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22. November 2010 Von Jörg Blank

Der Reichstag und das Terror-Puzzle

Sicherheit: Seit dem Wochenende ist klar, warum die Bundesregierung von einer neuen Gefährdungslage spricht - Anrufe beim BKA und konkrete Hinweise aus den Vereinigten Staaten

BERLIN. 


Der angebliche »Gotteskrieger« meldete sich per Telefon beim Bundeskriminalamt (BKA). Ein Terrorkommando plane den Sturm auf den Reichstag - und damit einen Anschlag gegen das Herz der Demokratie. Zwei Terroristen seien bereits in Berlin, andere warteten im Ausland auf die Abreise. Schon zwei Wochen zuvor hatten Hinweise der US-Bundespolizei FBI die Fahnder alarmiert. Eine schiitisch-indische Terrorgruppe, die mit El Kaida paktiere, sei auf dem Weg in große deutsche Städte - die Visa schon in der Tasche. Als zentraler Termin für die Reisepläne wird hier der 22. November genannt, also heute.

Doch wohl niemand kann sagen, ob es die Pläne tatsächlich gibt und wenn ja, wie weit sie fortgeschritten sind. Oder ob es sich nur um Horrorszenarien handelt, die von Dschihadisten - sogenannten »Gotteskriegern« - in die Welt gesetzt werden, um den verhassten Westen in Angst und Schrecken zu versetzen. Die deutschen Anti-Terror-Fahnder versuchen derweil mit aller Kraft, die Info-Schnipsel zu einem plausiblen Lagebild zusammenzufügen.

Nur eines ist klar: Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und die Sicherheitsbehörden nehmen die Informationen aus der Welt des Terrors ernst. So ernst, dass de Maizière am vergangenen Mittwoch seine Zurückhaltung aufgab, von konkreten Erkenntnissen über einen Ende November bevorstehenden Anschlag berichtete und die Terrororganisation El Kaida nannte. Seit dem Wochenende sind die Hintergründe für den Kurswechsel bekannt.

Wenige Tage vor der Terrorwarnung de Maizières am Mittwoch hat demnach ein Dschihadist mehrfach beim BKA angerufen. Er wolle zurück zur Familie nach Deutschland und habe um Hilfe beim Ausstieg aus der Szene gebeten. El Kaida und ihr angeschlossene Gruppen planten, im Februar oder März den Reichstag zu stürmen und Geiseln zu nehmen. Möglich sei auch ein Bombenanschlag mit einem Handy als Zünder.

Einen zweiten Hinweis leitete die US-Bundespolizei FBI vor zwei Wochen an das BKA weiter. Eine schiitisch-indische Gruppe namens »Saif« (»Schwert«) habe sich mit El Kaida verbündet und zwei Männer für einen Anschlag nach Deutschland geschickt. Die Verdächtigen sollten heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten ankommen und nach Deutschland weiterreisen. Visa für den grenzfreien EU-Schengen-Raum hätten sie bereits.

BKA-Präsident Jörg Ziercke macht deutlich, dass ihm die detaillierten Medienberichte nicht passen. Verdeckte Ermittlungen und Quellen der Behörden könnten gefährdet werden, warnte er am Samstagabend bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Im Klartext: Verdächtige sind gewarnt, der angebliche Dschihad-Aussteiger muss als Verräter um sein Leben fürchten.

Schnell taucht die Frage auf, wer Interesse daran haben könnte, Erkenntnisse der Behörden öffentlich zu machen. Auf jeden Fall wurden »Spiegel« und ARD von Insidern mit Informationen gefüttert. In Sicherheitskreisen wird über internationale Quellen spekuliert oder über mitteilungsfreudige deutsche Parlamentarier. Auch eine andere Version ist denkbar: Bei früheren Fällen haben Ermittler Informationen selbst an Medien gegeben, um die Verdächtigen nervös zu machen.


 
 


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