FRANKFURT / HEPPENHEIM.
Internate - Inseln des Missbrauchs
Schule: Es kommt nicht von ungefähr, dass sich viele Übergriffe an Internaten ereignen - Schüler sind den Lehrern ausgeliefert
,,Werde, der du bist." Dieser Satz des griechischen Lyrikers Pindar ist der Leitsatz, unter dem der Pädagoge Paul Geheeb 1910 die Odenwaldschule in Heppenheim gründete. Kurz vor der Hundert-Jahr-Feier der Reformschule stellt sich nun heraus, dass massiver sexueller Missbrauch in den siebziger und achtziger Jahren zahlreiche Schüler traumatisiert und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung schwer gestört hat. Zum generellen Entsetzen darüber, dass Pädagogen ihnen anvertrauten Kindern Gewalt angetan haben, kommt die Frage, wie dies ausgerechnet an einer Schule geschehen konnte, die sich der Reformpädagogik verschrieben hat. Haben hier Lehrer die Inhalte dieser Pädagogik gründlich missverstanden? ,,Man muss hier zwischen Rhetorik und Praxis der Reformpädagogik unterscheiden", sagt der Pädagogik-Professor Jürgen Oelkers. Der Experte für Reform-pädagogik sieht das Problem vor allem in der Internatsform der Odenwaldschule begründet. ,,Es ist kein Zufall, dass sich die jetzt bekanntgewordenen Missbrauchsfälle auf Internate beziehen - ob im kirchlichen Bereich oder bei Reformschulen", sagt er. Der Zweig der Reformpädagogik, der auf Internate setze, ,,begünstigt ein Milieu, das sich abschotten will". Die Internatsform biete pädophilen Pädagogen geradezu die Gelegenheit zum sexuellen Missbrauch. Kindgemäßes, soziales und ganzheitliches Lernen ohne Schulstress und Leistungsdruck: Mit diesen Begriffen assoziiert man eigentlich die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandene Reform-päd agogik. Orientiert an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes und mit einem starken Praxisbezug sollten Schüler ohne die damals üblichen schulischen Gewaltszenarien ihre Persönlichkeit frei entwickeln können.Erlebnispädagogik und Lernen durch Handeln sind zentrale Begriffe der internationalen Reformschulbewegung, die sich in verschiedene Zweige aufspaltete. Einer dieser Zweige in Deutschland war die Landschul- oder Landerziehungsheimbewegung, die das Internatsprinzip aus England übernahm. Fernab vom als schädlich angesehenen Einfluss der Großstadt wollte man den Schülern auf dem Land eine ganzheitliche Erziehung ermöglichen. Als Gründer der Landschul-bewegung in Deutschland gilt der Reformpädagoge Hermann Lietz, eine weitere wichtige Persönlichkeit war der Gründer der Odenwaldschule. Nach Paul Geheebs Vorstellungen sollte eine Schule, die die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder durch Lernern in der Gemeinschaft fördert, als ,,eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft organisiert sein, in der jeder und jede mitgestalten, mitbestimmen und auch mitverantworten kann", wie es auf der Homepage der Schule heißt.Oelkers sieht genau dieses bewusste ,,Inseldasein" als problematisch an. ,,Die Schüler sind in solchen Internaten abgeschlossen von der Welt und sind ihren Lehrern ausgeliefert", sagt er. Das Familienprinzip, nach dem die Odenwaldschule organisiert sei, führe dazu, dass alle ,,sehr nahe beieinander leben". Oelkers verweist darauf, dass auch der Reformpädagoge Gustav Wyneken, eine weitere wichtige Figur der Landerziehungsheimbewegung und Weggefährte Geheebs, 1920 wegen Pädophilie angeklagt war und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Ihm wurde allerdings nur nachgewiesen, dass er zwei Schüler nackt umarmt hatte. Wie häufig Pädophilie in dieser Szene vorkomme, wisse man nicht, sagt Oelkers. Es sei aber eine Tatsache, dass die Reform-pädagogik, die auf Internate setze, pädophilen Tätern die Gelegenheit gebe, derartige Taten zu begehen: abgeschottet von der Gesellschaft in der Gemeinschaft von Schülern, die ihnen ausgeliefert seien und den Ort nicht einfach verlassen könnten. Es sei nicht so wichtig, ob es sich um eine staatliche oder eine private Schule handele, sondern es gehe um die Organisationsform als Internat. Die betroffene Schule hat erkannt, ,,dass auch eine Institution wie die Odenwaldschule mit ihrem hohen pädagogischen Anspruch ihre Schüler nicht vor Missbrauch aus den eigenen Reihen schützen konnte", wie es in einer Erklärung der Schulleiterin heißt. ,,Mit Unterstützung von Experten überprüft die Schule ihre internen Strukturen mit dem Ziel, dem Schutz der Generationsgrenzen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die pädagogische Arbeit der Odenwaldschule bewusst auch auf das Thema des sexuellen Missbrauchs auszurichten."
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