In der Gastronomie ist nichts so beständig wie der Wandel. Wirte kommen, Wirte gehen, und wer es schafft, sich über Jahre zu behaupten, tut gut daran, den Ehrgeiz auf die Abwechslung seines Angebots zu richten. Deshalb geht dem „Dippegucker“ der Stoff nicht aus - auch im zu Ende gehenden Jahr fanden die Autoren dieser Rubrik viele kulinarische Überraschungen, einige von ihnen auch durch Tipps unserer Leserinnen und Leser, für die wir immer wieder dankbar sind. Zu den Geboten von kritischer Distanz und Fairness gehört es, dass die Autoren über ihre Lieblingslokale lieber einen Kollegen schreiben lassen. Weil sie aber oft nach ganz persönlichen Empfehlungen gefragt werden, geben sie in der heutigen Folge der Rubrik ihre privaten Favoriten preis - mit dem nicht ganz überraschenden Ergebnis, dass die italienische Küche in den Vorlieben einen Spitzenplatz einnimmt. Die genannten Gastronomen stehen stellvertretend für viele Kollegen: Die Liste der privaten Empfehlungen, da waren sich alle Autoren einig, könnte noch viel länger sein.
Bettina Pfeffermann (bet): Mediterranes Lebensgefühl, wenigstens beim Essen, das vermittelt ein Kurzausflug ins ruhig gelegene Darmstädter Ristorante „Vivarium“ (Telefon 06151 47651). Als Vorspeise lockt das beste Carpaccio der Stadt oder eine fruchtige Tomatencremesuppe. Bei den Hauptspeisen fällt die Wahl je nach Saison auf frischen Fisch oder Nudeln - mal mit Spargel, mal mit Pilzen. Aber auch die Pizza ist eine gute Wahl. Und als Dessert unübertroffen sind Erdbeeren unter einer wunderbar fluffigen Zabaglione. Der Service ist dabei immer freundlich und harrt ohne zu murren aus, bis sich auch die letzte Runde am späten Abend auflöst.
Alexandra Welsch (lex): Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Da tingelt man immer wieder von Darmstadts Martinsviertel nach Frankfurt-Sachsenhausen, um in einem urwüchsigen Apfelweinlokal Selbstgekelterten und gut bürgerliche Küche zu genießen - und Jahre später erst tut sich einem zuhause um die Ecke diese Perle auf: Handfeste, aber nicht zu schwere Speisen, darunter jede Menge hessische Spezialitäten, und dazu leckerer Apfelsaft und -wein aus der eigenen Produktion von Michael Stein, der das holzvertäfelte Darmstädter Lokal in fünfter Generation führt. Er tut es mit einer Freundlichkeit, die viel Erdung hat - und so ist auch der ganze „Bayrische Hof“ (Telefon 06151 24550). Außer samstags, da hat er blöderweise zu.
Annette Krämer-Alig (aka): Italien mitten im wenig charmanten Industriegebiet der Weiterstädter Riedbahn? Das „Napoli“ (Telefon 06151 897662) ist eine Pizzeria, für die die Familie sich schnell entscheidet, wenn abends die Frage aufkommt: „Gehen wir noch was essen?“ Dort klingt beispielsweise freitags die Arbeitswoche wohlschmeckend aus. Mit dem Blick auf die hohen Kräne, die nebenan auf ihren Einsatz warten, versöhnen leckere Antipasti genauso wie Pizzen, deren Boden millimetergenau so dünn ist, wie er sein soll, oder Nudelgerichte, die al dente sind und mit ihren Soßen dazu verführen, viel zu viel zu essen. Auch die Fleischkarte hat italienischen Anspruch, und die anspruchsvollen Tagesgerichte, die jeweils perfekt zur Jahreszeit passen, machen immer wieder neugierig.
