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Porträt: Nahtlos von ,,Essen und Trinken" hin zum ,,Beinhaus": Norbert Schmitt erweitert seinen Kunstblog im Internet täglich - Heute geht die 1000. Zeichnung ins Netz

Die eingetragenen Mitglieder bekommen ihr Gut wöchentlich ins Haus geliefert - ganz ohne Club-Ausweis, gratis und mit minimalem eigenen Aufwand. Man muss sich nur per E-Mail ...
BENSHEIM-ZELL.
Norbert Schmitt, Künstler und Grafikdesigner, beim Erklären seiner Original-Zeichnungen. Foto: Norbert Schmitt


Die eingetragenen Mitglieder bekommen ihr Gut wöchentlich ins Haus geliefert - ganz ohne Club-Ausweis, gratis und mit minimalem eigenen Aufwand. Man muss sich nur per E-Mail bei Norbert Schmitts Kunstblog ,,Die tägliche Zeichnung" anmelden. Prompt findet sich jeden Montag, sobald der PC angeschaltet ist, eine eingegangene E-Mail, die beim Öffnen nacheinander sieben Bilder preisgibt, mal schwarzweiß, mal farbig, immer kurzweilig und abwechslungsreich und oft begleitet von Texten, die der Zeichner verfasst hat.

Im Internet

Absender Schmitt, der den Kunstblog seit September 2007 von seinem Wohn- und Arbeitsort Bensheim-Zell aus betreibt, firmiert offiziell als Künstler und Grafikdesigner. Grafikdesigner ist er von der Ausbildung her. Nach dem Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung war der Künstler zehn Jahre freier Mitarbeiter beim Hessischen Rundfunk, wo er Gelegenheit hatte, sich näher mit der Computergrafik vertraut zu machen, und seither lebt er im Wesentlichen davon, Websites für Kunden zu gestalten.

,,Die tägliche Zeichnung" als eigene Internet-Plattform weist ihn dagegen als Künstler aus, ebenso vielseitig begabt wie belesen. Seine Motivation: ,,Das kontinuierliche Produzieren soll Einfälle hervorbringen, die ansonsten im Hinterstübchen verdunsten würden." Seine Stärke ist die Zeichnung, elementar ausgeführt mit Pinsel und Tusche auf Büttenpapier. Ob als dunkle Silhouettenfigur vor hellem Hintergrund, ob als zur grotesken Grimasse verwandelter Kopf oder als hin- und herzackende Landschaftsstruktur - stets atmen die Gebilde tänzerisch elastische Lebendigkeit. Noch den seltsamsten Abstraktionen merkt man an, dass dahinter lange, solide Naturbeobachtung steht.

Entdeckerlust und Kunst entzücken mischen sich beim Pflügen am Bildschirm per Mausklick durch die Menge zurückliegender Zeichnungen. Jede trägt ihren eigenen Titel; hilfreich ist jedoch ein von Schmitt bereitgestelltes Stichwörterverzeichnis mit kunterbunten Rubriken wie ,,Mythologie", ,,Essen und Trinken", ,,Musiker", ,,Künstleranatomie", ,,Sprichwörter und Redensarten", ,,Lust und Liebe", ,,Vorschläge an die Natur". In den beigefügten Texten, manchmal aus exotischen Lesefrüchten vergoren, dann wieder voll sprachspielerischer Schlenker, klingt nach, dass Norbert Schmitt einst auch mehrere Semester Philosophie in Frankfurt belegt hat. Das Stichwort ,,Memento Mori" führt zur Serie ,,Beinhaus". In ihr kommen, neben mit wenigen Strichen und Punkten hingeworfenen Schema-Schädeln, Kurznotizen aus der Tagespresse zu Wort, die, knochentrocken, tödliche Verkehrsunfälle vermelden. Fröhlicher, zumindest auf den ersten Blick, geht es auf den Zeichnungen zu, die Schmitt mittels Grafikprogramm am PC farbig-flächig überarbeitet und dann wie die Tuschezeichnungen mit dem Scanner digital erfasst, bevor er sie ins Netz stellt. Wenn ihm ein Ergebnis besonders gefällt, gibt der Zeichner davon eine kleine Auflage Siebdrucke in Auftrag.

Gelegentlich finden die Drucke ihren Weg in eine Ausstellung. Doch ihr Urheber gibt gerne zu, dass er seine ,,Montagsmail" nicht zuletzt deshalb verschickt, weil er im Ringen um Öffentlichkeit nicht ganz auf die übliche Vermarktungsmaschinerie von Galerien oder Kunstvereinen angewiesen sein will. Um Klinkenputzen zu gehen, lassen ihm die rasend schnellen technischen Veränderungen in seinem Brotberuf wenig Zeit. Tatsächlich bringt ihm sein interaktiv eingerichteter Kunstblog nicht nur die Kommentare fester Abonnenten und neugieriger Zaungäste ein. Übers Googeln stießen mehrmals auch schon professionell Interessierte in seinen Stichwörter-Pool vor und orderten hier ein imaginäres B-.Traven-Porträt für einen literarischen Sammelband, dort das launige Motiv eines beschwipsten Klaviers als Logo für einen Psychologenkongress.

Beim Besuch in Norbert Schmitts Domizil in einer mit stilsicherer Hand umgebauten ehemaligen Scheune im Zeller Seitental der Bergstraße, passiert man zunächst im ersten Stock den Schreibtisch des Grafikdesigners. Unter der Schräge des Dachgeschosses steht der andere Schreibtisch, wo dem Künstler die luftigen Einfälle zufliegen. In den Schubladen eines Grafikschranks und in Reihen von Ordnern finden sich ringsum die zeichnerischen Originalblätter verwahrt, aber auch offen gestapelt. ,,Soll ich bei 1000 erst mal eine Pause einlegen?", offenbart er seine Zweifel. ,,Oder besser nur noch jeden zweiten Tag ein Bild ins Netz stellen? Das ließe mir die Muße, länger daran zu arbeiten und auch mal eine Sache zu vertiefen." Viel Zeit bleibt ihm für seine Entscheidung nicht. Heute soll die 1000. Zeichnung ins Netz gehen.


 

Artikel Text Laenge: 1783

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  • 28. Mai 2010
  • Von Roland Held
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