Am Bickenbacher Erlensee hat es laut Hieke 1998 zwei Einsatzfälle gegeben. Bei einem davon war ein Radfahrer in den See gestürzt – auch Menschen, die das Wasser nicht zum Baden aufsuchen, können in die Klemme kommen. Die Panik überflutet das Gehirn – und das Wasser die Lunge, wenn keine rechtzeitige Hilfe kommt. Wenn man einen Menschen untergehen sieht, darf man nicht allzu lange überlegen – soll die Hilfe noch rechtzeitig kommen. „So sozial muss man sein“, sagt Hieke.
Allerdings mahnt er: Wer auf gewisse Details nicht achtet, riskiere, dass gleich zwei umkommen. Auch hier gilt, wie in allen Notsituationen: „Erstmal den Hilfesuchenden ansprechen.“ Stört ein Wadenkrampf am Weiterschwimmen, kann dieser durch Überstrecken gelöst werden. „Den großen Zeh an sich ziehen“, erläutert Hieke. Das gehe auch im Wasser.
Ist die Lage komplizierter, muss der Verunglückte raus aus dem Wasser. Für den Transport gilt: „Auf Körperverhältnisse und Verfassung achten.“ Der vom Krampf Geplagte kann sich an den Schultern des Retters festhalten, während dieser durch Brustschwimmen vorwärtskommt. Wer zu schwach ist, um sich festzuhalten, kann unter die Arme gepackt werden.
Hieke erläutert, der Helfer schwimme meist auf dem Rücken. Das Abschleppen setze gute Fähigkeiten im Rückenschwimmen und Kondition voraus. Alternativ zum „Achsel-Schleppgriff“ kann der Helfer den Verunglückten auch per „Kopf-Schleppgriff“ an Wangen und Unterkiefer hinter sich herziehen. Ist ein kräftiger Mensch bereits in Panik geraten, rät Hieke von Körperkontakt ab. Wenn der Verunglückte lediglich Angst hat, könne ihn der Retter per Blickkontakt aus dem Wasser lotsen: „Beruhigen, rückwärts schwimmen, winken“, erläutert der Rettungsschwimmer.
Manchmal aber kralle sich der Verunglückte am Retter fest. Dann muss der Rettungsschwimmer spezielle Befreiungs- und „Fessel-Schlepp“-Griffe anwenden. „Machen Sie einen Kurs bei der DLRG“, wirbt Hieke. „Dauert nicht lange, bringt aber viel.“ Das deutsche Wasser-Rettungswesen habe einen hohen Standard, bescheinigt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Statistisch starben 1994 pro hunderttausend Deutsche 0,9 durch Ertrinken.
Noch vor Deutschland rangierten Großbritannien (0,5), Holland (0,7) und Portugal (0,8). Schlusslicht waren Lettland, Litauen und Estland – mit rund zwanzig Ertrinkungsopfern auf 100000 Einwohner. Auf dem Land empfiehlt der Rettungsschwimmer, beim Verunglückten die Lebenszeichen Bewusstsein, Atmung und Puls zu kontrollieren. Steht das Herz still, muss sofort mit Herzmassage und Atemspende wieder belebt werden (wir berichteten am 7. August). „Bis der Rettungsdienst da ist“, erinnert Hieke. Dieser soll sofort alarmiert werden (112).
Sind Atmung und Puls da, aber nicht das Bewusstsein, wird der Verletzte in die stabile Seitenlage gebettet. „Das Erbrochene kann abfließen“, erläutert Hieke – gerade bei Ertrunkenen wichtig. „Das Wasser in der Luftröhre löst ein Würgegefühl aus, der Mensch erbricht.“ Dazu muss der oft krampfartig verschlossene Mund geöffnet werden. Der Pfungstädter nennt den Trick: „Wo die Kiefer aufhören, ist ein Hohlraum zu ertasten – einfach drauf drücken.“
DLRG: Kinder stark gefährdet
Kinder sind vom „nassen Tod“ besonders gefährdet, betont die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). 1997 ertranken 117 Kinder unter zehn Jahren – 16 mehr als im Vorjahr. Die Gesamtzahl der Todesfälle durch Ertrinken betrug 602, 168 davon in Ostdeutschland – 18 Prozent mehr als im Vorjahr.
Im vergangenen Jahr haben die ehrenamtlichen DLRG-Rettungsschwimmer nach eigenen Angaben 377 Menschen vor dem Ertrinkungstod bewahrt. Die Gesellschaft hat derzeit rund 556000 Mitglieder.
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