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05. Oktober 2010  |  dpa

Der Strompreis steigt und steigt

Energie: Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke dürften diesen Trend kaum bremsen - Gegenseitige Schuldzuweisung

| Vergrößern | Den Ausbau der Öko-Energie zahlen alle Stromkunden über eine Umlage mit. Darauf gehen aus Sicht der großen Konzerne vorrangig die jüngsten Preissteigerungen zurück. Umweltschützer hingegen verweisen auf gesunkene Großhandelspreise und kritisieren das Oligopol der Energieriesen. ArchivFoto: dpa
BERLIN. 


Die Botschaft der Bundesregierung an die Verbraucher ist simpel: Dank des schwarz-gelben Energiekonzepts mit Atomkraft werde Strom in den nächsten Jahrzehnten sicher, bezahlbar und klimaschonend sein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Auf absehbare Zeit werden die Bürger mehr Geld ausgeben müssen, wenn der Plasma-Fernseher, die Mikrowelle oder der Trockner am Netz hängen.

Im ersten Halbjahr 2010 kannte der Strompreis nach am Montag veröffentlichten Zahlen nur eine Richtung: Nach oben. Der Aufschlag betrug 2,1 Prozent. Das sich daran etwas ändern wird, glaubt selbst Vattenfall Europe-Chef Tuomo Hatakka nicht. »Momentan rechne ich eher mit steigenden Preisen.« Das hänge auch mit der Förderung der erneuerbaren Energien zusammen, die jeder Kunde monatlich über den Strompreis bezahlt - auch wenn er gar keine Solaranlage auf dem Dach oder einen Öko-Heizkessel im Keller hat.

Hier müsse die Politik den Bürgern reinen Wein einschenken. »Ich würde mir aber wünschen, dass die Politik nicht verschweigt, dass Klimaschutz seinen Preis hat. Den gibt's nicht zum Nulltarif«, sagt der Europa-Chef des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall, der in Deutschland Kohle- und Atomkraftwerke betreibt.

Führende Manager sagen hinter vorgehaltener Hand, irgendwann sei die Schmerzgrenze der Verbraucher beim teuren Ökoenergie-Ausbau erreicht. Verschwiegen wird aber gerne, dass auch die Atomindustrie nach Angaben des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft von 1950 bis 2008 staatliche Förderungen in Höhe 164,7 Milliarden Euro erhalten hat.

Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) macht den Ökostrom-Ausbau für den Preisschub mitverantwortlich. Gehen immer mehr Windräder und Solaranlagen ans Netz, steigt auch die Öko-Umlage beim Strompreis - von derzeit 2,0 Cent auf etwa 3,5 Cent je Kilowattstunde im nächsten Jahr. Damit dürften bald deutlich höhere Stromrechnungen ins Haus flattern. Ein Durchschnittshaushalt mit drei Personen zahlt aktuell für seine Stromrechnung 69 Euro im Monat. Der Staat kassiert über Steuern und Abgaben etwa 40 Prozent des Endpreises. Eine wichtige Rolle beim Strompreis spielt, welche Kraftwerke zu welchen Kosten wann Strom ins Netz einspeisen - der Preis orientiert sich am teuersten Kraftwerk. Dazu kommen die Ausgaben für den Transport durch die Leitungen und Geld für Zertifikate, die an der Leipziger Strombörse gehandelt und von der Industrie je nach Ausstoß des Klimakillers CO2 zugekauft werden müssen.

Experten und die Grünen verweisen darauf, dass der BDEW zu einseitig die Verantwortung auf die erneuerbaren Energien abwälze. »Seit dem Jahr 2008 sind die Großhandelspreise für Strom um 30 bis 40 Prozent abgesackt, das wird nicht an die Kunden weitergegeben«, klagt Fraktionsvize Bärbel Höhn.

Gerade die kommunalen Versorger warnen, dass die Preise vor allem deshalb weiter steigen dürften, weil durch das Laufzeitplus bei Atom die Marktmacht von E.ON, EnBW, RWE und Vattenfall zementiert werde. »Die erneuerbaren Energien werden immer mehr als unrechtmäßiger Erhöhungsgrund missbraucht«, sagt Höhn.

Nach Angaben des Verbraucherportals Toptarif erhöhten in diesem Jahr bereits mehr als die Hälfte der rund 900 Stromversorger ihre Preise um durchschnittlich sechs Prozent mit Verweis auf die zum Jahreswechsel gestiegene EEG-Umlage - darunter Branchengrößen wie Vattenfall, RWE und fünf der sieben E.ON-Regionaltöchter.

Der Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Ener gien, Jörg Mayer, rät zu einer differenzierten Betrachtung. »Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Der Umbau unserer Energieversorgung kostet Geld.« Aber jeder in die Ökostrombranche investierter Euro bringe einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen. Derzeit betrage der Anteil am statistischen Warenkorb, den jeder Haushalt für den Ausbau erneuerbarer Energien bezahlt, nur 0,2 Prozent.

Die Bundesregierung hatte Ende August ein Gutachten vorgelegt, demzufolge bei einer Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke von zwischen zwölf und 20 Jahren Stromkosten von acht Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 gespart werden könnten. Vor wenigen Tagen hatte die Regierung beschlossen, die Atommeiler acht bis 14 Jahre länger laufen zu lassen.


 
 


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