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30. August 2010  |  dpa

Mehr Dreiecke als Quadrate - Eröffnung der Mainzer Synagoge

MAINZ. 

Die Außenwände der neuen Mainzer Synagoge ragen in alle Himmelsrichtungen. Der moderne Bau besteht mehr aus Dreiecken als aus Quadraten - eine Form, die den Betrachter stutzen lässt. Fünf hebräische Buchstaben haben der neuen Synagoge ihre Silhouette verliehen. Sie bezeichnen das Wort ,,Kedushah", das auf Deutsch segnen, heilig oder erhöhen bedeutet.

Vor zwei Jahren, im November 2008, wurde der Grundstein für das neue Gotteshaus des Kölner Architekten Manuel Herz gelegt. Nun ist es soweit: Am kommenden Freitag (3. September) will die jüdische Gemeinde in Mainz die Synagoge eröffnen - im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff, dem israelischen Botschafter Yoram Ben Ze,,ev und der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (ZdJ), Charlotte Knobloch. Auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) hat sich angesagt.

Laut dem ZdJ ist die neue Mainzer Synagoge einer von rund 100 Synagogen-Neubauten in Deutschland nach 1945. 72 Jahre lang haben die Mainzer Juden hierauf gewartet. Die alte Hauptsynagoge hatten die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört. ,,Seitdem haben wir unseren Gottesdienst in einer Stube abgehalten, die von der Straße aus unsichtbar ist", sagt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz, Stella Schindler- Siegreich. Jetzt sei ein großer Tag für die rund 1000 Juden in Mainz und Umgebung gekommen. ,,Denn mit dem Umzug werden wir für alle sichtbar sein", ergänzt Schindler-Siegreich.

Der Festakt zur Eröffnung beginnt mit einem Gottesdienst in der alten Synagoge. ,,Dann bringen wir in einer öffentlichen Prozession die Thorarollen unter einem Baldachin feierlich zur neuen Synagoge", erklärt Schindler-Siegreich. Zahlreiche prominente Gäste werden erwartet. ,,Wir rechnen damit, dass jeder der 450 Sitzplätze in der neuen Synagoge besetzt ist", sagt die Vorsitzende. Begleitet von synagogalen Gesängen und Gebeten würden während der Zeremonie dann das ewige Licht angezündet, der Schlüssel übergeben und die Thorarollen in den Thoraschrank gelegt.

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Worms im Mai vertraut Schindler-Siegreich auf die Polizei. Sie habe sich mit dem Landeskriminalamt (LKA) zusammengesetzt und ein neues Sicherheitskonzept erarbeitet. ,,Ich hoffe sehr, dass es bei diesem einmaligen Fall in Rheinland-Pfalz bleibt."

Die Entscheidung für einen Neubau in Mainz fiel 1999: Im Stadtviertel Neustadt sollte eine neue Synagoge an derselben Stelle entstehen, an der sich einst die frühere Hauptsynagoge befand: an der Ecke Hindenburgstraße/Josefsstraße. Dort erinnern heute vier Säulen an das alte Gotteshaus. Sie wurden bei Erdarbeiten entdeckt und zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht als Mahnung aufgestellt. Auf ihnen liegen Blumen und Steine.

Den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb der Stadt gewann der Kölner Architekt Manuel Herz mit seinem Entwurf ,,Licht der Diaspora". ,,Bahnbrechend" nannte die Stadt ihn. Für den damals 29 Jahre jungen Architekten war es der erste große Auftrag. Er ist selbst Jude. Er war ein Schüler von Daniel Libeskind, dem Architekten des Jüdischen Museums in Berlin.

,,Das jüdische Volk hat sich mit Hilfe von Büchern eine Heimat geschrieben. Die Schrift war also immer der Ersatz für die Heimat", sagt Herz. ,,Das war der Leitgedanke für meinen Entwurf der Synagoge." Aus diesem Grund entschied sich Herz für eine Synagoge in der Form der fünf Buchstaben des hebräischen Wortes ,,Kedushah".

Ein zweites Symbol beherbergt der Ostteil der Synagoge: ein 27 Meter hohes Dach in Form eines Widderhornes. ,,Das Schofar ist eines der ältesten jüdischen Symbole", erläutert Herz. Es stehe für das gegenseitige göttliche und menschliche Vertrauen. Denn Gott habe auf die Opferung Isaacs durch Abraham verzichtet und stattdessen einen Widder als Opfer angenommen. Heute ruft das Schofar die Gemeinde an wichtigen Feiertagen zusammen.

Symbolisch ruft das Schofar also am kommenden Freitag die jüdische Gemeinde zum ersten Mal in ihre neue Synagoge. ,,Sie soll ein Ort der Begegnung und Kommunikation werden", sagt Schindler-Siegreich. Hier sollen auch Konzerte und Lesungen stattfinden.


 
 


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