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08. Februar 2010  | dpa

Impfstoffe für Kinder gehen aus

Impfstoff: Berufsverband schlägt Alarm - Bestände der Sechsfach- und Vierfach-Impfstoffe für Babys gehen zur Neige oder sind bereits verbraucht - Paul-Ehrlicher-Institut weist auf Alternativen hin

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In Deutschland sind mehrere Impfstoffe für Babys und Kinder momentan nicht lieferbar. Foto: dpa

Viele Kinderärzte blicken mit Sorge in ihre Vorratsschränke: Die letzten Bestände der wichtigen Sechsfach- und Vierfach-Impfstoffe für Babys gehen zur Neige oder sind bereits verbraucht. Die Impfstoff-Kombinationen gegen gefährliche Krankheiten wie Keuchhusten, Kinderlähmung oder Hepatitis B können vom Pharmahersteller Glaxosmithkline nicht mehr geliefert werden. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln schlägt Alarm, befürchtet für die Kleinsten ohne jede Grundimmunisierung gravierende gesundheitliche Gefahren.

,,Bei uns läuft nichts mehr normal. Uns geht der Vierfach-Impfstoff aus", sagt Kinderarzt Jürgen Krebber aus Köln. Nicht mehr normal bedeutet: ,,Ab sofort rufen wir unsere Kunden an, um die Termine zu verschieben oder abzusagen." Erste Eltern reagierten ,,sauer", was er gut verstehen kann: ,,Das ginge mir genauso, wenn es meine Kinder wären. Wir können nur um Verständnis bitten." Wann Nachschub kommt, sei noch unklar: ,,Wir haben etwas von Ende Februar oder Mitte März gehört." Sicher sei das allerdings nicht. In Krebbers Praxis haben jetzt Babys Vorrang, die noch keine Grundimmunisierung haben und damit am stärksten gefährdet sind. An sie geht der letzte Rest.

Viele Kollegen versuchen schnellstmöglich alternative Impfstoffe zu organisieren, wie auch die Kölner Praxis von Anselm Bönte. ,,Wir telefonieren überall rum, um noch Impfstoff zu bekommen", sagt eine Sprechstundenhilfe. Allerdings bisher mit wenig Erfolg. Halte der Mangel an, drohe eine ,,Katastrophe". Viele Mediziner sprechen von einem Skandal, da mit den Säuglingen die empfindlichste Patienten- Gruppe überhaupt betroffen sei. Den BVKJ treibt besonders die Sorge mit Blick auf Keuchhusten und HiB-Infektionen um, die für nicht geimpfte Säuglinge im Extremfall tödlich ausgehen kann.

Umso wichtiger ist die Suche nach Alternativen. ,,Es ist zwar etwas kompliziert, aber es gibt medizinische Lösungen", sagt Kinderarzt Martin Böhle aus Lüdenscheid im Sauerland. Jeder Säugling erhält normalerweise im dritten, vierten und sechsten Lebensmonat die Sechser-Impfung mit einem einzigen Piekser. Dazu kommt ab dem elften Monat eine Impfung für Masern, Mumps, Röteln und Windpocken zusammen. ,,Jetzt müssen wir in jeweils zwei Schritten impfen." Also: Zuerst ein Fünffach-Impfstoff, in einem zweiten Termin noch der ausstehende Hepatis-B-Schutz. ,,Eine Impfung ist immer sicherer, wenn man sie in derselben Vorgehensweise wiederholt. Das macht also pro Baby schon mal drei Impfungen mehr."

Genauso bei dem Ersatz für die Vierfach-Impfung: ,,Wir impfen stattdessen einmal gegen Masern, Mumps, Röteln und in einem zweiten Schritt gegen Windpocken". Bei 300 bis 400 Neugeborenen-Impfungen im Jahr werde der Ablauf in der Praxis deutlich schwieriger. ,,Außerdem ist ja die Frage, ob nicht auch die Alternativ-Impfstoffe ganz schnell zur Mangelware werden."

BVKJ-Chef Wolfram Hartmann sieht die Politik in der Pflicht, um wieder eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen: ,,Kinder haben ein Recht auf bestmögliche Gesundheitsversorgung und dazu zählen alle wichtigen Impfungen." Das müsse die Politik sicherstellen, statt der Pharmaindustrie das Feld allein zu überlassen. Glaxo habe sich zugunsten des wirtschaftlichen Profits für die Produktion des Schweinegrippen-Impfstoffes Pandemrix entschieden und dabei wohl die Kinder vergessen, kritisiert Hartmann. Auch die SPD spricht von einem ,,unverantwortlichen Verhalten" des Herstellers.

Wohl bis mindestens Mitte Februar sind ein Sechsfach-Impfstoff für Säuglinge sowie ein Vierfach-Impfstoff gegen die Viruserkrankungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken nicht mehr lieferbar. Glaxo spricht von Engpässen bis ins zweite Quartal hinein. Kinderarzt Böhle hat allerdings ganz andere Infos: ,,Uns haben die Pharmavertreter gesagt, in den nächsten sechs Monaten wird gar nicht mehr geliefert. Und das ist für uns ein Riesenproblem."

Trotz Lieferengpässen bei verschiedenen Impfstoffen für Kinder besteht nach Einschätzung des Paul-Ehrlich- Instituts (PEI) kein Grund zur Panik. ,,Es ist bei weitem nicht so dramatisch, wie es in einigen Medienberichten geklungen hat. Es gibt sehr wohl Alternativen von einem anderen Anbieter", sagte PEI- Sprecherin Susanne Stöcker am Montag im hessischen Langen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der britische Hersteller Glaxosmithkline (GSK) hatte laut Medienberichten Engpässe unter anderem beim Vierfach-Impfstoff Priorix-Tetra und dem Sechsfach- Impfstoff Infanrix Hexa eingeräumt. Stöcker betonte, dass Sanofi Pasteur MSD Alternativen biete.

Statt des Sechsfach-Impfstoffes könne auf die Fünffach-Vakazine Pentavac von Sanofi kombiniert mit einer einzelnen Hepatitis-B- Impfung zurückgegriffen werde, sagte Stöcker. Die Fünffach-Vakazine schützt vor Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung und HIB- Infektion.

Eine Alternative für den Vierfach-Impfstoff von GSK sei der Dreifach-Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln, der durch einen Einzelwirkstoff für die Windpockenkomponente kombiniert werden - etwa Varivax von Sanofi. Bei dem Dreifach-Impfstoff kann laut PEI auf das nicht von den Liefer-Schwierigkeiten betroffene GSK-Mittel Priorix oder M-M-RVAXPRO von Sanofi zurückgegriffen werden.

Von Sanofi gebe es zwar auch einen Sechsfach-Impfstoff, für diese ruhe die Zulassung aber derzeit, sagte Stöcker. Außerdem wies die PEI-Sprecherin darauf hin, dass bei Knappheit der Sechsfach-Impfung im Zweifelsfall die Grundimmunisierung Vorrang haben sollte. ,,Wenn man sich entscheiden muss, ist es wichtiger die Kinder zu impfen, die noch keinen Impfschutz haben, als ein Kind, das die ersten beiden Impfungen schon hat." Die Auffrischung könne eher nach hinten verschoben werden, ohne dass es Probleme gebe, erläuterte Stöcker. Für die Masern-Mumps-Röteln-Windpocken-(MMRV)-Impfung kann die zweite Impfung nach einer PEI-Mitteilung später nachgeholt werden.


 
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