Jörg-Dieter Häußer (jdh): Meine persönliche Empfehlung gilt dem „Ambiente Italiano“ mit seinen Chefs Riccardo Re und Pedro Fernandes in dem Rüsselsheimer Stadtteil Bauschheim (Telefon 06142 1617192). Hier verbinden sich Herzlichkeit und Aufmerksamkeit des Services, exzellente italienische Küche mit erfreulich häufig wechselnden Angeboten, Eleganz und Ungezwungenheit so harmonisch, wie man es selten erlebt. Und das zu Preisen, die man getrost als angemessen einstufen kann. Das Vier-Gänge-Menü an den Weihnachtstagen bot Wildbrokkolicremesuppe mit Ravioli, Wachteleier und schwarzen Trüffel, Black-Tiger Garnelen und Jakobsmuscheln mit Fenchelsalat und Entenschinken, hausgemachte Ravioli, Skrei-Filet oder Kalbsbäckchen als Hauptgericht. Da konnte es nicht ausbleiben, dass in diesem Jahr gleich zwei Gastronomiepreise nach Bauschheim vergeben wurden: jeweils 1. Platz für „Exklusive italienische Küche“ und „Mediterrane Küche“. Und ein Zwei-Bestecke-Tipp im „Michelin“.Ab März 2011 können wir auch in Kelsterbach genussvoll speisen. Dort eröffnet das Ambiente-Team in der „Alten Oberförsterei“ ein Gourmet-Restaurant und eine traditionelle Trattoria. Der Bauschheimer Pachtvertrag läuft noch zwei Jahre.
Michael Horn (ho) liebt ebenfalls die italienische Küche. Wenn's mal mehr sein soll als Pizza oder Pasta, sind die Opelvillen in Rüsselsheim eine gute Adresse. Dort lässt sich ein Besuch der fast immer sehenswerten Ausstellungen mit kulinarischem Genuss verbinden, der im Restaurant „La Villa“ (Telefon 06142 2100955) nicht ganz billig, aber in jedem Fall preiswert ist. Und wenn man im Sommer seinen Espresso auf der Terrasse mit Blick auf den Main nimmt, könnte man fast vergessen, dass man mitten im Rhein-Main-Gebiet ist. Der rege Flugverkehr sorgt dafür, dass das nicht geschieht.
Wolfgang Weissgerber (wow): Eineinhalb Autostunden von Darmstadt entfernt liegt mein Paradies: Wissembourg. In dem kleinen elsässischen Städtchen gehe ich immer wieder gern ins „Carrousel bleu“ (Telefon 0033 388 543310). Annabelle und Michael Heid haben an der Hauptstraße im historischen Ortskern vor sieben Jahren eine Weinstube übernommen und zu einem wahren Kleinod entwickelt. Madame Heid serviert flink und freundlich, allenfalls von einem jungen Mädchen unterstützt, und berät fachkundig beim Wein. Monsieur Heid kocht, auch ihm assistiert allenfalls gelegentlich eine Spülhilfe. Der Gast zahlt somit nur, was er isst und trinkt, nicht für ein Bataillon blasierter Kellner. Von Elsässer Sauerkrautseligkeit ist „Le Carrousel bleu“ Lichtjahre entfernt. Michael Heid praktiziert leichte, saisonale französische Küche, mit mediterranem und gelegentlich asiatischem Einschlag. Wir erinnern uns an einen kongenialen Pot-au-feu von der Gänsestopfleber mit Sternanis, serviert im Pergamentpapiersäckchen: eine unbeschreibliche Duftexplosion, wenn es geöffnet wird. Ein Muss, wenn es endlich wieder auf der Karte steht, ist auch die „Pluma“: ein mit Sardellen gespickter Schulterbraten vom iberischen Pata-Negra-Schwein. Das Dreigangmenü kostet 30 Euro, für fünf Gänge sind 50 fällig. Mittags gibt es auch ein Tagesgericht für sensationelle acht Euro. Offene Weine kosten vier bis sieben Euro pro Glas, Flaschen gibt es schon unter 20 Euro.
Johannes Breckner (job): Natürlich gilt das „Cortina“ in Pfungstadt (Telefon 06157 2348) als italienisches Restaurant, und es gibt die üblichen Italo-Klassiker in zuverlässiger Qualität. Aber im Grunde wird hier auf handwerklich hohem Niveau jene Küche gepflegt, die man einmal gutbürgerlich nannte. Carlo Lamp, seit vierzig Jahren Küchenchef des Hauses, ist nicht für Firlefanz auf dem Teller zu haben. Seine nicht unbedingt mediterrane, sondern norditalienisch geprägte Küche ist dennoch abwechslungs- und einfallsreich. Wer Glück hat, kommt an jenen Tagen, an denen er seinen Rindfleischsalat mit grünen Bohnen und roten Zwiebeln angerichtet oder eine Graupensuppe gekocht hat. Auch das Kaninchen mit Polenta kann ein ein solcher Glücksgriff sein oder die klare Suppe, in der die Edelfischstücke gerade eben gargezogen sind. In größeren Städten zöge eine solche Spitzenleistung ein piekfeines Ambiente mit entsprechenden Preisen nach sich. In Pfungstadt aber gelingt Ugo Corte, der das sympathische Lokal in zweiter Generation führt, eine gepflegte, gleichwohl bodenständige und familiäre Atmosphäre, in der sich Honoratioren-Stammtische, Familien und Geschäftsreisende wohlfühlen können.
