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Darmstadts Ex-GMD Trinks: Auf dem Sprung nach Bayreuth

Musik – Der Dirigent Constantin Trinks, einst in Darmstadt gefeiert, probt in dieser Woche für seine Bayreuth-Premiere

„Lohnt sich das?“ Diese Frage stellt sich Dirigent Constantin Trinks bei jedem neuen Musikprojekt. Auch bei dem verlockenden Angebot, eine Oper für den Wagner-Geburtstagsreigen in Bayreuth einzustudieren. Foto: Irene Zandel
Es scheint noch gar nicht lange her, dass Constantin Trinks von Darmstädter Publikum für seinen „Ring“ gefeiert wurde. Seit seiner Demission am Staatstheater 2012 reist er als freier Dirigent von Erfolg zu Erfolg – vor allem mit Wagners Musik. Jetzt klopft er in Bayreuth an.
FRANKFURT/BAYREUTH.

Es scheint noch gar nicht lange her, dass Constantin Trinks von Darmstädter Publikum für seinen „Ring“ gefeiert wurde. Seit seiner Demission am Staatstheater 2012 reist er als freier Dirigent von Erfolg zu Erfolg – vor allem mit Wagners Musik. Jetzt klopft er in Bayreuth an.

Er ist gerade auf dem Sprung nach Bayreuth. Nicht im übertragenen Sinn, sondern in echt: Von Leipzig aus, wo er seit fünf Wochen Wagners komisches Frühwerk „Das Liebesverbot“ mit dem renommierten Gewandhausorchester einstudiert, reist Constantin Trinks noch am Tag unseres Gesprächs ins Frankenland, wo er den Rest dieser Woche für die Premiere am 8. Juli probt. Katharina Wagner hatte ihn angerufen. Hatte gefragt, ob er Teil des Geburtstagsprogramms sein wolle. Für einen Dirigenten, der mit elf Jahren vom „Wagner-Virus infiziert“ wurde, wie er immer wieder erzählt, und der seit 21 Jahren Sommer für Sommer auf der Grünen Hügel pilgert, keine große Frage – eigentlich.

Aber Trinks wäre nicht der akribische Musikversteher und -deuter, wenn er sich nicht noch tiefere Gedanken machen würde. Die Darmstädter kennen das: Trinks war hier bis Anfang 2012 Generalmusikdirektor – nun feiert man ihn andernorts. Der Krach, mit dem er das Staatstheater verließ, scheint dem nunmehr freien Künstler nicht geschadet zu haben.

„Pulsierend, impulsiv und glutvoll“ klingt es

An der Semperoper Dresden dirigiert Trinks „Figaros Hochzeit“ und den „Fliegenden Holländer“. In Berlin, Tokio und Straßburg den „Tannhäuser“. In Montpellier gestaltet er Brahms‘ Sinfonien. Viele Kritiker bescheinigen ihm, was auch schon in den beiden Darmstädter Jahren aufgefallen war: „Pulsierend, impulsiv und glutvoll“ klingt die Musik in seinen Händen, er holt das Beste aus jedem Orchester heraus. Am hiesigen Staatstheater hatte Trinks zuletzt einen mit Lobeshymnen bedachten „Ring“ geschmiedet, bevor die Fetzen flogen und er im Streit mit dem Intendanten John Dew vorzeitig ausschied. Vor allem Wagner treibt ihn seither weiter an.

„Jetzt hab’ ich bis auf Tristan den ganzen Wagner gemacht“, sagt er im Gespräch wie nebenbei. Kurzes Nachdenken, dann lacht er selbst über die Lässigkeit, mit der er einen Satz von solchem Gewicht heraushaut. Trinks, 1975 in Karlsruhe geboren, hat das Stadium längst verlassen, in dem ihm wohlmeinende Zeitgenossen Talent und eine große Karriere voraussagten. Er ist mittendrin im Geschäft. Jetzt Frau Wagners Anruf und das „Liebesverbot“. Er habe rasch zugesagt – sich dann aber gefragt: „Lohnt sich das?“ Nicht finanziell, sondern künstlerisch.

Immerhin hat Wagner selbst sein quirliges Frühwerk nicht für würdig befunden, im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt zu werden. Das gilt bis heute: Die Kunst der frühen Jahre wird in der Oberfrankenhalle aufgeführt, als Teil des offiziellen Festprogramms zwar, aber eben nicht auf dem Grünen Hügel.

Grund: Das an Shakespeare angelehnte Stück hat so viel von der Leichtigkeit italienischer Buffo-Opern wie kein anderer Wagner; der Meister hielt es später für nicht ausgereift. Dirigent Trinks aber definiert sich als „Entdecker“. Und findet, dass es viel Qualität zu entdecken gibt in der selten szenisch aufgeführten Lustbarkeit.

Zum Beispiel: „Es steckt ein wahnsinniger Witz drin“, sagt Trinks. Keine teutonische Grals-Rhetorik hier; stattdessen nimmt die Oper sogar deutschen Biedersinn auf die Schippe. „Sehr sympathisch“, findet Trinks, „dass Wagner hier mal einen anderen Wesenszug zeigt.“ Gut, später habe er die Italiener verachtet. Aber der Komponist sei eben „ein Mann der Widersprüche“. Damit kann Trinks gut leben. Zumal, wenn sich die Sache musikalisch als so ergiebig erweist.

„Das hat rasche Tempi, ist spritzig und flott“, erzählt er von den Proben. Die Dynamik hat der Dirigent selbst noch angespitzt: „Man muss da schon beherzt kürzen“, um „Zug, Kraft und Witz“ reinzubringen. Bei allem Respekt vor dem Meister: Vor Ehrfurcht erstarrt ist Trinks, der mit seiner Vorliebe für die Romantik und Wiener Klassik eher als Traditionalist gilt, offenbar nicht.

Wohin kann die Reise jetzt weitergehen?

Wohin kann die Reise gehen, wenn er Bayreuth gemeistert hat? Mit Wagner muss er sich ja nicht mehr beweisen. „Mehr Alte Musik“ stehe auf seinem Wunschzettel, sagt er, was einigermaßen unerwartet ist. Die Bach-Motetten und die h-moll-Messe würde er sehr gern mal machen, auch mit Barockmeister Heinrich Schütz würde er sich gern auseinandersetzen. Allerdings: Als freiberuflicher Gastdirigent könne er sein Repertoire im Konzertbereich weitgehend nicht selbst bestimmen. Er genieße den freien Status einerseits. Aber „mittelfristig“ strebe er schon die Arbeit mit einem festen Haus oder einem festen Orchester an, wo er das Programm selbst gestalten könne.

Also noch einmal als GMD arbeiten, trotz des Desasters in Darmstadt? Nun, er habe inzwischen gelernt, dass „viele Leute diese Art von Erfahrung in ihrem Beruf machen“, sagt Trinks. „Ich bedaure, dass diese Tätigkeit in Darmstadt ein so unglückliches Ende gefunden hat.“ Aber seine Karriere „war vorher schon genügend gefestigt“, dass diese keinen bleibenden Schaden bekam.

Mit Darmstadt verbinde er auch schöne Erinnerungen an gelungene Konzerte und Opernabende, sagt er. Was am Staatstheater passiert, verfolgt er aus nicht allzu weiter Entfernung: Trinks wohnt in Frankfurt am Main. Nicht ganz ausgeschlossen, dass ihm mancher Musikfreund aus der Darmstädter Zeit bei einem Konzertbesuch in der Region über den Weg läuft – als Teil des Publikums.

 

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  • 03. Juli 2013
  • Von Thomas Wolff
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