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24. November 2008  | Albrecht Schmidt

Ein großartiger Untergang im Kirchenrund

Oratorium: Andreas Boltz und sein Vocalensemble Darmstadt präsentieren Händels „Belsazar“ in St. Ludwig

DARMSTADT. Mit einer großartigen Aufführung des „Belshazzar“, des achten von zwölf Oratorien Händels nach alttestamentlichen Stoffen, rückten Andreas Boltz und sein Vocalensemble Darmstadt am Samstag diese musikgeschichtlich wie kompositorisch entscheidende Seite des Händelschen Schaffens im englischen Original nachdrücklich ins Rampenlicht. Händel hatte sich, bedingt durch die Opera-seria-Verdrossenheit des Londoner Publikums, dem Oratorium zugewendet und nannte diese abendfüllenden Kompositionen „Sacred dramas“, Kirchenopern.

In der Tat verweisen szenische Anweisungen, Akt-Einteilung und die üblichen Opernformen (Arien, Duette, Rezitative, Chornummern) auf das Musiktheater. Das imposante Säulen- und Kuppel-Rund der Darmstädter St.-Ludwigs-Kirche bot einen passenden Rahmen für das dramatische Geschehen um den Fall Babylons durch die Kriegslist der Meder und Perser, die Befreiung der gefangenen Israeliten durch den Perserkönig Cyrus und das frevlerische Gastmahl des Babylonierkönigs Belsazar mit der geheimnisvollen Menetekel-Schrift.

Für die individuellen Rollen dreier Völker, die der Chor in Händels „Belsazar“ zu verkörpern hat, fand das Vocalensemble Darmstadt, dem dramatischen Gestus dieser dichten, ideenreichen Partitur folgend, den jeweils angemessenen, fesselnden Tonfall: strahlkräftig und zupackend bei den Babylonier-Chören, mit beweglichen Koloratur-Wellen („See, from this post Euphrat flies“), jubelndem Glanz und erhellender Botschaft („Sweet liberty, beatific peace“) bei den Chören der Perser und Meder sowie choralartig intensiv in den akkordischen wie in den polyphonen Abschnitten bei den Juden-Chören.

Andreas Boltz’ genaue, am Text orientierte Ausformung der Affekte zeigte sich in vielen Details. Wie einen Schreckensschrei ließ er zum Beispiel die Todesdrohung der Juden („And doom’d to death who durst blaspheme“) gegenüber dem Gotteslästerer Belsazar akzentuieren. Die für manche Chornummern gewählte außergewöhnliche, durchmischte Aufstellung der annähernd vierzig Choristen kam dem kompakten Klang ebenso zugute wie der extrem lange Nachhall im hohen Kuppelraum. Dieses Nachklingen war freilich der „Camerata Ludoviciana“ (Instrumentalisten mit exzellenten Solisten aus dem Umfeld von St. Ludwig, dem Darmstädter Staatstheater und dem Rhein-Main-Gebiet) weniger dienlich: Melodie- und Basslinien drifteten vor allem bei raschen Abläufen auseinander, und im Trompetengeschmetter der heranstürmenden Eroberer purzelten Tonika und Dominante in undifferenzierten Tonclustern durcheinander.

Die außerordentliche hohe musikalische Qualität des Konzerts lag vor allem an den hervorragenden Gesangssolisten. Andreas Wagner vermittelte mit klangschönem, lyrisch schmiegsamem Tenor die Titelrolle des Belsazar. Begleitet von fahler Streicher-Chromatik, verwies er mit einem Angstschrei auf die weißen Schriftzeichen, die von der Lichttechnik auf eine der Steinsäulen in St. Ludwig projiziert waren. Die koloraturfreudige Sopranistin Anna Gann verfügte als Belsazars warnende Mutter Nitocris über enorme Ausdruckskraft, ebenso wie der jugendliche Bariton Ezra Jung in der Rolle des Assyrerfeldherrn Gobrias. Für die Darmstädter Aufführung konnten zudem zwei Altus-Stimmen von Kraft gewonnen werden: Alex Potter als dynamischer jüdischer Prophet Daniel und – mit frappierendem Höhenglanz – Franz Vitzthum als Sympathieträger und Heilsbringer Cyrus. Bei Botenberichten bewährten sich in kleineren Rollen Joachim Schneider (Tenor) und Ronny Rickfelder (Bass). Es gab lang anhaltenden Beifall am Ende einer (mit Pause) annähernd vierstündigen Aufführung.

 


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