Anis Mohamed Youssef Ferchichi (31) ist genervt, tigert vor der Leinwand auf und ab und raunzt in sein Mobiltelefon. Seit Sonntag ist der Rapper, der sich den japanischen Namen Bu
shido (,,Weg des Kriegers") gegeben hat, auf Promotiontour für seine Filmbiografie ,,Zeiten ändern Dich" - seit Donnerstag im Kino, schon jetzt über 300 000 Zuschauer. Vier Städte am Tag. Frankfurt war schlecht organisiert, der Auftritt wurde abgebrochen, und jetzt ist Darmstadt dran: Vor dem Cinemaxx warten am Montagnachmittag die jugendlichen Fans zu Hunderten stundenlang in der Kälte.
Zwei Säle sind ausverkauft, im Foyer großes Gedrängel. Schrilles Schreien pflanzt sich wellenförmig im Treppenhaus fort, wenn einer Bushido zu sehen glaubt. Doch der verschwindet mit grauem Trainingsanzug erst mal im Kino fünf, um sich Journalistenfragen zu stellen. Entschuldigt sich für seine schlechte Laune und ist schon bei der ersten Antwort bestens drauf. Und damit irgendwie auch voll auf der Rolle.
Im Kino
„Zeiten ändern Dich“ läuft im
Cinemaxx Darmstadt und Kinopolis Viernheim (frei ab zwölf).
Schließlich handelt Uli Edels Verfilmung seiner Autobiografie ja auch davon, wie ein deutsch-tunesischer Bub mit saufendem und prügelndem Vater von Mutter (Hannelore Elsner) das Startkapital für eine Drogenkarriere kriegt, in der Besserungsanstalt landet, wo er Lackierer lernt, um später Sprayer zu werden, in der Berliner Hip-Hop-Szene als wilder Wüstling groß rauszukommen und auf Anraten von Moritz Bleibtreu als Kiez-Pate mit Dreißig doch noch irgendwie erwachsen zu werden. Es geht mithin in dieser Bernd-Eichinger-Produktion um einen Imagewechsel. Deswegen sei die Presse auch so schlecht, erklärt Bushido.
Meinungsmacher, die ihm seine schwulen- und frauenfeindlichen Texte um die Ohren gehauen haben, hätten eben etwas Anderes erwartet und seien jetzt enttäuscht: ,,Dass es da Gruppensex gibt, Bushido Frauen verprügelt, so viel Kokain zieht, dass ihm die Nasenscheidewand durchbricht. Dann könnten meine Kritiker sagen: Siehste, haben wir doch gewusst. Jetzt gehste ins Kino und siehst jemand, dessen Mutter zusammengeschlagen wird, der Vater ist Alkoholiker, der Junge hat Probleme mit seiner Freundin. Kein Banküberfall, da wird kein Jet gekapert und in Häuser geflogen. Der Typ ist ganz normal und ein bisschen auch sympathisch." Soweit Bushidos Kinokritik und Medienschelte in eigener Sache.
Auf der Leinwand sieht man den Rapper mit traurigem Blick und großer Klappe als nicht untalentierten Laiendarsteller seiner selbst. Würde er nicht auch noch aus dem Off pathetische Bekenntnisse hölzern vorlesen, wäre das dem Spülsteindrama mit angeschlossenen Konzertszenen gewiss nicht abträglich. Den jugendlichen Helden spielt Elyas M'Barek (,,Türkisch für Anfänger") mit einem ironischen Schalk, der Bu
shido selbst im Film leider abgeht. Dafür ist ihm seine Mission zu ernst: Respekt für Anfänger. Wer keine Achtung genießt, wird zum Opfer. Diese Lektion dekliniert Bushido ausgiebig durch, damit auch jeder merkt, dass es hier um Lebenskunde von ganz unten geht.
Der Provokateur will jetzt auch Pädagoge sein. Und zeigt sich gleich am Anfang des Films als Pennäler mit einem Herz für den deutschen Balladenschatz. Der kleine Anis setzt die Kapuze auf, als er im Deutschunterricht krass den ,,Erlkönig" rappt. Leider wird er nicht fertig, weil ein Klassenkamerad ihn beschimpft. Und weil Respekt wichtiger ist als Goethe, gibt's eine Rauferei zum Rap. So war's und nicht anders, sagt Bu
shido: ,,Am Anfang des Drehbuchs stand ja die Glocke drin. Am Ende des Tages hab ich zu Uli Edel gesagt: Du, damals in der Sechsten war's wirklich der Erlkönig." Und wie um zu betonen, dass er sich auf Lyrik versteht, betont er, Goethes Reimschema sei ja auch viel leichter zu rappen als das von Schiller. So wie Bushido davon plaudert, hätten einem Deutschlehrer Ferchichi sicher die Jungs und Mädchen an den Lippen gehangen.
Hat der Schulabbrecher da eine Karriere im öffentlichen Dienst verpasst? ,,Ich bin ja jetzt kein offizieller Lehrer, steh' in der Klasse und unterrichte", antwortet der Rapper, der im Interview zum Dampfplauderer wird. ,,Aber ich fahr' eben durchs Land, steh' auf der Bühne und kann, wenn ich Lust und Laune habe, den Menschen auch was Anderes mitgeben als ein paar Schimpfwörter, die sich reimen."
Schimpfwörter gibt er ohnehin nur als Zitat zum Besten: ,,Ich bin ja jemand, der auch mal sagt: Kommst Du mir krumm, dann hau' ich Dir auf die Fresse", was bei Bushido, der gerade dabei ist, dem Organisator des Filmverleihs die Moderatorenrolle streitig zu machen, jetzt aber wie eine Einladung zum Bierchen klingt. Keine Spur mehr genervt. Erst ein Kurzreferat übers Drehbuchschreiben, dann eins über das Leben an sich - ohnepunktundkomma, aber mit Fremdwörtern, damit man auch merkt, dass er bloß keinen Bock aufs Abi hatte: ,,Ich hab' meine Leben gelebt und das inkludiert, ich hab mich verändert." Und wie um zu betonen, dass er jetzt noch nicht gleich Integrationsbeauftragter werden will, gibt sich der Berufslautsprecher auf fast schon kokette Art undressiert: ,,Bernd Eichinger will aus mir keinen braven Jungen machen, ich werde noch die eine oder andere Scheiße bauen."
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