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13. Januar 2010  | Von Angelica Taubel

Groß-Gerau will Stromerzeugung durch Erdwärme

Erdwärme: Überlandwerk Groß-Gerau sucht in Südhessen geeigneten Standort für Geothermie-Kraftwerk - Betrieb ab 2013?

 
| Vergrößern | Ein Vorbild: Das Geothermiekraftwerk in Landau in der Pfalz. Foto: dpa
GROSS-GERAU. 
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Ein Vorbild: Das Geothermiekraftwerk in Landau in der Pfalz. Foto: dpa


Das Überlandwerk Groß-Gerau (ÜWG) ist an Stromerzeugung durch Erdwärme (Geothermie) interessiert. Es hat vom Regierungspräsidium Darmstadt 2008 die Erlaubnis erhalten, zwischen Wiesbaden, Mörfelden-Walldorf und Darmstadt zu messen und zu bohren. Dieses Erlaubnisfeld ist 338,5 Quadratkilometer groß und umfasst neben Groß-Gerau Büttelborn, Nauheim, den Raum Rüsselsheim, Walldorf, Langen, Darmstadt-Nord und Weiterstadt.

Seit einiger Zeit sondiert das ÜWG, eine hundertprozentige Tochter der Stadtwerke Mainz, nun den Untergrund. Dienstagnachmittag stellte es den Stand des 35-Millionen-Euro-Projekts vor. Ziel ist es, 2013 ein Kraftwerk in Betrieb zu nehmen. Der geeignete Standort wird noch gesucht. Die bisherigen Vorstudien stimmten zuversichtlich, hieß es.

Bei dem Projekt handelt es sich um ,,tiefe Geothermie", bei der bis zu 3000 Meter und mehr ins Erdreich eingedrungen wird, um heißes Wasser zu fördern. Dieses 160 Grad heiße Wasser ist sozusagen der Rohstoff für die Energiegewinnung. Es wird an die Erdoberfläche gepumpt und mit Hilfe eines Gas- oder Dampfturbinenkraftwerks in Wasserdampf und schließlich in Energie umgewandelt.

Wirtschaftlich nutzen lässt sich die Erdwärme allerdings nur, wenn nicht nur Strom, sondern auch Wärme (oder Kälte) abgegeben wird. Daher muss auch das Umfeld für ein Kraftwerk stimmen: Gewerbegebiete mit Großabnehmern - zum Beispiel Tiefkühllager, große Rechenzentren, Spezialbetriebe - innerhalb eines Radius von fünf bis sieben Kilometer um die Bohrstelle. Das geplante Kraftwerk soll drei Megawatt elektrische und sechs Megawatt thermische Leistung bieten. Mit dem Strom könnten mehr als 7000 Haushalte versorgt werden, hieß es gestern. Rund 10.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr könnten - im Vergleich zu Braunkohle - eingespart werden.

Der ÜWG-Zeitplan sieht für dieses Frühjahr seismische Untersuchungen vor - sowohl im beschriebenen Erlaubnisfeld als auch in benachbarten Feldern der Stadt und Stadtwerke Wiesbaden sowie der Juwi-Energiegruppe aus Wörrstadt. Die Daten, die bei diesen seismischen Untersuchungen gesammelt und zunächst zu einem zweidimensionalen, später zu einem dreidimensionalen Bild von der Tiefe und Mächtigkeit der Erdschichten geformt werden, sollen bei der Entscheidung helfen, wo ein Erdwärmekraftwerk in der Region entstehen könnte.
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Ein Vorbild: Das Geothermiekraftwerk in Landau in der Pfalz. Foto: dpa

Ab Mitte Februar bewegen sich vier sogenannte Erschütterungs-Lkw als Konvoi durch den Kreis Groß-Gerau. Sie werden eine Trasse von insgesamt 70 bis 80 Kilometer Länge abfahren; die Strecke steht noch nicht genau fest. An den Lkw angebrachte Rüttelplatten geben Erschütterungen in den Boden ab. Mit Hilfe der Reflexion der Schallwellen, die von Mikrofonen aufgezeichnet werden, lässt sich der Grund unter der Erdoberfläche analysieren.

Horst Kreuter, vom ÜWG beauftragter geologischer Berater, verglich die Seismik mit einer Ul traschalluntersuchung beim Menschen. Er betonte, dass keine Schäden durch die Messungen mit den Erschütterungs-Lkw zu erwarten seien und nannte eine Untersuchung auf einer 24 Kilometer langen Strecke in Rheinland-Pfalz als Beispiel. Dabei habe seine Firma am Ende gerade einmal 250 Euro für Schadensbeseitigung zahlen müssen. Auch vor dem Dom in Speyer habe es seismische Untersuchungen gegeben, ohne dass etwas passiert sei.

Größere Schäden durch Erdwärmeprojekte seien bei der oberflächennahen Geothermie entstanden, zum Beispiel im südbadischen Staufen. Nicht aber bei der tiefen Geothermie. Kreuter bezeichnete den Oberrheingraben wegen der hohen Temperaturen im Untergrund als gut geeignet für die Energiegewinnung durch Geothermie. Der nördliche Teil sei allerdings noch nicht so gut erforscht wie der südliche, so dass nun in Südhessen Pionierarbeit geleistet werde.

Eine Machbarkeitsstudie für das Projekt soll bis Ende 2011 vorliegen. Sie enthält Vorschläge, wo nach heißem Wasser gebohrt werden, wo also ein Kraftwerk stehen könnte. Da mehr als 50 Prozent der Projektkosten für die Bohrung einzukalkulieren seien, sei eine gute Vorbereitung nötig, sagte Kreuter: ,,Die erste Bohrung muss sitzen."

Geothermie: Warum das Ried so gut geeignet ist

(dpa). Für die Nutzung von Erdwärme ist das Hessische Ried nach Ansicht von Professor Ingo Sass eine der attraktivsten Regionen Deutschlands. ,,Hier gibt es erhebliche Möglichkeiten sowie ein hohes geothermisches Potenzial", sagte der 45 Jahre alte Professor für angewandte Geothermie an der Technischen Universität Darmstadt am Dienstag. ,,Hessen hat ein Vielfaches der Energie in der Erde, die in ganz Deutschland gebraucht wird", lautet seine Einschätzung. Die Risiken durch tiefe Erdwärme-Bohrungen bezeichnete Sass als ,,eher gering". Erdwärme habe den Vorteil, eine ,,heimische Ressource" zu sein. ,,Im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet können hier ansässige Unternehmen und Verbraucher die Wärme aus der Erde nutzen." Als Beispiel nannte Sass den Frankfurter Flughafen. Gerade zum Heizen biete sich Erdwärme an. ,,Gebäude verursachen immerhin 60 Prozent des gesamten Energiebedarfs." Hier könne die Geothermie langfristig gesehen eine wichtigere Rolle spielen als für die Stromerzeugung. Neben dem hessischen Ried böten in Deutschland das norddeutsche Becken und das Alpenvorland um München und Ulm die günstigsten Voraussetzungen, Erdwärme zu nutzen.


 
 


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