Jens Kleindienst (kl): Guten Kaffee und leckeren hausgemachten Kuchen gibt es auch andernorts, doch kein Café in Darmstadt hat Atmosphäre wie das „Schwarz-Weiß“. Es liegt am Rande des Herrngartens und heißt eigentlich Schlossgartencafé (Telefon 06151 79417). Der Charme dieses Orts erschließt sich nicht auf den ersten Blick und auch nicht jedem Zeitgenossen, dafür sorgen einige ungeschriebene Regeln. Bestellt und bezahlt wird an der Theke; und ein Tisch gehört dem Gast niemals allein. Gespräche mit wildfremden Menschen sind deshalb üblich. Und keinesfalls lästig, denn irgendwie sitzen im „Schwarz-Weiß“ immer interessante und nette Leute: Studenten, ehemalige Studenten, Familien mit kleinen Kindern, Bohemiens, falls es so etwas in Darmstadt gibt. Bei aller Geschäftigkeit ist das „Schwarz-Weiß“ kein lautes Café. Wer seine Zeitung oder ein Buch auspackt oder sich eines der zahlreichen aushängenden Druckprodukte greift, wird in Ruhe gelassen und kann vor allem nachmittags die Welt um sich herum vergessen. Mittags ist das schwieriger, dann kommt das halbe Martinsviertel zum Essen. Denn in diesem Lokal wird eine ganz vorzügliche, gemüsig-leichte Küche gepflegt, und zwar zu sehr zivilen Preisen. So ist das „Schwarz-Weiß“, das von Kiki Holletschek und Sabine Romeiss lässig-souverän geführt wird, mehr als ein Café. Es ist ein Stück Heimat.
Berit Paflik (bp): Es gibt sie, solche Tage - Stress, Hektik, nichts läuft wie vorgesehen. Was fehlt, ist einfach irgendwas Verlässliches. Oft sind es diese Abende, die dann im Darmstädter „Wilhelminenhof“ (Telefon 06151 23635) ausklingen. Denn da ist sie, die sichere Bank. Und das schon seit Jahren. Hervorragende Qualität, aufmerksamer Service, bereits bei der Begrüßung ist klar: Heute Abend geht nichts mehr schief. Die Spaghetti aus dem Parmesanreifen werden genau al dente sein, nicht zu ölig, nicht zu trocken. Das Ucceletto Taormina wird ein zartes Stück Kalb sein, fein geschnetzelt, in sämiger, würziger Soße. Und die Kellner werden uns das Gefühl geben, dass sie gerade auf uns gewartet haben. Aber bei aller Konstanz: Der erste neugierige Blick wird der zusätzlichen Wochenkarte gelten, auf der sich von Wildschein bis Gans saisonale Highlights finden. Und wenn dann bei einem Glas Chianti direkt am Tisch eine frische Crêpe Suzette mit einer bemerkenswert fruchtigen Orangensoße in der Pfanne zubereitet wird, ist er gerettet, der Tag, bei dem nichts lief wie vorgesehen.
Christian Knatz (cris): Viele Gäste sind wie der braune Cordsamt-Bezug der Sofas im „Jardin“: etwas abgewetzt, in die Jahre gekommen, aber im Grunde noch genauso wie vor 20 oder 30 Jahren. Die Bensheimer Kneipe am Ritterplatz (offiziell bezeichnet als „Café und Bar“) wird wie eh und je auch von Schülern besucht, doch für die Älteren ist es ein Sehnsuchtsort. „Was bin ich?“ läuft nicht mehr im Fernsehen, die Welt wird global, doch hier hat sich so gut wie nichts verändert. Tiffany-Lämpchen werfen ihr mattes Licht auf die runden Lautsprecherboxen, die bestimmt einmal modern waren; die Decke zeugt von den unzähligen Kippen, die hier in Rauch aufgegangen sind; am Tresen warten Pernod und Ramazotti auf die Spätschicht der Gäste. Eine Website hat so eine Zeitmaschine natürlich nicht. Essen kann man hier, ein paar Erdnüsse reichen im Grunde. Und etwas trinken wird sowieso jeder, der nicht will, dass alles immerzu anders wird.

Merken
|










