Seit nunmehr 28 Jahren kocht Norbert Walter gegen das hartnäckige Vorurteil an, vegetarische Kost sei nur etwas für Körneresser, Gemüsefreaks, fanatische Tierliebhaber und andere Weltverbesserer. Mit seinem vegetarischen Restaurant „Radieschen“, 1983 auf der Nordseeinsel Wangerooge gegründet und seit 1996 in Darmstadt-Eberstadt beheimatet, gehört er zu den Pionieren der vegetarischen Gastronomie und beweist Tag für Tag, dass fleischlose Küche auch Feinschmecker überzeugen kann.
Auch abseits der regelmäßig wiederkehrenden Lebensmittelskandale hat das „Radieschen“ deshalb ein treues Stammpublikum, weshalb sich zumindest für einen abendlichen Besuch eine Reservierung empfiehlt.
Längst versorgt Walter mit seinem Catering-Service auch etliche Firmen, Kindergärten und private Kundschaft mit Menüs und Büfetts. Nur das Experiment, mit einer Imbiss-Filiale im Media-Markt in Weiterstadt ein ganz neues Publikum zu erobern, wurde Ende 2008 nach einem „anstrengenden und erfahrungsreichen Jahr“ beendet. Da prallten wohl zwei Welten aufeinander, die nicht zusammenpassten.
Radieschen – Vegetarisches Restaurant
Reuterallee 37
64297 Darmstadt
Telefon: 06151 943446
Geöffnet Sonntag bis Freitag 12 bis 14.30 Uhr
und von 18 bis 24 Uhr
sowie Samstag 18 bis 24 Uhr (Küche abends jeweils bis 22.30 Uhr).
Barrierefrei: ja
Raucherbereich: nein
Abwechslungsreiche und fantasievolle vegetarische Küche; aufmerksamer Service, sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Auf der Speisekarte geht es bunt durcheinander: mediterrane, orientalische, asiatische und geografisch schwer zu verortende Küche existieren nebeneinander. Reichhaltig ist das Angebot an Nudelgerichten und Desserts, auf der Getränkekarte lässt sich einiges entdecken, diverse Säfte, natürliche Limonaden, Tees und Öko-Bier zum Beispiel. Getreidebratlinge, Tofuburger und andere brachialvegetarische Gerichte fristen eher ein Nischendasein. Die meisten verwendeten Zutaten haben laut Karte ein Biosiegel, zum Süßen werden nur Honig, Rohrzucker oder Dicksäfte verwendet. Fertigprodukte, Geschmacksverstärker, Aromastoffe und ähnliches Teufelszeug sind natürlich tabu – die Küche ist entsprechend aufwendig. Unter diesen Bedingungen sind die Preise im „Radieschen“ moderat, teilweise sogar günstig. So gibt es eine Wochenkarte, die jeden Tag ein leichtes Gericht inklusive Suppe und Salat für erstaunliche 9,50 Euro bietet, und zwar auch am Abend.
Als freundliche Begrüßung kam aus der Küche an diesem Freitagabend eine kleine Portion gebratene Polenta mit einer sehr fruchtigen Salsa-Soße – ein vielversprechender Auftakt. Die Tomaten-Basilikum-Suppe (5,10 Euro) konnte mit kräftigem Aroma und hohem Fruchtfleischanteil punkten. Einen Hauch Exotik verbreitete die Orangen-Curry-Suppe (5,50 Euro): Beide Zutaten blieben deutlich erkennbar und verbanden sich zu einem überzeugenden Geschmackserlebnis. Der Sahnehaube hätte es da gar nicht mehr bedurft.
Als kalte Vorspeise wählten die Tester die Kombination „123“ – ein Auberginenröllchen gefüllt mit Schafskäse und gebratenem Rucola, zwei Möhrenröllchen gefüllt mit Gouda und drei Zucchiniröllchen mit Pesto und Mozzarella (7,90 Euro). Möhren- und Zucchinistreifen waren nur leicht angedünstet und somit sehr bissfest; die drei verschiedenen Käsesorten brachten Abwechslung zum Gaumen, die Würze steuerten ein vorzügliches hausgemachtes Pesto und ein ebenso gelungenes kanarisches Paprika-Mojo bei.
Mojo und Pesto kehren in den Pasta-Hauptgerichten wieder, zum Beispiel in den Spaghetti alla Casa mit Mojo, Schafskäse und Pesto (9,90 Euro). Diesmal angewärmt und das Mojo mit etwas Schärfe versehen, entfalteten beide Soßen ihr volles Aroma. Leider waren die dünnen Spaghetti nach dem Empfinden der Tester einen Tick zu lange im Kochtopf.
So simpel die Pasta-Variante, so aufwendig das Indische Möhrencurry mit Kokos-Feigen-Chutney und Basmati-Zwiebel-Reis (13,40 Euro). Ein ganzes Füllhorn an Gewürzen und interessanten Zutaten machen dieses Gericht zu einem kleinen Kunstwerk. Möhren, Lauch, Zwiebeln und Tomate bilden die Basis. Frischer Kardamom, mitgekochte Limettenblätter, Mohn, ein recht milder Curry und weitere, nicht identifizierte Beigaben dienen der Abrundung. Geradezu eine Offenbarung war die beigefügte Paste aus Feigen und Kokos. So spannend und köstlich kann vegetarische und in diesem Fall sogar vegane Küche sein. Ein dickes Kompliment dafür an den Koch des „Radieschens“.
Gegen diesen kulinarischen Höhepunkt hatte das Blattspinatgratin mit Kartoffeln, Schafskäse, Tomaten und Käsesoße (12,40 Euro) einen schweren Stand. Es war solide, vielleicht ein bisschen zu gehaltvoll. Aber irgendwie unvollständig. Ein feines Kalbsschnitzel hätte gut gepasst, zumindest in der Fantasie eines Nichtvegetariers.
Beim Dessert erwies sich der „Feigen-Traum“ (5,80 Euro) als sehr gute Wahl: karamellisierte Feigen, verfeinert mit Mangosauce und Mangosorbet, das sehr leckere Eis kommt aus dem Hause Demeter. Auch andere Sorten sind für 1,90 Euro je Kugel im Angebot – sehr zu empfehlen.
Enttäuschend war hingegen der „Radieschentraum“ (6,10 Euro): Das sollte ein italienisches Tiramisu „der besonderen Art“ sein. Das Besondere war, dass die alkoholische Komponente fehlte, mit welcher der Biskuit normalerweise getränkt ist, also die Seele des ganzen. Aus der Küche hieß es dazu, das entspreche dem Wunsch der meisten Gäste. Die Tester haben es bedauert. Ein Tiramisu ohne Marsala, Amaretto oder Weinbrand schmeckt nach Kindergeburtstag. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

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