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Dunkler Klinker setzt den optischen Akzent am Fuß der Mathildenhöhe, hinter der Fassade sorgt Familie De Lauso wieder für Gastlichkeit. Foto: Günther Jockel
Es gibt diese Sorte Gastwirte, die in Darmstadt einfach dazugehören - so wie Michele De Lauso und seine Frau Maria. Als das Paar vor über 30 Jahren in Ernst Neuferts Meisterbau an der Pützerstraße seinen mittlerweile legendären »Glasschrank« eröffnete, wurden sie in kürzester Zeit zur Institution. Sie blieben es, als sie vor gut zehn Jahren ins »Alte Schalthaus« der Heag am Dornheimer Weg zogen. Und jetzt, nach Umbau und Totalsanierung des als »Ledigenwohnheim« errichteten und als »Bullenburg« bespöttelten Klinkerkomplexes am Fuß der Mathildenhöhe, sind sie zur großen Freude vieler Darmstädter wieder an den Ort des Ursprungs zurückgekehrt.
Dort wuseln sie um ihre Gäste herum, als wäre es nie anders gewesen. Mit unerschütterlicher Ruhe und Freundlichkeit werden Plätze angewiesen, Wünsche erfragt und Stühle zurechtgerückt, Bestellungen entgegengenommen und aufgetischt. Pannen werden mit Grandezza überspielt oder einfach weggelächelt, so dass jeder Gedanke an eine Beschwerde schon im Keim erstickt. Da muss man sich einfach wohlfühlen.
Soll man sich ärgern, weil der große Raum mit halbhohen Trennwänden in derart enge Nischen aufgeteilt ist, dass die großen weißen Teller von den Gästen zu den hinteren Plätzen durchgereicht werden müssen? Müssen wir dem plüschigen alten Glasschrank nachtrauern, wo man den Gast am andern Ende des Raums nicht hören, dafür aber das eigene Gegenüber gut verstehen konnte? Bei den De Lausos ist Famiglia, da wird nicht gemeckert. Da geht der Darmstädter hin, wenn es etwas Besonderes sein darf. Also muss das wohl so sein.
Ist ja auch okay. Schreiten wir also die breite Treppe empor auf die Terrasse, wo man im Sommer sehr schön draußen sitzen können müsste, und lenken unsere Schritte in das holzgetäfelte Foyer. Dort geht es zu den edlen Toiletten, dort stehen auch große Aschenbecher, was einem Nichtraucher das Betreten des Restaurants womöglich verleiden kann. Über ein paar weitere Stufen erreichen wir die Gaststube, in der etwa 60 bis 80 Gäste Platz finden. Auch hier wieder dunkle Hölzer, allerlei Spiegel und cremefarbene Wände und teuer aussehende Lampen, die sich zwischen Jugendstil und Art Déco nicht so recht entscheiden können. Man geleitet uns zum weiß eingedeckten Tisch.
Im Vorbeigehen können wir einen flüchtigen Blick auf die Vitrine werfen: die unvermeidlichen Antipasti. Auf der umfangreichen Karte steht alles, was man bei einem ordentlichen Italiener erwarten kann, vom Parmaschinken mit Melone über Pizza und Pasta bis zur Saltimbocca und den Garnelen mit Knoblauch. Daneben gibt es die Tageskarte, aus der wir uns bei unserem Besuch nahezu ausschließlich bedienten.
Ein Beispiel: Austern kriegt man in Darmstadt nicht alle Tage geboten, schon gar nicht zum Preis von 1,80 Euro für eine topfrische Fine claire: Dafür muss man sonst schon ins Elsass fahren. Dort gibt es allerdings auch Brot und Butter dazu. Oder warmer Oktopus auf Spinat (13 Euro): Feine Scheiben vom Tentakel, nicht ölig oder gegrillt, sondern sanft gedünstet, bilden mit zarten, frischgrünen Blättern eine überraschend harmonische Einheit, die der kleinen Rauten von rotem und grünem Paprika gar nicht mehr bedurft hätte.
