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17. November 2010 Von Achim Preu

Kommentar: Zerzauster Standort


So wirklich ergebnisoffen war das Rennen zwar eigentlich nie. Auch wenn es von Verantwortlichen stets so dargestellt wurde. Dargestellt werden musste, damit keine unnötige Unruhe aufkommt. Schließlich bildet der Taunus das Zentrum der deutschen P&G-Aktivitäten. Dennoch ist die gestrige Nachricht mit dem Aus in Darmstadt kein minder schmerzhafter Schnitt für den nun ziemlich zerzausten Wirtschaftsstandort. Man kann sich nicht recht vorstellen, dass ab 2014 Wella und Darmstadt als Synonym nicht mehr taugen. Dass die Hauptstadt der Friseure (inklusive Goldwell und anderen) keine mehr ist. Dass 350 hochqualifizierte Forscher woanders Haarfarben oder Stylingprodukte entwickeln. Da wachsen einem graue Haare.

Durchgesetzt hat sich letztlich das Bestreben, mit der Zusammenlegung aller F&E-Aktivitäten hier mehr Durchschlagskraft zu entwickeln und Syner gien zu heben. Zumal Deutschland als einer der weltweit wichtigsten und größten Forschungsstandorte beim Hersteller von Lenor, Meister Proper oder Pampers gilt.

Den Anfang vom Ende bildete der Wella-Verkauf 2003 an den Konsumgüterriesen Procter & Gamble. Damals machte die Familie ohne Not Kasse, investierte danach in großer Beliebigkeit ihre Milliarden, weil Geld an sich eben nutzlos ist; nun steht Darmstadt vor dem Scherbenhaufen. 1000 Arbeitsplätze weniger, einen solchen Kahlschlag hat es am Woog lange nicht gegeben. Die Zerschlagung des Schenck-Konzerns beispielsweise hat durch den Industriepark zumindest in der Arbeitsplatzbilanz keinen massiven Schaden genommen.

D
abei war die Gefahr bei Wella seit dem Deal groß, dass die nüchtern agierenden und kühl kalkulierenden Amerikaner sich dort konzentrieren, wo sie ihr Hauptquartier haben: in Schwalbach sowie dem benachbarten Kronberg. Drei Standorte im Umkreis von 40 Kilometern - da blieb kein Platz für die Wella-Heimstätte, stand es rasch 2:1 gegen Darmstadt. Dort wo das von Franz Ströher 1880 gegründete Haarkosmetikunternehmen nach dem Krieg und der Flucht aus dem ostdeutschen Rothenkirchen über die Zwischenstation Hünfeld den Neuanfang probierte - mit durchschlagendem Erfolg nicht nur an der Börse, wo von einer Wella-Welle gesprochen wurde, weil sich immer mehr Firmen dem Kapitalmarkt öffneten. Die Marktführerschaft bei den Friseuren hierzulande und eine starke weltweite Position, zu beobachten auch an dem überall auftauchenden stilisierten Frauenkopf mit wehendem Haar, sie lockten vor sieben Jahren P&G. Vor allem aber lockte das Know-how der Beschäftigten. Dies aber scheint kein Argument mehr mit richtig viel Gewicht zu sein. Die müssen nun viele Kilometer fahren - oder sich was Neues suchen.

E
s wurde mit dem Verkauf an Procter nicht nur eine ganz spezielle Firmenkultur zerschlagen. Eine homogenere deutsche Lösung mit dem interessierten Henkel-Konzern geblockt. Das scheibchenweise Zerlegen gewachsener Strukturen hingenommen. Nein, nun wird auch noch ein kompletter Standort dem Erdboden gleichgemacht. Nach 60 Jahren. Dort in der Berliner Allee, wo bereits einige Bürogebäude leerstehen, wo vor nicht allzu langer Zeit der Tiefdrucker Prinovis mit 293 Stellen zugemacht hat.

Darmstadt wird damit um einen ökonomischen Farbtupfer ärmer, vor allem um eine Endverbrauchermarke, die jeder kennt. Der Standort wird dadurch nicht in die Knie gehen, zumal der Branchenmix wie in der Region insgesamt ausgewogen, gesund und zukunftsträchtig ist. Und Leuchttürme wie der Dax-Konzern Merck oder die Ideenfabrik Software AG an Darmstadt festhalten.

Aber die Wirtschaftsförderung der Stadt - verdient diese eigentlich ihren Namen? - sollte nun endlich ihren Dornröschenschlaf beenden. Und aktiv die großen Stärken besser vermarkten: verkehrstechnisch nahezu optimal aufgestellt, ein Hort von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, funktionierende Netzwerke wie das IT- oder Automotive-Cluster, viel Fachpersonal und ein Bündel weicher Faktoren, die auch für große internationale Adressen passen dürften. Und die Procter-Entscheidung zum Anlass nehmen, die hier ansässigen Firmen besser zu betreuen, damit sie erst gar nicht über Alternativen nachdenken. Standorte ohne Zentralfunktion (wie Wella) sind in einer globalisierten Welt stets Dispositionsmasse. Und da hat Darmstadt noch weitere.

 
 


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