BENSHEIM.
Bensheimer Konvikt: Heimleiter war vorbestraft
Missbrauch: Betroffene mussten sich selbst um eine Abiturmöglichkeit und eine neue Bleibe kümmern - Proteste blieben ohne Erfolg - Heimleiter wegen pädophiler Handlungen vorbestraft
Richard Seredzun, Missbrauchsbeauftragter des Bistums Mainz, muss in diesen Tagen viel telefonieren. Seit das Bistum am Mittwoch Schüler des früheren Bensheimer Konvikts dazu aufforderte, sich zu melden, sofern sie missbraucht oder körperlich gezüchtigt wurden, steht sein Telefon fast nicht mehr still. Seredzun muss sich teilweise üble Geschichten anhören. 23 ehemalige Schüler riefen bei ihm an. Gut ein Dutzend berichtete von körperlichen Züchtigungen durch Pfarrer G., zwei von sexuellem Missbrauch durch den späteren Heimleiter T., drei Anrufer betonten, sie hätten an dem Konvikt weder das eine noch das andere erlebt. Die anderen Anrufe seien allgemeiner Art zum Thema gewesen, hieß es gestern beim Bistum. Alle konkreten Fälle seien der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Dass es zu den Missbrauchsfällen überhaupt kommen konnte, hat das Bistum wohl teilweise selbst zu verantworten. Dort war nämlich bekannt, dass der Leiter des Konvikts, der 1973 bis 1979 in Bensheim wirkte, 1974 wegen des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener vor seiner Zeit in Bensheim von einem bayerischen Gericht zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Auch mehrere Hinweise eines Mitarbeiters der Einrichtung auf sexuellen Missbrauch von Schülern an das Bistum führten nicht zu einer Ablösung des Konvikt-Leiters. 1979 wurde er, so berichten es Teilnehmer, in einer festlichen Veranstaltung mit salbungsvollen Worten für seine Verdienste um die Schule sogar noch gelobt. Ein anderer Schüler berichtete dem ECHO, Heimleiter T. habe den Konvikt revolutioniert. Die Schüler durften unter ihm bis 22 Uhr Besuch in ihren Zimmern haben. Auch Mädchenbesuche waren erlaubt. Schüler ab 18 Jahren bekamen sogar einen eigenen Schlüssel und konnten in der Einrichtung ein- und ausgehen, wie sie wollten. Einige Lieblingsschüler von T. seien gelegentlich in dessen Wohnung gewesen. Es habe sich aber ausschließlich um Oberstufenschüler des Konvikts gehandelt. Das Bistum Mainz ging zwar am Mittwoch an die Öffentlichkeit und bot den Opfern ,,angemessene Hilfe und Begleitung" an, über Details von damals schweigt sich die Kirche jedoch aus oder erklärt, vieles von den damaligen Vorgängen heute nicht mehr recherchieren zu können. ,,Die Aktenlage ist schwierig", heißt es. Viele, die damals Verantwortung trugen und zur Aufklärung beitragen könnten, sind verstorben. Darunter der ehemalige Personalchef des Bistums, Generalvikar Martin Luley. Dem ECHO liegen inzwischen die Aussagen mehrerer ehemaliger Schüler des Konvikts vor. Seltsam ist vor allem, wie schnell die Schule 1981 abgewickelt wurde. Das Bistum nennt ,,finanzielle und pädagogische Gründe". Doch warum wurde die Schule so plötzlich geschlossen, obwohl zahlreiche Schüler wenige Monate vor ihrem Abitur standen?Einer der Betroffenen berichtet, es habe heftige Proteste gegen die Schließung gegeben. Nicht nur von den Schülern, sondern auch von deren Eltern. Viele Schüler des Konvikts kamen aus weiter entfernten Regionen. Sie mussten jetzt nicht nur sehen, wo sie ihr Abitur machten, sie mussten sich auch noch für einige Monate eine neue Unterkunft suchen. Denn bisher wohnten sie im Konvikt.Die sexuellen und körperlichen Misshandlungen am Bensheimer Konvikt beschränkten sich nach Recherchen des ECHO wohl auf die siebziger Jahre. Ein ehemaliger Schüler erklärte, er habe dort in den sechziger Jahren Abitur gemacht. Aus dieser Zeit seien ihm weder Fälle körperlicher Züchtigung noch Fälle von sexuellem Missbrauch zu Ohren gekommen. Pfarrer G., dem später körperliche Misshandlung von Schülern vorgeworfen wurde, sei damals an der Schule ein geachteter Mann und eine große Autoritätsperson gewesen. In den siebziger Jahren habe er sich wohl gewandelt.Johannes Chwalek (50) ist einer der ehemaligen Schüler des Konvikts, der dort von 1970 bis 1976 unterrichtet wurde. Er lebt heute in Mainz und arbeitet als Gymnasiallehrer. Über seine Zeit am Konvikt schrieb er ein Buch. Zunächst nur, um das Lernen in solch einer Einrichtung zu beschreiben. Nachdem er sich 2007 mit einigen Ehemaligen traf und diese von körperlichem und sexuellem Missbrauch berichteten, ergänzte er sein Buch, vermied aber konkrete Schilderungen. Ein anderer ehemaliger Schüler weiß von cholerischen Wutausbrüchen von Pfarrer G., der Schülern oft ohne triftigen Grund heftig ins Gesicht geschlagen habe. ,,Der hat uns grün und blau geschlagen", sagt der Mann, der die Zeit an der kirchlichen Einrichtung bis heute nicht vergessen kann.Dass viele Missbrauchsopfer von damals erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen, führt Horst Cerny, Landesvorsitzender der Opferhilfeorganisation Weißer Ring, auf die Schamgefühle von Kindern und Jugendlichen zurück. Menschen, die als Kind sexuell missbraucht wurden, litten daran zuweilen ein ganzes Leben lang. Oft suchten sie die Schuld nicht beim Täter, sondern bei sich selbst.
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