Drinnen ist Urlaub. Draußen ist jener Teil Darmstadts, den man auswärtigen Besuchern nur ungern vorführt - die laute Kasinostraße, Wegscheide zwischen dem schönen Johannesviertel und den Gewerbegebieten der Weststadt. Die Gaststätte ,,Kasino-Eck", jahrzehntelang eine schlichte Bierschwemme, die der auswärtige Gast eigentlich nur im Notfall (Wolkenbruch oder ähnliches) betrat, beherbergt seit ein paar Monaten ein nettes spanisches Fischrestaurant mit der eigenwilligen Schreibweise ,,Espaniola".
Betrieben wird es vom Inhaber des gleichnamigen Fischgeschäfts im multikulturellen Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite ein Stück weiter. Das von außen unscheinbare Lokal an der Ecke Landwehrstraße bietet, was man von zahllosen Kneipen an der Küste von Port Bou bis Huelva kennt: Gambas, Muscheln und Calamares sowie vielfältigsten Fisch, absolut frisch und ohne übertriebene Raffinesse gebraten oder gegrillt, dazu billigen Wein. Nur auf Sonne muss man in dem dunkel möblierten Raum verzichten. Erfreulicherweise ist die Gaststube, mit halbhoch holzgetäfelten, darüber in fahlem Orange gestrichenen Wänden, auch frei von jeglichem mediterranen Kitsch. Der einzige Wandschmuck sind zwei große, geheimnisvoll von hinten beleuchtete Fotos: das Kasino-Eck einst und jetzt. Der große Flachfernseher, ein Muss in vielen Lokalen rund ums Mittelmeer, fehlt zwar nicht, war bei unserem Besuch aber zum Glück außer Betrieb. Dafür troff unablässig Latino-Musik aus Lautsprechern.In geselliger Runde empfiehlt sich ein gemeinsamer Streifzug durch allerlei Vorspeisen, die man sich teilt. Auf kleinen, fischförmigen Platten werden Leckereien serviert, bei denen es keine große Ansprüche an Zubereitung oder Arrangement gibt - es geht allein um das Produkt. Fischbrut zum Beispiel, die hier als ,,Boquerones fritos" oder ,,fritierte Sardellen ohne Gräten" firmiert (5,50 Euro). Die Gräten und alles andere, das man eigentlich nicht essen mag, sind natürlich noch drin, doch bei den kaum kleinfingerlangen Fischlein macht das gar nichts. Mit Zitronensaft und eiskaltem Weißwein sind sie ruckzuck verputzt. Nach Urlaub schmecken auch der kleingeschnittene gegrillte Tintenfisch in einem Sud aus Wein, Öl und Knoblauch sowie die Stockfischkroketten, während die Muslitos, Krebsfleischkroketten, sich für den Geschmack der Dippegucker als eine geschmacksneutrale fahlweiße Masse in dicker, korallenroter Panade erweisen (je fünf Euro). Beim nächsten Mal werden wir stattdessen Austern probieren, die mit zwei Euro pro Stück notieren. Unbedingt zu empfehlen ist auch die safrangelbe, sämige Fischsuppe mit Miesmuschel und Gamba (vier Euro). Eine kleine Tortilla (2,50 Euro) mit festen Kartoffelstückchen und leichter Olivenölnote setzt einen schönen Kontrapunkt zu dem Meeresgetier. Das steht auch beim Hauptgang im Vordergrund - auf Pizza und Pasta, Schnitzel und Rumpsteaks, die es hier ebenfalls gibt, verzichten wir bei dieser maritimen Fülle gern. Die große Fischplatte für zwei Personen markiert mit 32 Euro die preisliche Spitze. Die geschmackliche leider nicht, da haben uns die Einzelgerichte mehr überzeugt. Wenn Thunfisch, Schattenfisch, Lachs und Schwertfisch mit Seeteufel durcheinander gebraten werden, gerät das das eine oder andere Stück schnell zu trocken. Pangasius, der vietnamesische Mekong-Wels, wirkt in dieser Kombination ohnehin deplatziert. Fest und zart ist das Lachsfilet, gefühlte 300 Gramm am Stück, mit einer senfgelben Dillsauce und knusprigen Pommes frites (9,50 Euro). Der kleine Salat dazu, der auch die anderen Speisen begleitet, ist knackig und frisch, die Vinaigrette allerdings etwas süßlich. Eine solide Sache sind die Calamares fritos, neben dem beinahe schnittfest steifen Ailoli wäre ein zweiter Dip allerdings nicht schlecht. Eine hübsche Zusammenstellung schließlich sind die ,,Pinchos Espaniola" (17,50 Euro), drei kross gebratene Seeteufelkoteletts mit körnigem Krabbenreis und einer für den heimischen Herd nachahmenswerten Zugabe: Fünf Jakobsmuscheln werden auf einen Rosmarinzweig gespießt und gebraten, das intensive Kräuteraroma durchzieht ihr Fleisch intensiv.Desserts werden auf der Karte gar nicht erst erwähnt, auf Nachfrage gibt es Eis. Eng ist leider auch das Weinangebot, doch beim Preis von 12,90 Euro für eine Flasche frischen Sauvignon blanc von Monte Alina (aus der nordwestspanischen Region Rueda) verstummt jegliche Kritik. Auch der vollmundige Verdejo vom selben Erzeuger passt wunderbar zu den einfachen Köstlichkeiten aus dem Meer. Vorweg schmeckt ein kräftiger Cava von Savia Viva aus dem Penedes für sehr moderate 2,80 Euro, und beim Preis von 2,50 Euro für den Carlos I. hinterher, einen spanischen Brandy der gehobenen Mittelklasse, gibt's ebenfalls nichts zu meckern.
Restaurant Espaniola
Kasinostraße 61
64293 Darmstadt
Telefon: 06151 1016797
Geöffnet von 17 bis 23 Uhr,
freitags und samstags bis 1 Uhr.
Montag Ruhetag.
Raucherbereich: nein
Barrierefreier Zugang: nein
Nur Barzahlung möglich.
Nettes, kleines Fischlokal mit spanischer und internationaler Küche. Freundlicher Service, ungezwungene Atmosphäre, äußerst zivile Preise.
Internet: www.espaniola.de

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