Wer sich von Sonnenstrahlen wärmen lassen will, muss seinen Platz geschickt wählen. So dicht stehen die Bäume auf der Darmstädter Schlossbastion, dass ihr Laub überreich Schatten spendet. Das kann an sehr heißen Tagen von Vorteil sein, aber auch Schutz vor leichteren Regenspritzern bieten. Beides konnte man erleben in diesem Sommer, über den viel gejammert worden ist, der aber immer wieder Gelegenheiten bietet, im schönsten Wirtshaus einzukehren, das die Natur geschaffen hat: unter freiem Himmel.
In der Mitte dieses Darmstädter Parks finden Spaziergänger seit Jahren ein Café, das eine schwierige Geschichte hinter sich hat. Die Lage ist grandios, was viele Gäste dem Angebot und der Leistung nicht immer bescheinigen mochten. Das 2003 eröffnete Café „wurde nie so geführt, wie wir uns das gewünscht hätten“, sagt der ehemalige Verpächter François Fritz, der den Neuanfang nun selbst in die Hand nimmt. Ein Kulturprogramm soll für Leben sorgen, die „Chillout-Area für die ganze Familie“ hat an einer Seite einen großen Spielplatz, gerahmt von Strandkörben, Hollywoodschaukeln und den flachen Sofas aus Kunststoffgeflecht, wie sie zwischen Tallinn und Kronstadt für Lounge-Atmosphäre sorgen sollen. Auch im Herrngartencafé sind die Preise günstig, 0,4 Liter Bier kosten ebenfalls 2,50 Euro, warum es im Herzen von Darmstadt das gewiss wohlschmeckende Erzeugnis aus Bitburg in der Eifel sein muss, können wohl Lieferverträge erklären. Traditionelle Biergarten-Imbisse (Schnitzel, Leberkäse mit Spiegelei, Ofenkartoffel mit Kräuterquark) werden durch wechselnde Tagesangebote ergänzt. Wer Neugier und ein wenig Mut mitbringt, kann die Wurst „Egetürk“ probieren, die für 4,50 Euro mit Rühr- oder Spiegelei und leider ganz ohne Brot serviert wird. Zwei dicke Wurststücke sind gitterförmig eingeritzt, was ein hübsches Muster ergibt; gewöhnungsbedürftig ist freilich zum einen der von Kreuzkümmel dominierte Geschmack, ebenso die sehr kompakte Konsistenz, die durch das Braten entsteht. Das muss man mögen.
Erkennbar hausgemacht ist hingegen das Essen, das im „Café Eulenpick“ serviert wird, und wenn Fertigware hinzugekauft wird wie bei den Frühlingsrollen, steht es auch dabei. Als Tagesangebot gab es bei unserem Besuch einen ausgezeichneten, mit gekochtem Ei und Fleischwurstwürfeln verfeinerten Kartoffelsalat, dazu zwei lockere, kräftig gewürzte Frikadellen – eine Mahlzeit, die ihre 5,90 Euro wert ist. Die meisten Gerichte kosten weniger, eine Bratwurst mit Senf und Brot ist für drei Euro zu haben, Darmstädter Pils oder Helles von Grohe sehen mit 2,60 Euro je 0,4 Liter auf der Rechnung. Das Angebot und der überaus freundliche Umgangston werden noch übertroffen vom Reiz des Ortes: Im Eingangsbereich des Darmstädter Vivariums.
Gelegentlich ruft ein Tier in der Ferne, zwischen den Tischen spazieren zutrauliche Hühner und lassen sich von Kindern mit Pommes füttern, und die lebhafte, gleichwohl entspannte Atmosphäre lehrt den Ausflügler, das innere Tempo zu drosseln, als liefere die Vergangenheit dieses Ortes ein heimliches Vorbild: Wo heute der Biergarten ist, war früher ein Schildkrötengehege.
Schlossgarten Darmstadt,
auf der Schlossbastion,
geöffnet täglich von 11 bis 24 Uhr.
Herrngartencafé
geöffnet Montag bis Freitag ab 12 Uhr,
Samstag und Sonntag ab 10 Uhr,
bei Regen, Schnee oder Eis ab 17 Uhr.
Café Eulenpick
im Vivarium Darmstadt,
geöffnet täglich von 9 bis 18 Uhr.
Herrngartencafé und Eulenpick sind barrierefrei,
der Schlossgarten nicht.

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