Den strammen Preis von 9,50 Euro für den Klassiker »Caprese« rechtfertigt die Verwendung von echtem, wirklich nach feuchter Wiese schmeckenden Büffel-Mozzarella. Taglioline, schmale Bandnudeln mit Trüffelöl (13,50 Euro), verströmen einen betörenden Duft und hinterlassen einen unverwechselbar würzigen Geschmack auf der Zunge. Weniger überzeugend fanden wir die mehrfach auftauchende Beilage »Apennin-Kartoffeln«, einen eher neutralen Klecks Kartoffelbrei mit grünen Einsprengseln. Die Alternative, dezent gebratene Polentaschnitten, erscheint als die bessere Wahl, auch wenn sie krosser sein dürften. Störend sind sinnfreie Tellerdekorationen wie Kiwischeiben und Johannisbeer-Rispen. Auf einem Extra-Tellerchen werden die Gemüsebeilagen gereicht; den sehr knackigen, leuchtend grünen Bohnen hätte ein wenig mehr Salz gut getan.
»Alla Pizzaiola« - nach Art des Pizzabäckers - so werden meist Kalbsschnitzel serviert. Auch zum Seeteufel (20 Euro), in einer Art Bierteig gebraten, passt die modern und leicht interpretierte Tomatensoße bestens. Sorgfältig gebraten, am Knochen durch und in der Mitte rosa und saftig, geriet das Kalbskotelett, bei dem man mit Salbeibutter nie etwas verkehrt macht. Die äußerst zart geschmorte Kaninchenkeule wurde von einer würzigen Soße begleitet - schade, dass sie für den Geschmack der Dippegucker im Übermaß angedickt war. Auch das Wildschweingulasch mit Preiselbeeren ist ein dunkle und würzige, fast schon weihnachtlich anmutende Sache.
Unter den Desserts sind entscheidungsschwache Gäste mit der Vierer-Kombi (7,50 Euro) aus Tiramisu, Panna cotta, Profiterol und einem Bällchen Erdbeereis bestens bedient. Alles gibt es auch einzeln. Die kleine Portion Tiramisu für vier Euro reicht völlig. All diese Klassiker sind präzise zubereitet, das Tiramisu erfreulich luftig. Käse wird leider ohne jede Erläuterung und zu kalt aufgetragen; wir erinnern uns an vier kräftige Kuh-Rohmilchkäse.
Gewaltig ist die Weinauswahl, in der man so ziemlich alles findet, vorausgesetzt, es kommt aus Italien. Mit 15 Euro für eine Flasche Verdicchio geht es los, das Ende ist dreistellig; zwischen 30 und 70 Euro stößt der Gast auf eine breite Mittelklasse. Wir haben uns an einem kraftvollen Weißburgunder (Pinot bianco) aus dem Südtiroler Weindorf Tramin für 16 Euro erfreut, der auch offen für 4,30 Euro pro Glas angeboten wird. Sehr fair kalkuliert fanden wir zudem den frischen, schlanken Rosato vom Gardasee des zuverlässigen Großerzeugers Zenato für 18 Euro. Für eine Flasche Markenwasser sind wir schon gnadenlos geschröpft worden, weshalb wir vier Euro überaus sympathisch finden.
Visitenkarte
Restaurant Glasschrank
Pützerstraße 6
64287 Darmstadt
Telefon: 06151 41471
Geöffnet täglich von 11.30 bis 15
und 18 bis 24 Uhr.
Samstag Ruhetag.
Barrierefreier Zugang über separaten Aufzug,
Raucherbereich: nein
Unter Darmstadts Italienern einer der besseren und teureren. Traditionelle Gerichte werden auf moderne und leichte Art zubereitet. Die freundschaftliche Atmosphäre versöhnt mit kleinen Schwächen.
Internet:
www.restaurant-glasschrank.de
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