Auf dem Luisenplatz in Wiesbaden macht sich ohrenbetäubender Lärm breit: Mit Trillerpfeifen protestieren Referendare und ihre Ausbilder gegen die Kürzungen der Landesregierung. Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) soll den Krach hören – ihr Ministerium liegt nur einen Steinwurf weit entfernt. „Betteln um Beratung“ und „Überbelastung der Mentoren“ steht auf Plakaten, die in die Höhe gereckt werden. Die Botschaft der Demonstranten: „Guter Unterricht braucht gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer.“ Aufgerufen zu der Aktion haben angehende Lehrer, Studienseminare sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Die Referendare und Ausbilder monieren, dass seit dem
1. Februar etliche Kürzungen umgesetzt wurden. So müsse nun ein Ausbilder mehr Referendare betreuen als zuvor und habe daher deutlich weniger Zeit für jeden Einzelnen, sagte Claudia Stadermann vom Studienseminar in Gießen. Sie ist für Gymnasial-Referendare der Fächer Englisch und Französisch zuständig. „Ich muss jetzt mehr Termine an den Schulen wahrnehmen“, meint sie. Einer befristet angestellten Kollegin sei gekündigt worden.
Kritisiert wird zudem, dass das Kultusministerium den Schulen nun pro Referendar acht statt 6,4 Unterrichtsstunden pro Woche anrechne, obwohl sich der Unterrichtseinsatz real nicht verändere. Die Folge: Das Ministerium könne bei der Zuweisung an die Schulen rechnerisch 300 Lehrer-Stellen einsparen. Darüber hinaus werden nach GEW-Angaben 150 Ausbilderstellen an Studienseminaren gestrichen. Problematisch sei ferner, dass den Schulen die „versprochenen und dringend notwendigen“ Stunden für die Mentoren nun doch nicht gutgeschrieben werden.
Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück: Es gebe keine „Qualitätseinbußen bei der Lehrerausbildung“. Die Zahl der Referendarstellen und der hauptamtlichen Ausbilder bleibe konstant. Lediglich die Verträge angestellter Ausbilder würden geändert. Das Ministerium betonte aber, dass man mit den Studienseminaren „gesprächsbereit“ sei, „soweit es vor Ort Probleme mit der Reform gebe“. Henzlers Ressort strich zudem heraus, dass sich die Unterrichtssituation an den Schulen in Hessen immer weiter verbessere. Es seien seit 2009 bereits 2150 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen worden – trotz rückläufiger Schülerzahlen.
Hintergrund für die neue Debatte um die Lehrerausbildung sind Kürzungen in Höhe von 25 Millionen Euro von 2011 auf 2012, die im aktuellen Haushalt festgeschrieben sind. Nach Angaben des Ministeriums ist dies jedoch unproblematisch, da das Referendariat von 24 auf 21 Monate verkürzt wurde. Daher würden Referendargehälter sowie ein entsprechender Anteil der Ausbildungsaufträge entfallen.
Kritiker und die Landtagsopposition zweifeln an dieser Rechnung und meinen, dass die CDU/FDP-Koalition auch massiv an der Weiterbildung und Ausbildung für Lehrer spare. Das Ministerium erklärt dazu, dass Fortbildungsangebote von den Einsparungen „nur in sehr begrenztem Umfang betroffen“ seien. Es weist zudem darauf hin, dass die Zahl der Referendare konstant bei rund 4800 bleibe.
SPD, Grüne und Linke überzeugt das nicht. „Ministerin Henzler hat die Lehrerbildung zum Steinbruch einer verfehlten Sparpolitik im Haushalt 2012 erklärt“, meint die SPD-Bildungsexpertin Heike Habermann. Schule könne man aber nur mit Lehrkräften machen, die gut vorbereitet und motiviert in den Schuldienst starteten. Der Grünen-Abgeordnete Mathias Wagner ergänzt: „Was Frau Henzler gerade im Bereich der Lehrerausbildung anrichtet, geht an die Substanz von gutem Unterricht.“ Die Ausbildungsbedingungen in Hessen seien bereits seit Längerem problematisch, würden aber nun noch verschlechtert, sagt Barbara Cárdenas (Linke).
Referendare wehren sich
Schule – Neue Debatte um Kürzungen der Landesregierung bei der Lehrerausbildung – Demonstration in Wiesbaden
WIESBADEN.
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