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03. März 2010  | Von Johannes Bentrup

Vom Ringrichter zum Vortänzer

Parteien: Seit einem Jahr führt Thorsten Schäfer-Gümbel die hessische SPD - Die meisten Genossen sind mit ihm zufrieden

| Vergrößern | Als Oppositionsführer hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel im Landtag etabliert. Hier, im November , kritisiert er die Haushaltspolitik der Landesregierung, die noch nicht einmal die Grundrechenarten beherrsche. Um Abhilfe zu schaffen, bekommt Ministerpräsident Roland Koch (links) einen Abakus. Foto: dpa
WIESBADEN. 


Geschäftig wetzt Thorsten Schäfer-Gümbel in seinem geräumigen Wiesbadener Landtagsbüro hin und her: Er begrüßt beherzt, telefoniert, bestellt Kaffee und setzt sich schließlich entspannt zum Gast. Erst legt er ein hohes Tempo vor, dann kehrt ein wenig Ruhe ein. So scheinen auch die vergangenen eineinhalb Jahre des Thorsten Schäfer-Gümbel verlaufen zu sein.

Es begann mit einem Coup: Der weithin unbekannte Gießener Landtagsabgeordnete wurde Anfang November 2008 von der hessischen SPD-Vorsitzenden Andrea Ypsilanti als Spitzenkandidat für die anstehenden Landtagswahl vorgeschlagen. Er wurde ins Scheinwerferlicht katapultiert, und als ob ein Wahlkampf für einen Neuling nicht schon schwer genug ist, musste er Unvereinbares unter einen Hut bringen: Die Attacken der CDU parieren, er sei nur eine Marionette Ypsilantis. Sich dennoch behutsam von der SPD-Vorsitzenden abheben. Und zugleich Eintracht in der von Streitigkeiten zerrissenen Partei schaffen, quasi den Ringrichter spielen.

Es kam, wie es kommen musste: Anfang 2009 erlitt die SPD eine krachende Wahlniederlage (23,7 Prozent). Danach übernahm Schäfer-Gümbel den Fraktionsvorsitz und wurde Ende Februar 2009 in Darmstadt zum Parteivorsitzenden gewählt.

,,Wir haben Tritt gefasst", blickt Schäfer-Gümbel im Gespräch mit dem ECHO auf das Jahr zurück und schiebt nach: ,,Wir werden wieder öffentlich wahrgenommen." Der Vierzigjährige, der zunächst vor allem Witze über seinen Namen und seine Brille ertragen musste, ist guter Dinge. Er spricht über die neue Einigkeit in der SPD, über Profilbildung und über die wirtschafts- und energiepolitischen Konzepte seiner Partei. Er verweist auf die jüngst vorgestellten Thesen zur Reform von Hartz IV, die auch auf Bundesebene die Diskussionen der SPD prägen könnten.

Mittlerweile scheint das Chaos abgeheftet zu sein: Jenes von 2008, als Ypsilanti eine rot-rot-grüne Minderheitenregierung auf die Beine stellen wollte. Und das Tohuwabohu, als gegen drei der vier Abgeordneten, die dabei nicht mitmachen wollten, Parteiordnungsverfahren in der Öffentlichkeit zelebriert wurden. Schäfer-Gümbel hat seinen Anteil an der neuen Einigkeit, das weiß die Partei zu schätzen. Dennoch ist es um die SPD im politischen Landesbetrieb seltsam still: Es gelingt der Partei nicht, die großen Debatten zu prägen, und auch von den sonderbaren Geschehnissen um die hessische CDU profitiert sie kaum: sei es der Fall Wolski, die Steuer fahn der affäre oder der Wortbruch der Landesregierung, die sich doch nicht für ein Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen einsetzte.

Schäfer-Gümbel sei es gelungen die Hessen-SPD zu ,,befrieden" und zu ,,konsolidieren", sagt der Darmstädter Parteivorsitzende Wolfgang Glenz. ,,Wir sind so aufgestellt, dass wir sukzessive verlorenes Vertrauen bei der Bevölkerung zurückgewinnen können." Fast einmütig wird Schäfer-Gümbel gelobt, von den in die politische Mitte tendierenden Pragmatikern und von den weit links stehenden Vertretern der Volkspartei.

Der 29 Jahre alte Tobias Eckert, der wegen des schlechten Wahlergebnisses von 2009 nicht Abgeordneter wurde und jetzt erster Nachrücker der SPD ist, lobt den ,,guten, ausgleichenden Ton" des Parteivorsitzenden. Selbst der Grüne Tarek Al-Wazir, der seinem Kollegen die Oppositionsführerschaft im Landtag streitig macht, sagt: ,,Der Thorsten hat es gut gemacht. Angesichts der Lage konnte man es kaum besser machen."

Kritik wird nur hinter vorgehaltener Hand vorgebracht. Ein Genosse aus dem pragmatischen Parteiflügel murrt: Schäfer-Gümbel fehle die ,,Aura" als Macher. Und von der anderen Seite heißt es: ,,Er hat ein unglaubliches Bedürfnis, die Sachen zu regeln." Seine Vorgängerin habe den beiden hessischen SPD-Unterbezirken hingegen große Freiheiten gelassen, etwa bei der Aufstellung von Kandidaten für Wahlen.

Da taucht sie wieder auf, Andrea Ypsilanti. Ihrer Entscheidung, trotz anderslautender Wahlversprechen mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten, und der anschließenden Weigerung der vier SPD-Abgeordneten, hat Schäfer-Gümbel den Parteivorsitz zu verdanken. Noch immer wird er von der Opposition als ihre Marionette beschimpft.

Auf Ypsilanti angesprochen, kommt Schäfer-Gümbel in Fahrt: Er schimpft über den Medienaufschrei, wenn sie sich zu Wort meldet. Gestenreich verurteilt er die Häme, die noch immer über Ypsilanti ausgekippt werde. Doch das ist nur die eine Seite Schäfer-Gümbels, wenn er in die Vergangenheit eintaucht. Er blickt auch selbstkritisch auf die Zeit zurück: ,,Wir waren alle beteiligt."

So wird deutlich: Schäfer-Gümbel ist die unangefochtene Nummer eins der Hessen-SPD. Er ist der Vortänzer, er gibt den Takt vor: So hat die SPD klaglos akzeptiert, dass er sich zum Spitzenkandidaten ausrief - fast vier Jahre vor der Landtagswahl.


 
 


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