Geduld und Hartnäckigkeit sagt man den Pfungstädtern nach. Beim Bau der Eisenbahn haben sie das vor 150 Jahren eindrucksvoll bewiesen und bei deren Wiederinbetriebnahme vor ein paar Wochen ein weiteres Mal. Die 2004 eröffnete Umgehungsstraße war mit vier Jahren Bauzeit nach 40 Jahren Planung ebenfalls kein Schnellschuss. Oder dauert in Pfungstadt alles einfach etwas länger?
Die Inneneinrichtung der beiden Gasträume im Tiefparterre blieb praktisch unverändert, mit hoher dunkler Theke, einer langen cremefarbenen Lederbank und historischen Fotos an den Wänden. Die Speisekarte der „Strud’l-Stub’n“ ist jetzt jedoch noch kleiner als zuvor, was aber kein Nachteil ist, und bietet überwiegend österreichische Küche. Ein sehr ordentliches und überraschend preiswertes Schnitzel Wiener Art (also vom Schwein) bekam man schon vorher in der Büchnervilla, aber jetzt gibt es das original Wiener Schnitzel. Natürlich Kalbfleisch, papierdünn, in einer knusprig-trockenen Panade. Und dazu isst man keine schnöden Pommes, sondern feinwürzig abgeschmeckten, lauwarmen Kartoffelsalat. 14,50 Euro sind dafür nicht überbezahlt.
Unsere Röstkartoffeln zum Tafelspitz (15,30 Euro) unterschieden sich nach Beobachtung der Dippegucker leider kaum von diesem Kartoffelsalat, kross waren sie nicht, Röstaromen fehlten weitgehend. Dafür überzeugte das dünn geschnittene, rosarote Siedefleisch, das seinen Geschmack behalten und nicht an die Kochbrühe abgegeben hatte, auch der Kren (Meerrettich) unterstrich die Würze, ohne sie zu überdecken.
Villa Büchner - Strud’l-Stub’n
Uhlandstrasse 20
64319 Pfungstadt
Telefon: 06157 9197064
Internet: www.strudl-stubn.com
Barrierefrei: nein,
Raucherbereich: nein
Ab 5. Januar 2012 wieder geöffnet,
Dienstag bis Freitag von 11.30 bis 23 Uhr,
Samstag von 17.30 bis 23 Uhr,
Sonntag von 11.30 bis 22 Uhr.
Stilvolles und doch unkompliziertes Restaurant mit solider, bezahlbarer Küchenleistung und guten Einfällen. Sehr preiswerte Mittagsmenüs. Im Sommer schöne Außengastronomie.
Selbstverständlich muss es in der Strud’l-Stub’n auch ein Strudel sein: Wir erlebten ihn mit hauchdünnem Teig, sehr weicher, aber noch aromatischer Gemüsefüllung und feiner Sahnesause mit viel frischem Schnittlauch (6,50 Euro). Und wer zum Beilagensalat ein Dressing mit süßen Senf- und Honignoten, aber ohne störendes Sahnewasser mag, liegt hier goldrichtig.
Und bis hierhin waren wir beim Testessen auch sicher, dass keine (Halb-)Fertigprodukte auf den Tisch kommen. Bei den angenehm zarten Schweinefiletspitzen (16,90 Euro) in würziger Paprikarahmsoße wollen wir das aber zumindest für die Kartoffelkroketten und den quietschgrünen Brokkoli nicht ausschließen.
Vorweg stehen ausschließlich Suppen zur Wahl. Der luftige Grießnocken mit krosser Croutonfüllung hat in der dunklen und sehr kräftigen Fleischbrühe eine schweren Stand, die Frittaten (Flädle sagt der Schwabe) sind ihr gewachsen (jeweils 3,10 Euro). Dessertseitig finden wir in den Palatschinken mit Marillen (Aprikosen) und Eis nebst Schoko-Nuss-Soße (5,70/6,50 Euro) zwei typische Wiener Mehlspeisen, die Pfannkuchen etwas blass gebraten, aber schön leicht. Die Krönung ist natürlich der Kaiserschmarren (7,50 Euro), nicht zu locker, mit viel Puderzucker und einem sehr weihnachtlichen Zwetschgenröster, den Pflaumenmus zu nennen der Respekt verbietet. Stutzen macht den Gast indes das Kürbiskern-Krokant-Parfait, eine mintgrüne Scheibe Halbgefrorenes, die zwischen den Zähnen knirscht (Krokant!) und wie Pistazieneis aussieht, aber nach Kürbiskernöl schmeckt. Nach Eingewöhnung ausgesprochen köstlich.
Eine Getränkekarte haben wir nirgends entdeckt, sahen aber Gäste am Nebentisch Bier trinken und fanden auch 4,80 Euro für eine Flasche Elisabethenquelle im Nachhinein akzeptabel. Uns zog eine handbeschriebene Tafel mit ausgesuchten Köstlichkeiten aus der Weinwelt Österreichs in den Bann. Wenige, gute Erzeuger wie Tom Dockner oder Schweighofer, offene Weine um die 2,50 für 0,1 und um fünf Euro für 0,2 Liter. Eine Cuvee aus Pinot Noir, Zweigelt und Cabernet-Sauvignon mit dem befremdlichen Namen „Big John“ markiert bei 26 Euro pro Flasche (kaum mehr als das doppelte des Handelspreises) das obere Ende der Preisskala. Dafür gibt es einen dunkelrot schimmernden, weichen und runden Wein mit kräftigem Brombeerduft und zarten Holztönen. Der spritzige, völlig unparfümierte Sauvignon blanc geht auch gut als Alternative zum Hausaperitif Prosecco mit Holunder (3,80 Euro). Auch auf modische Rosés versteht man sich in Österreich, wie ein fruchtiger Merlot zeigt. Eine süßeTraminer-Spätlese krönt mit vielfältigen Aromen von Blüten und Honig das Dessert, könnte aber bei stärkerer Kühlung ebenfalls als Aperitif durchgehen.

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