Wir müssen reden. Der Chef setzt sich zum Meeting an den Tisch und erklärt die Situation. Grüner Spargel, wie auf der Speisekarte verheißen, sei im Moment nicht verfügbar. Aber es gebe eine Lösung: Zuckerschoten. Schnell ist sich die kleine Versammlung einig, und - tatsächlich - das Ergebnis der Besprechung kann sich sehen und schmecken lassen.
Wunderbar harmoniert die mit pfeffriger Note zubereitete Perlhuhnbrust mit der dezenten Süße der Schoten; eine Morchelrahmsoße bereichert das 22 Euro kostende Gericht um milde Würze, die Kartoffelnocken um Knusprigkeit. Natürlich muss im »Schwanen« nicht jedesmal das Gespräch vor dem Genuss stehen; ein Hort der Umstandskrämerei ist das Feinschmeckerlokal mitten in Lorsch schon gar nicht. Mehr als Salz, Pfeffer und Butter braucht die Küche zum Beispiel nicht, um aus frischen Steinpilzen und einer Krausen Glucke eine köstliche, mit Nudeln gereichte Vorspeise zu machen (12,50 Euro). Dass Heinz Metz, seit eh und je Chef des Hauses, mit den Pilzen vor ihrer Zubereitung abermals an den Tisch kommt, ist ein sympathischer wie geschickter Zug: Zum Vertrauen kommt augenblicklich der Appetit.
Der rege Kontakt zum Gast hat auch damit zu tun, dass die Speisekarte des »Schwanen« nur die halbe Wahrheit ist. Die ganze steckt im persönlich empfohlenen Schellfisch (23 Euro), der - zart, aber nicht weich - mit gerösteten Weißbrotwürfeln verschmolzen ist und mit Jaromakohl und Meerrettichsoße eins beweist: Hier ist eine der besten und ambitioniertesten Küchen in Südhessen am Werk.
Dafür stehen auch die knackfrischen Blattsalate mit karamellisierten Kernen und Vinaigrette für 6,50 Euro sowie die Desserts: gefülltes Vanilleparfait mit heißen Feigen in Cassissoße oder die fantasievoll zubereitete weiße Mousse au Chocolat zu je 9 Euro.
Auf dem Teller gibt es so viel zu bestaunen, dass kaum Zeit bleibt, die Innenausstattung des Gasthauses in Augenschein zu nehmen: Vom Kitsch bis zur Klein-Kunst ist in vielen Nischen alles Mögliche vertreten; ein Grammofon, viele Bilder und dazu die von Tisch zu Tisch verschiedenen Lampen setzen Akzente im dunkelgrünen Ambiente. Die Musik ist überwiegend bis zur Wahrnehmbarkeitsgrenze heruntergedreht; nur die sequenzierten Dreiklänge des Telefons stören dann und wann.
Aber all das kann nicht davon ablenken, dass statt des bestellten französischen Rosé ein sehr deutscher Riesling vom Schweigener Weingut Friedrich Becker serviert worden ist. Ein Irrtum zu Gunsten des Gasts: Mit dem mineralisch-frischen Tropfen von der Südlichen Weinstraße (4,50 Euro) kann der um 50 Cent billigere »Côte de Provence«-Wein bei aller Fruchtigkeit nicht mithalten.
Kaffee und Espresso (je 2,50 Euro) sind annehmbar. Sie werden mit Küchlein gereicht und helfen über den Verlust von 6 Euro für eine 0,75-Liter-Flasche Selterswasser hinweg.
Vor nunmehr achteinhalb Jahren klagte derselbe Tester am selben Ort über denselben Preis für dasselbe Getränk. Er ist seitdem nicht gestiegen, was die Affäre in milderem Licht erscheinen lässt. Vielleicht ist es ja ein Zeichen: Im »Schwanen« bleibt alles, wie es ist. Gut so.
Gasthaus Zum Schwanen
Nibelungenstraße 52
64653 Lorsch
Telefon: 06251 52253
Geöffnet täglich ab 18 Uhr,
sonntags von 11.30 Uhr bis 14 Uhr.
Montag Ruhetag.
Raucherbereich: nein
Barrierefrei: nein
Gediegenes wie gemütliches Restaurant mit persönlicher Note.
Internet: www.zum-schwanen-lorsch.de

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