Falls erforderlich, können die Dippegucker ausgiebig die Kreationen von Spitzenköchen referieren, über die Textur ihrer Gerichte philosophieren und den Akkorden nachspüren, die deren Aromen auf der Zunge erzeugen. Ob die Weine die Speisen angemessen begleiten – auch das gehört zum Repertoire. Doch die teure Gourmetküche ist im Alltag der Restauranttester ebenso die Ausnahme wie bei unseren Leserinnen und Lesern. Den bestimmt die Kneipe um die Ecke oder draußen im Grünen, wo man ein paar nette Stunden erleben und vernünftig essen kann, ohne sein Konto zu überziehen.
Darum heute also das „Castella“ in Pfungstadt, von dem wir – ganz ehrlich – zuvor noch nie gehört hatten. Warum ein griechisches Lokal diesen Namen trägt, ist uns unerklärlich. In Frankreich, Italien und Portugal gibt es je ein Kaff dieses Namens, außerdem heißen so ein japanischer Keks, ein Internetshop für Tierfutter und ein Hotel an der Costa Brava. Äußere Bestandsaufnahme: ein schlichtes Gebäude in einer ruhigen Straße im Westen Pfungstadts. Innen erwartet uns die vertraute Atmosphäre von Lokalen, die auch Delphi oder Mykonos heißen. Bouzouki-Musik. Drei in einander übergehende, in Apricot gestrichene Räume mit Wanddurchbrüchen, Säulen, Muscheln und Netzen. Doch die Dekoration ist so dezent, dass nur das monumentale Tempelbild weichen müsste, wenn eine Bodega oder eine Trattoria einziehen sollte.
Auch die Speisekarte bietet das gewohnte Bild von Gyros und Souvlaki sowie allerlei Teller mit Namen aus Mythologie und Geografie. Um Missverständnissen vorzubeugen, sind die Gerichte durchnummeriert wie beim Chinesen. Immerhin gibt’s es auch eine kleine Tafel, auf der mit Kreide die Tagesangebote notiert sind. Die Weine heißen Athos Weiß, Athos Rot oder Retsina etc. Kaum hat der Gast Platz genommen, sieht er sich auch schon mit einem eiskalten Ouzo konfrontiert. „Geht aufs Haus“, strahlt der freundliche Wirt, der genauso aussieht, wie griechische Gastwirte auszusehen haben. Und zum Abschluss serviert er noch – ebenfalls „aufs Haus“ – einen kleinen roten Cocktail, ohne Alkohol, aber mit Sahnehaube. Das Rezept ist „geheim“, beim Bezahlen wird dann wenigstens der Hauptbestandteil verraten: Grenadine.
Restaurant Castella
Ludwig-Clemenz-Straße 40
64319 Pfungstadt
Telefon: 06157 9863160
Geöffnet täglich ab 17 Uhr, am Sonntag nur mittags
Barrierefrei: ja
Raucherbereich: nein
Einfacher Grieche mit kleinen Preisen.
Das original Griechische an der Küche wird, wie in der Poseidon-Klasse üblich, auf die vermutete Erwartungshaltung mitteleuropäischer Durchschnittsgaumen heruntergebrochen. Das ist vorteilhaft, wenn beispielsweise die überbackene Aubergine mit Schafskäse und Tomatensoße (4,90 Euro) ofenheiß serviert wird und nicht lauwarm wie am Peleponnes. Original griechisches Olivenöl wäre uns am Beilagensalat hingegen lieber gewesen als die dem Standard gutbürgerlicher Ausflugslokale entlehnte Sahnesoße. Gegrillte Toast-Scheiben empfinden wir als sehr eigenwilligen Ersatz für frisches Weißbrot.
Die gemischte kalt-warme Vorspeisenplatte für eine Person (acht Euro) reicht zum Picken vorneweg auch locker für zwei oder drei. Sie enthält die üblichen Bestandteile – rosa Fischrogencreme, Auberginenpaste mit kräftiger Rauchnote, dezentes Tzatziki und so weiter. Delikat ist der mit Peperoni angemachte Schafskäse Chtipiti, (3,80 Euro), einem bayerischen Obatzda nicht unähnlich. Gelungen ist der gegrillte Oktopus (8,40 Euro), der an anderen Orten leicht die Konsistenz von Radiergummi annimmt, hier aber die goldene Mitte zwischen fest und zart trifft. Das Begleitgrün dieser Vorspeise ist dann auch von richtigem Öl benetzt. Als Bifteki (9,90 Euro) wird ein eher blasses Hackfleischbrötchen mit braunen Grillstreifen gereicht. Einen Souvlaki-Spieß und Gyrosgeschnetzeltes finden wir auf dem Nikoleta-Teller (11,20 Euro) vor. Alles ist ordentlich gebraten, nicht übermäßig gewürzt und wahlweise mit Pommes-frites, Reis oder Nudeln zu haben. Zur Dorade aus dem Tagesangebot gibt es gekochte Kartoffeln, denen weder Butter oder Öl noch irgendetwas sonst ihr Aroma übertragen. Der Fisch ist ohne viel Federlesens gebraten, war weder zu kurz noch zu lang in der Pfanne und wird freundlicherweise aufgeklappt, aber noch an der Gräte serviert.
So vielfältig die Karte auch ist, für hinterher gibt es lediglich Eisvarianten oder Joghurt. Wohnten wir in der Nähe, so hätten wir gegen einen gelegentlichen Besuch im „Castella“ wenig einzuwenden. Aber von außerhalb extra herkommen, um diesem Griechen den Vorzug vor demjenigen um die eigene Ecke vorzuziehen – das eher nicht.

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