,,Betrachten wir das Ergebnis des einjährigen Bemühens nüchtern, am Ensemble orientiert, so bemerken wir: Die problematische Aufgabe ist offenbar denkmalgerecht nicht zu lösen. Dass das Ehepaar Sander trotz der von vornherein für jeden Kenner der Mathildenhöhe erkennbaren Gefahr des Scheiterns den Versuch unternommen hat, der Stadt zu einer Ensemble-Reparatur zu verhelfen, ist sehr dankenswert. Die einzig richtige Konsequenz ist allerdings, die Arbeiten in der Kategorie ,Unrealisierte Wettbewerbe ' abzulegen, ein Schicksal, das viele andere Wettbewerbe schon ereilte."
Das schreibt Regina Stephan, Professorin für Architekturgeschichte an der Fachhochschule in Mainz und Kuratorin der vor kurzem beendeten Darmstädter Retrospektive zum Werk Joseph Maria Olbrichs. Sie nimmt Stellung zum aktuellen Konflikt darüber, ob ein Sander-Museum am Südhang der Mathildenhöhe nach den jetzt ausgezeichneten Wettbewerbsplänen des Dresdner Architekturbüros Schulz und Schulz errichtet werden soll. Stephan bringt damit auf den Punkt, was mehrere sachkundige Kritiker der Pläne in diesen Tagen auf jeweils einigen Seiten ihrer Stellungnahmen umtreibt. Sie erklärt, dass die (im Wettbewerb geforderte) Kubusform des prämierten Hauses Sichtachsen des Jugendstils zerstöre und die verbliebenen Teile von Olbrichs architektonischem Villen-Ensemble aufgrund seiner Massivität gestalterisch aus dem Gleichgewicht bringe.Gegen das Privatmuseum, das am Ort der von Olbrich 1901 entworfenen und im Zweiten Weltkrieg 1944 zerstörten Villa Christiansen entstehen soll, schreibt auch Frank Oppermann. Der Professor für Denkmalpflege und Baugeschichte am Fachbereich Architektur der Hochschule Darmstadt ist zugleich Mitglied im Denkmalrat des Landes Hessen, der Stadt Darmstadt sowie des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Er erklärt, dass jeder Neubau - ,,gleich welcher Art" - stören müsse. Für ihn habe der Architekten-Wettbewerb diese Erkenntnis gebracht. Oppermann hat fünf Argumente gegen die Neubebauung gesammelt. Danach widerspricht die geplante städtebauliche Position Olbrichs Ideen, zugleich nehme der Bau des Gewinnerentwurfs kein Element der zerstörten Architektur auf. Der Wettbewerb habe darüber hinaus keine architektonischen Innovationen erbracht, sondern vielmehr durch - teilweise sogar zwei - Tiefgeschosse in den Plänen gezeigt, dass ,,ein funktionales Museum eine bestimmte Größe haben muss, die aber hier nicht zu realisieren ist". Frank Oppermann plädiert für eine ,,entschiedene" Annäherung der Gesamtanlage an den Ursprung, was das Anliegen von Stadt und städtischer Denkmalpflege ist, verwahrt sich aber zugleich gegen eine ,,Käseglocke über der Mathildenhöhe". Deshalb sind für ihn auch die Kriegszerstörung und der Fünfziger-Jahre-Brunnen am Platz des geplanten Museums Stadtgeschichte. ,,Die singuläre und in Form und Bedeutung unausgewogene Gegenüberstellung des Museums Sander schafft keine echte Symmetrie und keine städtebauliche Achse", erklärt Bernd Krimmel. Der ehemalige Darmstädter Kulturreferent und Gründungsdirektor des Instituts Mathildenhöhe protestiert ,,gegen die Implantierung eines Fremdkörpers in die jetzige Gesamtanlage". Er verwahrt sich dagegen, dass ein Museum Sander ,,möglich, ja zwingend notwendig wäre, wenn es die Kubatur des verlorenen Vorgängers einhalte", was die Vorgabe des Denkmalschutzes einen Neubau an der Stelle der von Olbrich entworfenen Villa Christiansen war. Krimmel hält dagegen: ,,Olbrichs Architektur lässt sich indessen nicht in Kubikmetern messen." Er plädiert gegen ein lokalhistorisches Museum mit Werken aus der Sander-Stiftung. Dafür sei es wünschenswert, dass ein Museum der Stadt Darmstadt am Osthang der Mathildenhöhe gebaut werde. Ein solches Haus könne mehrere tausend Kunstwerke aus der Zeit vom 18. bis 20. Jahrhundert aufnehmen, die im Besitz der Stadt sind, aber seit Jahrzehnten wegen des Fehlens eines solchen Hauses nicht gezeigt werden konnten.Max Bächer, emeritierter Architekturprofessor der Technischen Hochschule Darmstadt, verwahrt sich in deutlichen Worten gegen eine Veränderung, die er als ,,akademischen Scherz" bezeichnet, weil sie nur gewohnte und vor allem schöne architektonische Situationen wie den Blick von Süden zur Russischen Kapelle oder zum Schwanentempel verstellen würde. ,,Nach einer Lücke habe ich vergeblich gesucht", kommentiert Bächer das Argument der städtischen Denkmalpflege, die ursprüngliche Situation eines Gegenüber von Haus Olbrich und Haus Christiansen wiederherstellen zu wollen. ,,Die Mathildenhöhe hat dank der zuständigen Architektin Christiane Gelhaar wieder ihre beschwingte Würde erhalten und ist trotz der vielen Einbußen ein schönes Ensemble und ein sehenswerter öffentlicher Raum geworden", schreibt er über die aktuelle Situation. Auch Bächer erinnert an den unbebauten Osthang und widerspricht Oberbürgermeister Walter Hoffmann, der diesen Bereich als alternativen Bauplatz ausgeschlossen hat: ,,Warum denn eigentlich nicht? Es wäre doch nicht zu verstehen, wenn ein spendabler Stifter seine Idee und sein Geld für ein missglücktes Museum an einer unglücklichen Stelle im Boden vergraben müsse."Museum Sander: ,,Ein Fremdkörper in Olbrichs Ensemble"
Verschiedene Fachleute äußern Kritik an den Plänen für den Neubau auf der Darmstädter Mathildenhöhe
DARMSTADT.
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