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10. Dezember 2009  | Von Johannes Breckner

Eine Frage der Fantasie

Kulturpolitik: Neue Förderregeln lindern die Geldnot nicht: Die freie Theaterszene debattiert mit dem Darmstädter Kulturausschuss

DARMSTADT. 


Die freie Theaterszene in Darmstadt braucht mehr Geld. Diese Erkenntnis ist nicht überraschend, aber in der Sitzung des Kulturausschusses am Mittwochabend wurde sie so eindringlich vorgetragen, dass am Ende sehr nachdenkliche Stadtverordnete zurückblieben. Vertreter freier Theatergruppen schilderten dem Ausschuss eindringlich ihre Not. Auch die von der Stadt eingesetzte Jury, die gemäß den neuen Kulturförderrichtlinien über die Vergabe der Zuschüsse befinden soll, hält eine Aufstockung für unumgänglich. ,,Bei gleichem Etat ist eine Weiterentwicklung nicht zu erreichen", sagte Jury-Mitglied Gordon Vajen, der Leiter des Freien Theaterhauses in Frankfurt. ,,Dann bleibt alles beim Alten."

Das genau will der Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann nicht. Das neue Vergabeverfahren, dem erstmals eine Bewertung der Theatergruppen zugrunde liegt und das, ebenfalls neu, auch eine Konzeptionsförderung über drei Jahre hinweg vorsieht, solle einer ,,qualitativen Weiterentwicklung" dienen, sagte er. ,,Wir wollen die freie Szene nicht beschneiden."

Der Zwischenbericht der Jury, der im Ausschuss erstmals öffentlich debattiert wurde, schlägt vor, das Kindertheater Die Stromer, das Theaterlabor und Theater Transit mit einer konzeptionellen Förderung über drei Jahre zu unterstützen. Zudem sollten einzelne Projekte der Gruppen Schattenvögel, Theater Curioso, Theaterquarantäne, Lakritz, KW 8, des Puppentheaters Kolibri, der Neuen Bühne und der Tanz-Zwillinge Michele und Giuseppe de Filippis gefördert werden. Summen werden in dem Papier nicht genannt. Hoffart- und Hopjes-Theater seien zwar förderungswürdig, nach den Kulturförderrichtlinien der Stadt Darmstadt jedoch nicht aus dem Kulturetat.

Die Förderung der Komödie Tap solle grundsätzlich diskutiert werden, heißt es in dem Zwischenbericht. Das Jubiläum des fünfzigjährigen Bestehens im kommenden Jahr ist für die Jury eine gute Gelegenheit, die Verdienste des Theaterleiters Dieter Rummel ,,nochmals zu ehren und den Theaterbetrieb in einer wirtschaftlichen oder künstlerischen Neukonzeption fortzuführen oder gegebenenfalls auch einzustellen", schreiben die Juroren.

Ihre Stellungnahme wurde in der teilweise erregt geführten Diskussion von den Betroffenen kritisch gewürdigt. Thomas Best, Vorsitzender des Vereins Freie Szene, warnte vor einer Umverteilung der zur Verfügung stehenden Mittel, von der wenige Gruppen profitieren würden, während viele andere ihre Existenz aufgeben müssten. Er warb vehement für eine Erhöhung der Zuschüsse. Für die freie Theaterszene stehen derzeit rund 300 000 Euro jährlich zur Verfügung; Best forderte eine Aufstockung um zunächst mindestens 150 000 Euro. ,,Bei den Gruppen muss endlich etwas ankommen", sagte Best. ,,Wir sind zwar Weltmeister darin, aus geringen Mitteln vieles zu machen, aber das hat Grenzen."

Die Debatte zeigte freilich auch, dass die freie Theaterszene keineswegs mit einer Stimme spricht. Zu unterschiedlich sind die Bedingungen, unter denen die Gruppen arbeiten; viele von ihnen gehören dem Verein Freie Szene auch nicht oder nicht mehr an, worauf Evelyn Wendler vom Kabarett ,,Kabbaratz" hinwies. ,,Die Szene wird gespalten", kommentierte Wendler das Papier. ,,Es geht um eine brutale Umverteilung", die von einer ,,tendenziös zusammengesetzten Jury" betrieben werde. ,,Müssen wir uns von einem Frankfurter Theatermann vorschreiben lassen, was wir in Darmstadt machen?" Auch andere Betroffene kritisierten die Jury, darunter Marijke Jährling von der ,,Compagnie Schattenvögel", während Max Augenfeld (Theaterlabor) die Runde ,,kompetent und ausgewogen" nannte. Neben Vajen gehören der Darmstädter Schauspieldirektor Martin Apelt, Jan Deck vom Landesverband der freien Theater und Albert Zetzsche vom hessischen Kunstministerium der Jury an. Sie soll den Prozess der veränderten Zuschussvergabe nach den neuen Richtlinien über drei Jahre beratend begleiten.

Vor allem das Hoffart-Theater hatte viele Anhänger mitgebracht, die in der Diskussion die theaterpädagogische Arbeit von Klaus Lavies lobten - sei es aus der Perspektive der Mitwirkenden oder ihrer Eltern. Die Jury betonte, dass sie sich nicht gegen eine Förderung dieser Arbeit ausgesprochen habe, sie solle jedoch, so Vajen, ,,als sozio-kulturelles Zentrum auch aus sozio-kulturellen Mitteln" finanziert werden. Die Bedingungen der Kulturförder-Richtlinien schlössen einen Zuschuss aus diesem Etat aus.

Eine Entscheidung über die Vorschläge der Jury sei noch nicht gefallen, betonte der Oberbürgermeister und Kulturdezernent Walter Hoffmann. ,,Es ist unumstritten, dass die freie Theaterszene zu wenig Geld hat." Angesichts der Haushaltslage warne er jedoch vor Illusionen.

Am Ende der Debatte schien die Dringlichkeit der Geldnot bei den Ausschussmitgliedern jedenfalls angekommen zu sein. Die Ausschussvorsitzende Ruth Wagner (FDP) verwies auf die Haushaltsberatungen Anfang nächsten Jahres, in denen über die Fördersummen entschieden werden. ,,Wir müssen unsere Fantasie anstrengen, wo man in diesem Haushalt etwas einsparen kann." Wagner kündigte an, der Ausschuss werde die Debatte mit den betroffenen Theatergruppen fortsetzen. Und der Stadtverordnete Georg Hang (Alternative Darmstadt) resümierte: ,,Wir hätten diese Diskussion besser früher geführt."


 


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