ in Inch Marlow an der Südküste ist einer von über 1200 Rum-Shops auf Barbados.

In einem Showroom sind die Bilder der britischen Plantagenbesitzer zu sehen, darunter das von Sir John Gay Alleyne, nach dem das bergige Anbaugebiet des Zuckerrohrs im Pfarrbezirk Saint Lucy benannt wurde. In der blumigen Werbesprache der Spirituosenbranche wird Barbados als ein Paradies auf Erden beschrieben, in dem »goldene Sonne, türkisfarbenes Wasser und azurblauer Himmel ein wahres Traumland aus luxuriöser Geruhsamkeit und langsam dahinfließender Zeit geschaffen haben.« Für die schwarzen Sklaven, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten, war die Insel wohl eher die Hölle auf Erden. Sie kommen in der Bildergalerie nicht vor.

Heute erfolgt die Zuckerrohrernte mit modernen Maschinen. Und auch die Abfüllanlage am Rande der Hauptstadt Bridgetown ist weitgehend automatisiert. »Jede Flasche Mount Gay Rum, die Sie irgendwo in der Welt sehen, wurde hier vor Ort abgefüllt«, betont Rhea Holder. Dass inzwischen die Remy-Cointreau-Gruppe die Mehrheitsanteile besitze, sei kein Problem: »Wir haben eine Sperrminorität - ohne unsere Zustimmung passiert nichts. Aber wird sind Remy sehr dankbar, weil sie uns den Zugang zu neuen Märkten verschafft haben.« Von einer Empore aus können die Besucher beobachten, wie sich das Fließband mit den Flaschen in Bewegung setzt. »Der November ist ein sehr hektischer Monat, denn vor Weihnachten ist die Nachfrage sehr hoch«, sagt Rhea. »Da wird besonders der 'Extra Old' viel verschenkt werden.«

Mount Gay ist nur eine von vielen Rum-Distilleries auf Barbados. Weitere beliebte Marken sind »Doorly's«, »Cockspur«, »Old Brigand« und »Foursquare«. Ähnlich wie einen Cognac trinkt man einen guten Rum meist pur. Für Kenner wäre es eine Barbarei, derart edle Tropfen mit Fruchtsäften zu einem Punsch zu verdünnen oder sie mit Cola zu einem süßlichen »Cuba libre« zu verrühren.

Den Lebensstil der Insel entdeckt man aber nicht in der Fabrik, sondern eher in den Rum-Shops, in denen nicht nur Rum getrunken wird. Über 1200 soll es davon auf Barbados geben, womit sogar die Zahl der Kirchen noch übertroffen wird. Selbst in den kleinsten Ortschaften gibt es diese traditionellen Kneipen, die meist nur aus einem bunten Schuppen mit ein paar Tischen darin und davor bestehen. Hier treffen sich die Einheimischen zum Plaudern, Gäste sind willkommen.



 
 


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