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11. Dezember 2009  | Von Stefan Benz

Ärger um die Krümel

Hausfrauen kennen das Problem: Alle Kinder sollen ein Stück vom Kuchen haben, aber die Lieblingskinder sollen besonders große Stücke abkriegen. Das geht nur, wenn man sich mehr Eier und Mehl leistet. Sonst bleiben für einige eben nur noch Krümel. Was in jeder Großfamilie mit einem Blick in den Vorratsschrank und ins Portemonnaie erledigt ist, kann in einer Stadt über Jahre Ausschüsse und Kommissionen beschäftigen.

In Darmstadt ist der Kuchen der Kulturetat der freien Szene. Schüttet man alles in einen Topf, sind es rund 300 000 Euro. Um das Geld gerecht und gut zu verteilen, hat die Stadt eine Jury bestellt, die viele Förderanträge gelesen, Stücke angeschaut und nun dem Kulturausschuss einen dreiseitigen ,,Zwischenbericht" abgeliefert hat - am Mittwoch wurde das Papier öffentlich diskutiert, wir haben berichtet.

Gordon Vajen vom Frankfurter Theaterhaus ist der Sprecher der Jury. Die freie Szene sei ,,eklatant unterfinanziert", hat er dem Kulturausschuss aufgeschrieben. Das war jedoch nicht vergangenen Mittwoch, sondern bereits im November 2007, als er als Ko-Autor einen Bericht über die Kulturförderung in der Stadt ablieferte. Dass dies noch immer die wohl wichtigste Erkenntnis des neuen Papiers ist, zeigt, wie langsam und wenig sich die Dinge in der Stadt bewegen, obwohl das Projekt ja Chefsache des Oberbürgermeisters und Kulturdezernenten Walter Hoffmann ist.

Als sich die Jury im vergangenen Frühjahr endlich an die Arbeit machte, war schon klar, dass drei Gruppen besser ausgestattet werden sollten und dass Kindertheater einen Bonus haben würde. Das war auch im Sinne von Jurymitglied Martin Apelt, der als Schauspielchef in Darmstadt kein ganzjähriges Angebot für junge Zuschauer bietet und deshalb diese Arbeit gern der freien Szene überlässt. Dass nun das Kindertheater Stromer sowie das Theaterlabor und Theater Transit mit ihren vielen Angeboten für junge Mitspieler und Zuschauer von der Jury herausgehoben werden, ist denn auch keine Überraschung. So wenig wie der Akzent, den der Zwischenbericht auf das Theater Mollerhaus als Forum der freien Szene setzt, denn von dort kam ja der Anstoß, die Kulturförderung neu zu ordnen.

Das sind die großen Kuchenstückchen - bleiben die Krümel, um die es viel Ärger gibt. Wer in der Stadt Theater für Erwachsene macht, hat offenbar schlechtere Karten. Wer einigermaßen erfolgreich wirtschaftet wie etwa die Neue Bühne, hat Pech. Und wer nicht ins Raster passt, fällt raus. So wie das Tap, das wertvolles Theater für Kindergartenkinder anbietet, aber eben auch ein Boulevardvergnügen, dessen Publikum ausdünnt. Und so wie das Hoffart-Theater und das Kindertheater Hopjes, denen eine ominöse ,,soziokulturelle" Funktion zugeschrieben wird. Wer dafür bezahlen soll, steht nirgends. Dabei ist die Hoffart-Hinterhofbühne auch ein Forum für Gruppen und Künstler der freien Szene und das dort angesiedelte Hopjes-Projekt eine Form von Theater mit Kindern für Kinder, wie es das als vorbildlich empfohlene Theater Transit vergleichbar anbietet.

Der zunächst intern diskutierte und deshalb umso heftiger vorab öffentlich umstrittene Zwischenbericht ist mithin das Dokument einer Ratlosigkeit, die so alt ist wie die ganze Debatte. Für das, was kulturell wünschenswert wäre, ist der Kuchen zu klein. Wer die Vielfalt erhalten will, kann das Besondere nicht angemessen fördern. Wer das Besondere belohnt, bedroht wiederum die Vielfalt. Was als Ergebnis der Debatte auf dem Tisch liegt, ist genau das, was als Prämisse an ihrem Anfang stand: Mutter braucht mehr Zutaten, damit alle satt werden und einige auch wachsen können. Einen Zuschlag um die Hälfte auf 450 000 Euro fordert man in der freien Szene. Es ist bald Weihnachten, da kann man sich ja was wünschen. Aber bei einem Defizit im städtischen Etatentwurf von 53 Millionen Euro für 2010 darf wohl jeder froh sein, der nicht bald schon kleinere Plätzchen backen muss.

 


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