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08. Februar 2012 dpa

IG Metall setzt sich selbst unter Druck

Tarifpoker – Im Bemühen um neue Mitglieder zieht die Gewerkschaft harte Bandagen an – Erhöhte Streikgefahr

| Vergrößern | Da fällt der Hammer: IG-Metall-Chef Berthold Huber (rechts) eröffnet die Vorstandssitzung der Gewerkschaft in Frankfurt, neben ihm der Hauptkassierer der IG Metall, Bertin Eichler. Foto: dapd
FRANKFURT. 


Noch ist es für Berthold Huber ein wenig zu früh, um mit den Muskeln zu spielen. Er will am Dienstag nicht bereits mit Streiks drohen, denn dann bräuchte man sich ja erst gar nicht an den Verhandlungstisch zu setzen, grummelt der IG-Metall-Chef. Gerade hat er die Vorstandslinie zur anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie vorgestellt. 6,5 Prozent mehr Geld wollen die Gewerkschafter, aber ernsthafteren Widerstand der Arbeitgeber erwarten sie vor allem bei den Forderungen nach eingeschränkter Leiharbeit und unbefristeter Übernahme der Ausgelernten. Wenn sich Gesamtmetall dort weiterhin „bockig“ verhalte, werde es zu Warnstreiks kommen, sagt Huber dann doch noch.
Der vor wenigen Monaten im Amt bestätigte Gewerkschaftschef und sein Stellvertreter Detlef Wetzel sind ihrem eigenen Organisationserfolg verpflichtet. Im vergangenen Jahr haben sie es mit gezielten Kampagnen erstmals seit mehr als 20 Jahren geschafft, dass die größte und mächtigste Einzelgewerkschaft des Landes unterm Strich 6000 Mitglieder hinzugewonnen hat.
Von 2,246 Millionen Mitgliedern sind rund 200 000 unter 27 Jahre alt und gut 38 000 sind Leiharbeiter. Sie verzeichneten die stärksten Zuwächse und haben nun die größten Erwartungen an ihre Organisation.
Für beide Gruppen muss die Gewerkschaft jetzt handfeste Vorteile liefern, zumal sie auf ihrem Kurs der „Mitmach-Gewerkschaft“ vorankommen will. 120 000 neue Mitglieder pro Jahr braucht die IG Metall mittelfristig, um die Zahl ihrer aktiven Mitglieder zu halten. Im vergangenen Jahr waren es aber nur rund 114 000.
„Die Mitgliederfrage ist die politischste Frage der IG Metall“ haben Huber und Wetzel formuliert. Vor allem braucht es Mitglieder in den Betrieben, um die Schlagkraft zu erhöhen. Natürlich ist Gewerkschaftspolitik immer auch Klientel-Politik, doch die hat sich in den vergangenen Jahren verschoben. Noch vor einigen Jahren galt die Gewerkschaft als Festung der saturierten Arbeitsstelleninhaber, die ihre Privilegien clever verteidigten und zur Not den Rausschmiss von Leiharbeitern akzeptierten, um den eigenen Job zu retten.
Unter Huber und Wetzel hat sich das geändert. Gezielt nahmen sie die Leiharbeit ins Visier, auch weil ihr Einsatz Stammarbeitsplätze bedrohte und eine Niedriglohnlinie in die Betriebe einzog. 38 000 Leiharbeiter als Mitglieder lassen zwar noch nicht auf eine wirkliche Streikfähigkeit bei rund 300 000 Leiharbeitern in der Branche schließen, übergangen werden können sie aber auch nicht mehr.
In den Betrieben und über ihre Jugendorganisation trommelt die Gewerkschaft zudem schon seit Monaten für die „Operation Übernahme“. Bundesjugendsekretär Eric Leiderer sieht sich in der heißen Phase: „Wir fordern doch keine lebenslange Unkündbarkeit. Sondern lediglich normale, unbefristete Arbeitsverträge für einen sicheren Berufseinstieg.“ Dafür seien nicht nur die Jungen bereit zu kämpfen, denn auch viele ältere Arbeitnehmer erleben bei den eigenen Kindern die unsicheren Bedingungen beim Berufseinstieg. Zeiten des Arbeitskampfes sind in aller Regel für Gewerkschaften auch eine gute Zeit, Mitglieder zu werben.
„Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt“, postuliert Huber und es ist ihm spürbar ein Herzensanliegen, für besser gesicherte Arbeitsverhältnisse zu streiten. Die Menschen sollen von ihrer Arbeit leben können, das gehöre zu ihrer Würde, sagt Huber. Er warnt vor neuen Trends wie der in manchen Firmen ausufernden Aufteilung des Arbeitsanfalls in sogenannte Gewerke, die dann an externe Beschäftigte vergeben werden. In Konkurrenz zur IG BCE stürzt sich die IG Metall daher in die komplexen Parallelverhandlungen mit den Zeitarbeitsverbänden um Gehälter sowie mit Gesamtmetall, wenn es um die Mitbestimmung beim Einsatz der Leiharbeiter geht.
Die Zeichen stehen auf Sturm: Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeitern und die unbefristete Einstellung der Ausgebildeten lehnt Gesamtmetall bislang strikt ab. Für mittelständische Unternehmer wie den Anlagenbauer Ingo Kramer aus Bremerhaven ist es eine Horrorvorstellung, sich bei jedem neuen Auftrag erst mit dem Betriebsrat abstimmen zu müssen, ob genug Zeitarbeiter zur Verfügung stehen. „Ich muss doch über die Akquise und die Abwicklung der Aufträge selbst entscheiden können“, klagt das Vorstandsmitglied von Gesamtmetall. Ebenso will er das letzte Wort haben, welchen Auszubildenden er
dauerhaft übernimmt und wer absolut nicht passt.

 
 


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